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Borowski-„Tatort“ im Ersten : Diese Halligfahrt hat kein Happy End

Irgendwas stimmt da nicht: Borowski (Axel Milberg) und Famke (Christiane Paul). Bild: NDR/Christine Schroeder

Man kann doch nicht immer nur Rungholt zitieren: Kommissar Borowski verliert im Küstennebel die Richtung. Der Kieler „Tatort“-Ermittler weiß nicht mehr ein noch aus. Und keiner hilft ihm.

          Wenn jemand morgens ins Meer steigt und wieder zurück, wenn er in seinem Kopf eine Stimme ablaufen lässt, die von den „leichten, unhörbaren Schritten der Erinnerung“ spricht, ohne dass die Sache gleich erklärt wird, wenn zugleich aus dieser fragilen Einheit von Mensch und Element urplötzlich eine Katastrophe erwächst, weil ein toter Körper in der Badewanne gefunden wird, wie zur Erinnerung, dass dem Wasser nicht zu trauen ist, dann wird man einen solchen „Tatort“-Auftakt vielversprechend finden.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Für den ermittelnden Kommissar allerdings, den Kieler Klaus Borowski, macht diese Ausgangslage die Dinge nicht einfacher. Er sollte umso mehr seine fünf Sinne zusammenbehalten, als auf die Wahrnehmung der wichtigsten Zeugin nicht zu bauen ist – „ich weiß nichts, ich kann mich nicht erinnern“, sagt Famke Oejen, die Badende der Anfangsszene, die ausgerechnet von den „unhörbaren Schritten der Erinnerung“ Heimgesuchte, die von Christiane Paul mit großer Intensität und irritierend unzugänglich gespielt wird. Sie fand beim Heimkommen ihren Lebensgefährten Oliver tot in der Wanne. Und weil jener Mann – den sie ein halbes Jahr zuvor als einen, der „wie vom Himmel gefallen“ ist, urplötzlich kennenlernte und für ihn ihre früheren Liebhaber in den Wind schoss – sein Vorleben ganz vor ihr verborgen hatte, muss sie nicht nur mit seinem jähen Tod klarkommen, sondern auch damit, dass er ein gesuchter Verbrecher war. Einer, der seinen eigenen Tod vorgetäuscht und dafür seine Familie verlassen hatte.

          All das findet auf der kleinen, fiktiven Nordseeinsel Suunholt statt, was offenbar dazu einlädt, der gängigen Assoziationskette freien Lauf zu lassen: natürlich Rungholt, die Stadt, die in Gottes Strafgericht untergehen musste, natürlich Theodor Storms Nordseeliteratur. Und wo beides zusammengeht, in Storms großer Novelle „Eine Halligfahrt“, da bekommt Borowski just jenes Buch als Gutenachtlektüre in die Hand gedrückt. Auch das Zitat der ersten Szene stammt aus diesem Text, freilich in einer ganz anderen Bedeutung, denn Storms Erzähler weiß nur zu gut, was auf der Hallig geschah, die er ansteuerte, und wie und warum er seine Liebste verlor.

          Das Unheil nimmt seinen Lauf: Famke (Christiane Paul) und Oliver (Beat Marti).

          So taugt dann auch eigentlich eine andere Storm-Novelle viel besser als geheimer Spiegel für das Geschehen dieser Tatort-Folge. „Ich habe gerade das Gefühl, es gibt zwei Oliver, und ich kenne nur den einen“, sagt die verzweifelte Famke Oejen, obwohl sie ihren Freund bis dahin doch immer als den Mann ohne Vergangenheit ansehen wollte und sich nun damit auseinandersetzen muss, dass er auch keine Zukunft hat. Storms weniger bekannte Novelle „Ein Doppelgänger“ spielt genau das durch, was sich Famke nun notgedrungen fragt: Wenn ich mich an eine Person nur auf eine Weise erinnere, die lauter helle und freundliche Züge trägt, wie komme ich damit klar, dass der so Geliebte andernorts als gefährlicher Verbrecher angesehen wird? Was, wenn es dafür gute Gründe gibt? Und was, wenn ich nun gezwungen werde, für mich zu entscheiden, welche Perspektive gilt?

          Borowski fühlt sich auf der Insel gründlich fremd, er wird Zeuge von Famkes Racheengel-Auftritt in der Dorfkneipe – „Es war einer von euch! Und ich werde herausfinden, wer es war!“ –, und er nimmt die verstörte Frau mit sich ins Pensionsbett, als sie nicht mehr weiß, wohin mit sich. Er hört sich das wirre Gerede der Dorfbigotten an, die von Rungholt faselt und von dem nahen Ende, registriert, dass einer der zuvor Verdächtigen, der Bauer Iversen, verprügelt und den eigenen Schweinen zum Fraß vorgeworfen wird, und er driftet, wie es scheint, gedanklich immer weiter ab, beunruhigende Naturvisionen inklusive.

          All das könnte erheblich überzeugender sein, würden die Mystik und das Walten der Natur nicht so gewaltsam gesucht und heraufbeschworen, ginge die Regie (Sven Bohse) etwas sparsamer mit langsamen Auf- und Abblenden um, hielte sich der Soundingenieur (Musik: Jessica de Rooij) mit seinen forciert unheilverkündenden Klängen etwas mehr zurück und stünden die Nebelschwaden des Drehbuchs (Peter Bender, Ben Braeunlich, Sven Bohse), das dann auch noch recht sinnlos Brechts ubiquitäre „Erinnerung an die Marie A.“ herbeizitiert, nicht in so deutlichem Kontrast zu der ablaufenden Krimihandlung, die am Ende reichlich krude Lösungen der ineinander verschränkten Fälle präsentiert.

          Die Kamera (Michael Schreitel) jedenfalls sucht gern die Distanz zu allem, sie schaut aus großer Höhe auf die Insel herab, die den letzten Mord vor 43 Jahren gesehen hat, und seltsamerweise ist das Ergebnis der ständig behaupteten Abgründe der Figuren, dass sich genau diese Distanz auch beim Zuschauer einstellt: So viel Aufwand, denkt man sich, nur damit uns Famke, ihr Kommissar, die Fanatikerin und ihr irrer Neffe oder Sohn, der Bäcker und der Schweinezüchter und all die anderen so völlig kaltlassen.

          Der Tatort: Borowski und das Land zwischen den Meeren läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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