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FAZ.NET-Tatortsicherung : Jenseits von Eden

Borowski und die Kinder von Gaarden: der Kommissar (Axel Milberg) befragt die Gang (Samy Abdel Fattah, Jeffrey Tormekpey, Zoran Pingel, Mert Dincer) Bild: NDR/Christine Schroeder

Jungs feiern Porno-Partys bei einem Pädophilen. Der Kiez-Polizist spielt sich als Platzhirsch auf. Und nur ein Hund gibt Wärme. „Borowski und die Kinder von Gaarden“ zeichnet ein trauriges Bild von der Kieler Vorstadt. Der Krimi im Realitäts-Check.

          4 Min.

          Ein verwahrloster Mann wird in seiner ebenso verwahrlosten Wohnung in einem armseligen Stadtbezirk erschlagen aufgefunden. Die Kieler Kommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) stochern bei ihren Ermittlungen in einem Nebel aus Gleichgültigkeit. Nur eine Horde Kinder hatte offenbar Kontakt zu Otto Steinhaus. Sie hingen bei ihm ab, feierten Partys, guckten Pornos - obwohl der Alte wegen Pädophilie vorbestraft war, und dies auch alle wussten.

          „Borowski und die Kinder von Gaarden“ zeichnet ein tristes Bild von der Abwärtsspirale aus Armut und Gleichgültigkeit in der Vorstadt. Aus dem es für die titelgebenden Kinder keinen Ausweg zu geben scheint. Zusätzlich gespiegelt wird das soziale Milieu von Revier-Sheriff Thorsten „Rauschi“ Rausch (Tom Wlaschiha), der sich als Platzhirsch aufspielt und seinen Kiez gegen die Kripo-Beamten verteidigen will.

          ***

          Frage 1: Kommissar Borowski versucht, mit dem 15 Jahre alten Timo Scholz (Bruno Alexander), der möglicherweise vom späteren Todesopfer missbraucht worden war, ins Gespräch zu kommen, scheitert aber zunächst. „Was mache ich falsch“ fragt Borowski und Timo antwortet: „Regel 1: Richtig gibt es hier nicht“ (22. Minute). Wie kann ein Ermittler das Vertrauen von Jungs wie Timo und seiner Clique gewinnen?

          Keine schlechte Idee: Gespräch auf Augenhöhe zwischen Borowski und den Jungs

          Antwort von Stefan Chirvi  (Leiter des 4. Reviers der Kieler Polizei, zuständig für das Kieler Ostufer inklusive des Stadtteils Gaarden):

          Wir haben spezielle Jugendermittler, die besonders für den Umgang mit Heranwachsenden geschult sind. Ihre Vorgehensweise ist aber kein Wunderwerk, sondern basiert auf ganz normalen Gesprächsregeln. Es gibt keine speziellen Vorgaben: 'wenn der eine X sagt, muss ich mit Y antworten'. Im Laufe der Zeit sammeln die Ermittler ihre Erfahrungen und können darauf zurückgreifen, um Vertrauen zu gewinnen.

          Antwort von Helga Schreitmüller (Geschäftsführerin im Kieler Netzwerk gegen Kinderarmut):

          Wenn Timo Scholz tatsächlich missbraucht wurde, liegt eine schwere Traumatisierung vor, so dass es für Außenstehende meist noch schwerer ist, sein Vertrauen zu gewinnen. Grundsätzlich müssen Timo und seine Clique ernst genommen werden. Borowski sollte betonen, wie wichtig die Jungs bei den Ermittlungen sind, aber keinen Druck ausüben. Der Kontakt sollte auf Augenhöhe erfolgen: die Jungs möchten nicht von oben herab behandelt werden. Timo will zudem nicht bemitleidet werden. Vielleicht ist er Opfer, aber er will nicht nur als Opfer wahrgenommen werden, sondern sich stark und aktiv fühlen. Deshalb äußern sich viele Opfer aggressiv – häufig männliche.

          ***

          Frage 2: Im Kieler Tatort ist die Antipathie zwischen Kriminalkommissar Borowski und Polizeihauptmeister Rausch von der ersten Szene an spürbar (5., 19., 75. Minute). Gibt es diese Probleme zwischen scheinbar überheblichen Stadtermittlern und vermeintlich minderwertigen Vorstadtpolizisten, die sich dann besonders wichtig aufspielen, tatsächlich?

          Sie kennen sich von früher: Aus der „kleinen Nachbarin“ wurde die toughe Kommissarin Sarah Brandt (Sibel Kekilli), aus dem großen „Rauschi“ nur der Vorstadt-Bulle Thorsten Rausch (Tom Wlaschiha)

          Antwort von Stefan Chirvi (Leiter 4. Revier Kiel):

          Glücklicherweise gibt es diese Sparten-Unterschiede nicht mehr wie früher. Aber selbst vor 30 Jahren war es nicht so, dass der Schutzmann dem Kripobeamten den Kaffee gebracht hat. Heutzutage ist die Ausbildung ähnlich und auch die Bezahlung. Es gibt keinerlei grundsätzliches Unter- und Überordnungsverhältnis. Auch wenn Ermittlerteams gebildet werden, ist der, der die Uniform trägt, nicht automatisch untergeordnet - auch wenn dieses Klischee in vielen Krimis leider immer noch vermittelt wird.

          ***

          Frage 3: Das Thema Jugendarbeitslosigkeit schwebt im Film wie ein Damokles-Schwert über dem gesamten Stadtteil. Timo will Matrose werden, um möglichst weit wegzukommen aus der Alltags-Tristesse (32. Minute). Er hat 20 Bewerbungen geschrieben, aber nur drei Antworten bekommen (alles Absagen). Gibt es das Kains-Mal einer „falschen“ Postadresse tatsächlich?

          Zimperlich darfst du nicht sein jenseits von Eden: Die Kumpels (Samy Abdel Fattah, Zoran Pingel, Mert Dincer) konfrontieren Timo (Bruno Alexander) mit einem Handy-Video

          Antwort von Stefan Chirvi (Leiter 4. Revier Kiel):

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