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„Tatort: Bausünden“ aus Köln : Wie ein gestrandeter Wal

  • -Aktualisiert am

Unterschlupf: Lars Baumann (Hanno Koffler, l.) bittet seine Schwägerin Daniela Mertens (Jana Pallaske, hinten) um Hilfe. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Der Kölner „Tatort“ verbindet ein Ehedrama mit dilettantischer Wirtschaftskriminalität und verabschiedet den Assistenten Reisser. Hoffentlich bringt der nächste die leicht eingerosteten Kommissare wieder auf Trab.

          Für einen „Tatort“ mit dem Titel „Bausünden“ kann es wohl keinen besseren Schauplatz geben als Köln, wo der jahrzehntelange Klotz- und Kachelfuror einen fast so großen Schaden angerichtet hat wie die verheerenden Luftangriffe im Zweiten Weltkrieg. Vom Gründerzeitantlitz der bürgerstolzen Stadt ist kaum etwas übrig, und das elegante Lifting der frühen Nachkriegsjahre wurde längst in Beton und Einfallslosigkeit erstickt. In jede Lücke quetscht man seelenlose Bürobunker. Der nächste tumbe Museumswürfel, diesmal den Blick auf den Dom verstellend, ist bereits in Planung.

          Das mit den Sünden wird im Drehbuch von Uwe Erichsen und Wolfgang Wysocki allerdings handfester verstanden, wie die Eingangssequenz deutlich macht. Da gerät – den verstreuten Utensilien nach einvernehmlich begonnener – Hotelzimmer-Sex aus der Balance, eine Frau geht in der Dusche zu Boden, Blut läuft in den Abfluss. Analogisch astrein wird zu einer anderen Toten in einem Altbau-Hinterhof übergeblendet, die ebenfalls in ihrem Blut liegt. Sie hat einen unfreiwilligen Sturz vom Balkon hinter sich, wie die rheinisch gemütlichen Schunkelkommissare Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) nach sachdienlichen Hinweisen durch Gerichtsmediziner Roth (Joe Bausch) – „Das Opfer hat zahlreiche Abwehrverletzungen an den Unterarmen“ – deduzieren. Um die Narration nicht zu kompliziert werden zu lassen, handelt es sich um eine Angestellte aus ebenjenem Hotel des Vorspanns.

          Einen guten alten „Tatort“ ohne „Schnickschnack“, dafür mit starker Pointe, hat Kaspar Heidelbach, der Haus- und Hofregisseur des Kölner Teams, angekündigt – und er hat Wort gehalten. Dabei wirft der Grimme-Preis-Träger, der zu Beginn einen knuffigen Cameo-Auftritt als Hunderentner hat, erfrischende Blicke auf seine Stadt. Neben oft und gern Gezeigtem wie dem architektonisch recht gelungenen, allerdings unterkühlten Rheinhafen werden auch kuriose Perspektiven gewählt, auf die man wohl nur als Kölner kommt: so etwa eine aparte Zeitraffer-Aufnahme von einem Parkdeck vor Renzo Pianos Weltstadthaus, das wie ein auf der Nord-Süd-Fahrt (Kölner Bausünde Nummer eins) gestrandeter Wal anmutet. Auch vor der inzwischen – Drogenkrieg! – bundesweit bekannten Albtraum-Unterführung am Ebertplatz (Rang zwei im Bausünden-Ranking) scheut sich der Regisseur nicht. Hier lässt er den Ex-Soldaten Lars Baumann (Hanno Koffler), der seine Frau vermisst, auf deren Schwester Daniela (Jana Pallaske) treffen, die ihm aber auch nicht weiterhelfen kann. Baumanns Frau möge es amourös übrigens gern rustikal, winkt man uns mit dem Zaunpfahl zu.

          Baumann ist inzwischen tatsächlich vom Bau, überwacht als Bauleiter für das schicke Kölner Architekturbüro von Hans Könecke (Julian Weigend) die Errichtung eines Hotels in Qatar, das bis zur Fußball-Weltmeisterschaft 2022 fertig sein soll. Natürlich werden nun die schlimmen Arbeitsbedingungen in Qatar thematisiert. Es fallen Begriffe wie „Sklaventreiber“ und „Hungerlöhne“. Wurde die Verschwundene, immerhin Assistentin der Geschäftsführung ebenjenes Architekturbüros, „für ihr Schweigen bezahlt“? Wurde sie ganz zum Schweigen gebracht und ihre Vertraute aus dem Kölner Hotel gleich mit? Die Bausünden scheinen hier jedenfalls nicht unbedingt ästhetische zu sein. Und Köln betreffen sie auch nur indirekt. Das ist einigermaßen schade.

          Dafür, dass dieser bräsig bei Currywurst und „Et is ming Stadt“-Klängen endende „Tatort“ im Kern ein Ehedrama mit dilettantischer Wirtschaftskriminalität verbindet und die annoncierte Pointe irgendwann zu erahnen ist – dass wir es also eher mit dem erzählerischen Pendant zum genormten Bürobunker als zur aufregenden Landmarke zu tun haben –, lässt er sich doch recht behaglich weggucken. Das liegt nicht zuletzt an der schön mit Raumtiefen und Vordergründen spielenden Kamera von Daniel Koppelkamm und der schwerelos hingedudelten Musik des „Tatort“-Maestros Klaus Doldinger. Nur Patrick Abozen bekommt auch bei seinem letzten Einsatz als Assistent Tobias Reisser keine ansatzweise spannende Szene zugestanden. Er darf Google-Suchen durchführen und Schnarchnasen-Sätze sagen wie: „Bestechung beim Bau ist normal.“ Normal für einen Assistenten ist das nicht. Der oder wohl eher die Nächste darf bitte groß aufspielen, die leicht eingerosteten Herren Kommissare hätten es nötig.

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