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Borowski-„Tatort“ : Ausgerastet vor Neid

  • -Aktualisiert am

Die Kassiererin Peggy verwüstet in Rage das Wohnzimmer. Bild: NDR/Christine Schroeder

Kann denn Lotto tödlich sein? Axel Milberg ermittelt als Kommissar Borowski unter neidischen Nachbarn. Doch es ist eine Schauspielerin, die einige der Schwächen des Drehbuchs auffängt.

          In Kommissar Borowskis neustem Fall geht es um nicht weniger als die Frage, was im Leben glücklich macht. Die Frau in der Eröffnungsszene hat darauf offensichtlich keine befriedigende Antwort gefunden, sonst würde sie nicht die Wohnzimmereinrichtung ihres Vorort-Häuschens buchstäblich niedermähen. Was macht Peggy (Katrin Wichmann) so wütend?

          „Wir haben alles, was wir brauchen, oder?“, fragt sie wenige Tage zuvor ihren Mann Micha (Aljoscha Stadelmann). „Mehr wäre unanständig“, findet er, doch Peggy sieht das anders. Durchs Fenster hat sie beobachtet, wie ihre Nachbarn bei der Lottozahlen-Verkündung in einen Freudentanz ausgebrochen sind. Nicht nur ist das Ehepaar Dell von gegenüber gebildeter und glamouröser (das weiß Peggy von Instagram), nun haben sie offensichtlich auch noch den Jackpot geknackt. Und den Champagner bezahlt Victoria Dell (Sarah Hostettler) ausgerechnet bei Peggy an der Kasse, ohne Notiz von ihrer Nachbarin zu nehmen.

          Das ist eine Demütigung zu viel. In der Überzeugung, sich nur zu holen, was ihr zusteht, bricht Peggy gegenüber ein und sucht nach dem großen Los. Doch plötzlich steht Thomas Dell (Volkram Zschiesche) in der Tür. Erst fallen Worte, dann Schüsse. Kurz darauf liegt der Mann mit durchsiebter Brust am Boden.

          Abgeführt wird zunächst die Ehefrau, die nach dem Auffinden der Leiche erst mal eine frische Schicht Make-up auflegt. Sie hatte Zugang zur Tatwaffe und ein Motiv. Doch Borowski (Axel Milberg) wittert, dass hier mehr im Argen liegt, und er hegt Sympathie für die kühl wirkende Frau. Seine neue Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) kann ihre Abscheu dagegen kaum verbergen und ist von Frau Dells Schuld überzeugt.

          Unsichtbar als Kassiererin 

          Wie üblich bei den von dem Drehbuchautor Sascha Arango erdachten Fällen geht es in diesem „Tatort. Borowski und das Glück der Anderen“ weniger um die Suche nach dem Täter als um dessen Beweggründe. In der Regel hat Arango einen wachen Blick für Milieus. Dieses Mal werden aber deutlich zu viele Klischees bemüht, um eine Geschichte aus der Arbeiterklasse zu erzählen. Bei Peggy beginnt das mit ihrem Namen; sie raucht, kaut Kaugummi und trägt bunten Modeschmuck zum hellblauen Lidschatten. Als ihre Kollegin von dem Lottogewinn erfährt, träumt sie vom Auswandern nach „Malle“ und stimmt einen Helene-Fischer-Hit an.

          Das erschwert den Zugang zu einem eigentlich spannenden Thema: den Auswirkungen von Neid und Ungerechtigkeit. Katrin Wichmann kann die Schwächen des Drehbuchs mit ihrem nuancierten Spiel teilweise auffangen, aber die Dialoge machen es ihr nicht leicht. „Wenn ich an der Kasse sitze, bin ich unsichtbar für die meisten. Ein Niemand. Verstehen Sie? Einfach nur Luft. Sie sehen mich, stimmt’s?“, eröffnet sie Borowski im Verhör. Dann verabschiedet sie sich mit einem Wangenkuss von dem Kommissiar, den sie gerade zum ersten Mal getroffen hat.

          „Er sieht die Liebe. Ich sehe das Böse“, so beschreibt der Drehbuchautor Arango seine Zusammenarbeit mit dem Regisseur Andreas Kleinert. Dessen Bemühung, der Protagonistin Liebenswertes zuzuschreiben, ist offensichtlich. Doch fällt das zunehmend schwer, wenn die Peggy in Selbstmitleid badet und im Materiellen, das sie sich mit großer Verschlagenheit anzueignen bereit ist, den einzigen Quell ihres kindlich wirkenden Glücks sieht. Überzeugen kann dieser „Tatort“ damit, wie er das Stammpersonal in Szene setzt. Die Beziehung zwischen Borowski und Mila Sahin entwickelt sich in ihrem zweiten gemeinsamen Fall in Richtung einer Vater-Tochter-Dynamik, die dem einzelgängerischen Kommissar neue Impulse geben könnte.

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