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FAZ.NET-Tatortsicherung : Reicht Kadyrows Arm bis nach Luzern?

  • -Aktualisiert am

Ruslan Abaev (Jevgenij Sitochin, rechts) heißt eigentlich Ramzan Khaskhanov und ist ein Terrorist - sagen die Russen. Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Im neuen „Tatort“ jagen alle einem Tschetschenen in der Schweiz hinterher. Angeblich hat er Frauen als Selbstmordattentäterinnen in den Tod geschickt. Wie realitätsnah ist die Handlung?

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          Im neuen Luzerner „Tatort: Kriegssplitter“ jagen alle Ruslan Abaev (Jevgenij Sitochin) nach. Der hat als tschetschenischer Flüchtling in der Schweiz Schutz gesucht, soll in seiner Heimat aber im Kampf gegen den russischen Staat Selbstmordattentäterinnen in den Tod geschickt haben. Nun will ihn ein Auftragsmörder aus Grosny töten, und Russland fordert seine Auslieferung. Ein Journalist, der Abaev auf den Fersen war, ist schon tot, er wurde aus dem Fenster seines Hotelzimmers gestoßen.

          Auch Nura Achmadova (Yelena Tronina), Abaevs tschetschenische Nichte, jagt den Vielgesuchten. Sie hat sich in die Schweiz einschleusen lassen, weil sie glaubt, dass er für den Tod ihrer Mutter verantwortlich ist. Dieser Verdacht beschäftigt immer mehr auch Nurali Balsiger (Joel Basman), Nuras Zwillingsbruder, der als Waise von einem Schweizer Ehepaar adoptiert wurde und eigentlich ein geruhsames Leben als junger Familienvater führt.

          Ist dieser verwickelte Plot realistisch? Lässt die tschetschenische Regierung in Europa für sich morden? Was sind „Schwarze Witwen“ - und wurden sie tatsächlich unter Drogen gesetzt? Wir haben nachgefragt.

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          Frage 1:  Ruslan Abaev lebt in der Schweiz als Flüchtling. Eigentlich aber heißt er Ramzan Khaskhanov und ist ein Kriegsverbrecher, sagen zumindest die Russen und fordern seine Auslieferung. Nicht nur Kommissarin Liz Ritschard fragt sich: Gibt es tschetschenische Kriegsverbrecher in Luzern - oder der Schweiz?

          Geschnappt: Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) nimmt den Häscher aus Grosny fest.
          Geschnappt: Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) nimmt den Häscher aus Grosny fest. : Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

          Thomas Heer (Reporter der Luzerner Zeitung):

          Davon habe ich bislang nichts gehört. Im Zusammenhang mit Kriegsverbrechern erinnere ich mich nur an den Fall eines Ruanders, der seit Jahren in einer Luzerner Landgemeinde lebt. Jahrelang wurde  in der Presse kolportiert, er sei ein Kriegsverbrecher, der 1994 am Völkermord in Ruanda beteiligt gewesen sein soll. Ruanda stellte immer wieder Auslieferungsgesuche. Der Mann, ehemaliger Minister für Umwelt und Tourismus, wurde aber nie ans Kriegsverbrechertribunal für Ruanda überstellt. Die Schweizer Militärjustiz stellte eigene Recherchen an, und Experten der Militärjustiz reisten in das Land. Die Ermittlungen führten dann zu dem Schluss: Der Ruander ist kein Kriegsverbrecher.

          Cathy Maret (Leiterin der Kommunikationsabteilung des Schweizer Bundesamts für Polizei):

          Verfahren gegen tschetschenische Kriegsverbrecher sind uns nicht bekannt.

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          Frage 2: Sind aus der russischen Teilrepublik Tschetschenien islamistische Rebellen - so wie im „Tatort“ angeblich Abaev/Khaskhanov - nach Westeuropa gekommen?

          Sprung in die Schweiz: Nura Achmadova (Yelena Tronina) hat einen Schlepper bezahlt.
          Sprung in die Schweiz: Nura Achmadova (Yelena Tronina) hat einen Schlepper bezahlt. : Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

          Uwe Halbach (Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik):

          Aus Tschetschenien sind unterschiedliche Personenkreise geflohen, darunter auch Islamisten. Aber nicht jeder tschetschenische Emigrant ist ein potentieller Dschihadist. Ramzan Kadyrow (Anm. d. Red.: seit 2007 Präsident der russischen Teilrepublik Tschetschenien) hat bei seiner Bekämpfung des Aufstandes Methoden genutzt, die weit ausgreifen auf die tschetschenische Gesellschaft, etwa Sippenhaft. Bei Terrorverdacht wird gleich die ganze Verwandtschaft des Verdächtigen verfolgt und unter Druck gesetzt. Das ist in Tschetschenien ein weites Umfeld. Unter diesen Bedingungen kommt es zur Flucht. Der neue Bericht von Amnesty International weist auf die sehr prekäre Menschenrechtssituation in Tschetschenien hin.

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          Frage 3: Laut dem russischen Auslieferungsgesuch soll Abaev alias Khaskhanov tschetschenische Frauen als Selbstmordattentäterinnen rekrutiert haben, ehe er 2001 in die Schweiz kam. Was sind „Schwarze Witwen“, und gab es tatsächlich Fälle, in denen sie unter Drogen gesetzt wurden?

          Ena Abaev (Natalia Bobyleva, rechts) ist keine „Schwarze Witwe“, blütenrein ist ihre Weste aber auch nicht.
          Ena Abaev (Natalia Bobyleva, rechts) ist keine „Schwarze Witwe“, blütenrein ist ihre Weste aber auch nicht. : Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

          Uwe Halbach (Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik):

          Bekannt in Russland und darüber hinaus wurde der Begriff der „Schwarzen Witwen“ durch die Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater im Oktober 2002. Da waren neben 21 männlichen Geiselnehmern auch 19 in schwarze Gewänder gehüllte Frauen beteiligt, die angeblich Sprengstoffgürtel dabei hatten. Es gab eine Welle von Selbstmordanschlägen, an denen Frauen beteiligt waren. Seit 2013 gab es aber keine größeren Anschläge in Russland mehr, in Tschetschenien ist die Untergrundtätigkeit schon seit langem erheblich eingedämmt.

          Zur Erklärung des Phänomens der „Schwarzen Witwen“ gibt es unterschiedliche Theorien: Die eine besagt, dass diese Frauen während der zwei Tschetschenien-Kriege, die auf brutalste Weise geführt wurden, furchtbare Gewalterfahrungen gemacht und männliche Verwandte verloren hatten, also Rache nahmen. Die zweite Einschätzung, die vor allem in den russischen Medien verbreitet wird, ist, dass diese Frauen von zum Teil aus dem Ausland kommenden Dschihadisten rekrutiert und unter Druck gesetzt wurden. Diese Darstellung verdrängt, dass diese Frauen erhebliche Gewalterfahrungen gemacht haben. Es ist nicht auszuschließen, dass es Fälle gegeben hat, in denen Frauen unter Drogen gesetzt wurden, aber das war mit Sicherheit nicht das Hauptrekrutierungsinstrument und ist keine durchgängige Erklärung für das Phänomen der „Schwarzen Witwen“.

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          Frage 4: Russland bemüht sich um die Auslieferung des angeblichen Kriegsverbrechers Khaskhanows. Doch auch ein Auftragsmörder, aus der tschetschenischen Hauptstadt Grosny geschickt, trachtet diesem nach dem Leben - gegen den Willen der russischen Botschaft. Ist dieses zweigeteilte Handeln realistisch?

          Glaubwürdig? Die Schweizer Kommissare diskutieren das russische Auslieferungsbegehren.
          Glaubwürdig? Die Schweizer Kommissare diskutieren das russische Auslieferungsbegehren. : Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

          Uwe Halbach (Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik):

          Es gibt Stimmen in Russland, die sagen, dass Tschetschenien unter der Herrschaft von Ramzan Kadyrow letztlich eine erfolgreichere Sezession gelungen ist als den bewaffneten Separatisten in den 1990er Jahren. Kadyrow verfolgt eine Doppelstrategie: Auf der einen Seite steht die Beschwörung der Zugehörigkeit Tschetscheniens zu Russland und die Verehrung von Putin, auf der anderen Seite macht Kadyrow ganz und gar sein eigenes Ding. Einerseits bekämpft er den islamistischen Untergrund, andererseits übernimmt er Elemente, die ins Repertoire des Gegners gehören, etwa Äußerungen über die absolute Unterordnung der Frau. Putin lässt Kadyrow weitgehend gewähren, unter anderem auch deshalb, weil Kadyrow mit einem gewissen Erfolg den Aufstand in Tschetschenien deutlich reduziert hat. Es gibt viel zu wenige Einwände gegen die Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien. Das hat auch schon innerhalb der russischen sicherheitspolitischen Elite um Putin herum für Verdruss gesorgt. Es gibt ein Unverständnis darüber, dass Putin Kadyrow so an der langen Leine lässt.

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          Frage 5: Welchen realen Hintergrund könnte der dargestellte Mordversuch an Abaev alias Khaskhanov haben?

          Uwe Halbach (Wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Stiftung Wissenschaft und Politik):

          Es gab etliche Morde an Gegnern von Ramzan Kadyrow im Ausland. Keiner wurde restlos aufgeklärt. Die bekanntesten Fälle waren die Morde an Sulim Jamadajew in Dubai und Umar Israilov in Wien. Jamadajews Clan stand mit Kadyrows Clan in Konflikt; Israilov war ein ehemaliger Leibwächter Kadyrows und hatte über Menschenrechtsverletzungen seines früheren Dienstherren berichtet. Kadyrow greift weit über Tschetschenien hinaus und lässt seine Gegner auch im Ausland verfolgen und unter Druck setzen. In seinen Verlautbarungen, etwa bei Instagram, wo er seine Gegner einschüchtert, wird deutlich, dass er das Exil nicht als Rettung für sie ansieht.

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