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FAZ.NET-Tatortsicherung : Können Blumen den Mörder verraten?

  • -Aktualisiert am

Klara Blum (Eva Mattes) fragt sich in ihrem letzten Fall, „Wofür es sich zu leben lohnt“. Isolde (Irm Hermann) hat die Antwort bereits gefunden: Rache! Bild: SWR/Patrick Pfeiffer

Im letzten „Tatort“ vom Bodensee bringen Pollen die Kommissare auf die richtige Spur. Wie gängig ist die Analyse von Blütenstaub bei Mordermittlungen? Ein Experte berichtet aus dem Spurenlabor.

          3 Min.

          Klara Blum (Eva Mattes) erfährt in dieser Folge von ihrem Arzt, dass sie schwer herzkrank ist. „Wofür es sich zu leben lohnt“ wird damit zum alles bestimmenden Thema der letzten Folge des Bodensee-„Tatorts“.

          Zwei Menschen müssen sich diese Frage indes nicht mehr stellen: Ein regional bekannter Rechtspopulist treibt ausgeblutet in einem kleinen Boot auf dem See, ein gieriger Anlageberater wird Opfer eines Giftmordes.

          Wer hat entschieden, dass ihr Leben nicht mehr lohnenswert ist? Die Antwort kennt in diesem „Tatort“ nur der Wind, beziehungsweise das, was er mit sich herumträgt. Wir haben Experten gefragt, wie realistisch das ist.

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          Matteo Lüthi: „Unser Rechtsmediziner hat Spuren gefunden. Blütenspuren von einer Alpenblume. Die kleinblütige Bergminze. Die blüht kaum. Zu dieser Jahreszeit gar nicht. Wenn überhaupt, in den Höhen.“ (Minute 10 und 11)

          Frage 1: Im letzten Bodensee-„Tatort“ wird der Fund von Pollen als heiße Spur in einem Mordfall inszeniert. Taugen die tatsächlich als Indiz in einer polizeilichen Ermittlung?

          Ein Grab aus Blumen: Rechtspopulist Josef Krist (Thomas Loibl) wurde sorgfältig zur letzten Ruhe gebettet.
          Ein Grab aus Blumen: Rechtspopulist Josef Krist (Thomas Loibl) wurde sorgfältig zur letzten Ruhe gebettet. : Bild: SWR/Patrick Pfeiffer

          Antwort von Prof. Dr. Reinhard Szibor (Diplom-Biologe, ehemaliger Leiter des Spurenlabors des Instituts für Rechtsmedizin an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg):

          Pollenanalysen werden traditionell durchgeführt, um erdgeschichtliche Fragen zu klären und um die Herkunft historischer Artefakte zu bestimmen. Denn Blütenpollen sind sehr widerstandsfähig und können Jahrhunderte, sogar Jahrtausende überdauern. Ein Beispiel: Das Turiner Grabtuch, dessen Echtheit ja beständig angezweifelt wird, wurde dahingehend untersucht, ob es überhaupt aus dem Gebiet des heutigen Israel stammen kann. Die Antwort lautete „ja“, da sich an ihm Pollen von Pflanzen aus dieser Region nachweisen ließen. Als Wissenschaftler im Institut für Rechtsmedizin  habe ich vor einigen Jahren an der Universität Magdeburg eine Doktorarbeit vergeben, in der ein Student ein Jahr lang seine Taschentücher auf Pollen untersucht hat. Das Ergebnis: Je nach Jahreszeit konnte er Pollen von jenen Pflanzen in seinem Nasensekret nachweisen, die zu diesem Zeitpunkt auch blühten. Mit Hilfe von Pollen lässt sich in einer forensischen Fallarbeit also sowohl ein örtlicher, als auch ein jahreszeitlicher Bezug herstellen.

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          Frage 2: Die Untersuchung eines Mordopfers auf Blütenpollen wird im Film quasi als Standard dargestellt. Entspricht das der Realität?

          Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) und Mattheo Lüthi (Roland Koch) müssen der Witwe des Mordopfers (Julia Jäger) mitteilen, dass sie noch weitgehend im Dunkeln tappen.
          Kai Perlmann (Sebastian Bezzel) und Mattheo Lüthi (Roland Koch) müssen der Witwe des Mordopfers (Julia Jäger) mitteilen, dass sie noch weitgehend im Dunkeln tappen. : Bild: SWR/Stephanie Schweigert

          Antwort von Prof. Dr. Reinhard Szibor:

          In Deutschland gehört das sicher nicht zum Standardrepertoire eines Rechtsmediziners. Die Frage, ob eine Pollenanalyse in einem bestimmten Fall hilfreich sein könnte, sollte allerdings immer gestellt werden. Mir sind mehrere Fälle bekannt, in denen Opfer oder mutmaßliche Täter schwerer Delikte wie Mord oder Vergewaltigung auf Pollen untersucht und damit Tathergänge rekonstruiert wurden. Klassisch ist der Nachweis einer Hergang-Ortbeziehung. Meine Mitarbeiter und ich haben erstmals in der Geschichte der forensischen Pollenanalyse erfolgreich auch zeitliche Abläufe untersucht. Ende der 1990er-Jahre haben wir beispielsweise nachweisen können, dass Tote in einem Massengrab in Magdeburg nicht, wie zunächst vermutet, Opfer der Gestapo kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs im Frühjahr geworden waren. Wir fanden vielmehr heraus, dass es sich vermutlich um sowjetische Soldaten handelte, die von der sowjetischen Geheimpolizei im Zuge des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 ermordet worden waren. Denn die Pollen, die wir in den Nasenhöhlen einiger Schädel fanden, waren von Pflanzen, die im Sommer blühen. Beim Fund einer weiblichen Leiche in einem Magdeburger Keller fanden wir wiederum heraus, dass die Frau im Winter umgekommen sein musste, da wir in einem Taschentuch, das bei der Leiche gefunden worden war, kaum Pollen fanden.

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          Frage 3: Die „kleinblütige Bergminze“ führt die Ermittler letzten Endes auf die richtige Fährte – weil ihr ein Attribut zugeschrieben wird, das den Täterkreis stark einschränkt. Denn die Blume blüht im Winter in freier Natur angeblich nur in höheren Lagen. Widerspricht das nicht jeglicher botanischer Logik?

          Eine Blume führt Klara Blum in die Gärtnerei von Catharina (Hanna Schygulla).
          Eine Blume führt Klara Blum in die Gärtnerei von Catharina (Hanna Schygulla). : Bild: SWR/Patrick Pfeiffer

          Antwort von Dr. Veit Martin Dörken (Botaniker an der Universität Konstanz):

          Wenn ich aktuell aus dem Fenster schaue, sind viele Berge im Umkreis in den Höhen bereits mit Schnee bedeckt. Insofern ist die Aussage, eine Blume würde im Winter „nur in den Höhen blühen“ in der Tat äußerst merkwürdig – besonders  dann, wenn es sich um eine wärmeliebende Art handelt wie der „Clinopodium nepeta“, so die botanische Bezeichnung für die „Kleinblütige Bergminze“. Außerdem kommt diese in der Bodensee-Region eigentlich so gut wie gar nicht vor – außer natürlich, sie wird gärtnerisch kultiviert.

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