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„Tatort“ aus Dortmund : Ihre Dämonen sind nicht zu bändigen

  • -Aktualisiert am

Sie spielen lauter Notfälle: Aylin Tezel, Anna Schudt, Doris Schretzmayer und Jörg Hartmann (von links) im „Tatort: Inferno“. Bild: WDR/Thomas Kost

Der Dortmunder „Tatort“ ist im innersten Kreis der Hölle angekommen. Hier gibt es nicht einmal mehr Vergeltung, nur noch Verzweiflung. Das gilt vor allem für die Kommissare.

          Die Notaufnahme ist oft die letzte Rettung, nicht nur, weil dort rund um die Uhr operiert wird, sondern auch, weil diese Station – zumindest in der Theorie – keinen Notfall abweisen darf. Nach einem Hafen der Hoffnung sieht es hier nun aber so gar nicht aus. Die heruntergekommene, überlastete, von Verrückten und Verzweifelten heimgesuchte Notaufnahme eines Dortmunder Krankenhauses, wie der „Tatort“ sie porträtiert, ist anders als in kitschigen Ärzteserien eine kalte, anonyme und lieblose Angelegenheit, ein Albtraum aus Hektik und Linoleum. Zu allem Überfluss zerlegt sich diese Station vor den Augen der Zuschauer auch noch selbst, beginnend mit dem obskuren Plastiktüten-Tod einer Internistin. Ob ein Suizid vorliegt, ein Sexunfall oder Mord, steht zunächst nicht fest, aber die von außen abgeschlossene Tür des Ruheraums mit der Leiche lässt nichts Gutes erahnen.

          Niedertracht, Leid und Ausweglosigkeit just da zu verorten, wo das Rettende herkommen soll, ist der ultimative Tiefschlag. Das prägnante, vielleicht ein wenig zu düstere Buch von Markus Busch kostet diese erzählerische Bösartigkeit aus, zumal der Freudlosigkeit des Klinikalltags kein auch nur ansatzweise positives Gegenbild kontrastiert wird. Im Team der Kommissare Martina Bönisch (Anna Schudt) und Peter Faber (Jörg Hartmann) geht es schließlich schon lange zu wie in einer dysfunktionalen Familie. Bönisch, das Muttertier, wirkt erschöpft; der bislang recht alerte, aber egozentrische jüngere Kollege Jan Pawlak (Rick Okon) hat nun offenbar auch ernste Privatprobleme, und Nora Dalay (Aylin Tezel) wird weiter von Panikattacken geplagt.

          Im Mittelpunkt steht einmal mehr Fabers Lebensmüdigkeit, mal ein Wegdämmern, meist aber ein cholerisches Um-sich-Schlagen voller Selbsthass. Man könnte an ihm die alte Laokoon-Diskussion neu aufziehen: Schmälert es den Heldenstatus eines Kämpfers, wenn sich im größten Schmerz seine Züge verzerren, wenn er brüllt wie ein geopferter Stier? Seit einigen Folgen kehren Fabers Dämonen machtvoll zurück. Die Erinnerung an die ermordete Familie – Ehefrau und Tochter – raubt dem Zyniker den Schlaf. Die aggressive Kaputtheit dieses zu Alleingängen neigenden Charakters mag allmählich nerven, aber so direkt und physisch, wie Hartmann seine Figur anlegt, bekommt uns dieser Höllenfahrer doch jedes Mal aufs Neue. Diesmal fasziniert die radikale Konsequenz, mit welcher der Faber-Handlungsstrang in die Katastrophe mündet. Selbst der Saab geht dabei drauf. Spätestens jetzt müsste die Versetzung in den Innendienst erfolgen.

          Gleich drei der Kommissare sehen wir mit einer Plastiktüte über dem Kopf, und stets ist es ein Flirt mit dem Todestrieb. Parka-Faber wird nicht ohne Grund mehrfach mit einem Patienten verwechselt. Eine Pflegerin (Lisa Jopt) mit ausgewachsenem Helfersyndrom bringt derweil verletzte Tiere mit in den Hygienebereich der Klinik. Bald weiß man nicht mehr, wer Hilfesuchender und wer Helfer ist, wer für das Gesetz steht und wer es bricht. Der befremdlich einfühlsame, selbst Faber halb um den Finger wickelnde Stationschef Dr. Norstädter (Alex Brendemühl) wiederum ist eine Jenseitsfigur. Diesem Samtstimmenverführer, der nicht an die Grenze zwischen krank und gesund glaubt, hatte sich auch die tot aufgefundene Notfallärztin anvertraut. Sie litt an Depressionen, einer unglücklichen Ehe und dem Abgleiten des Sohns in die Drogen. Während wir das alles zu verdauen haben, präsentiert uns der Film den nächsten Todesfall. Kein Ausweg, nirgends.

          Die konzise Regie von Richard Huber verweigert bewusst das Durchatmen und den Überblick. Einzig in der Nähe des unheimlichen Stationsleiters kehrt etwas Ruhe ein, wird der Farbton wärmer. Ansonsten irrt die Kamera (Robert Berghoff) über weißgraue Klinikflure und durch verwinkelte Innenräume, lugt hinter Vorhänge oder durch Türspalte. Eine Verfolgungsjagd wurde maximal unübersichtlich auf Straßenniveau gefilmt, meist durch die Scheiben des verfolgenden Wagens hindurch. Und was man von der Stadt sieht, wirkt wieder postapokalyptisch (der Dortmunder Oberbürgermeister kann sein Beschwerde-Fax an Tom Buhrow gleich noch einmal losschicken).

          Wo vor langer Zeit Leben und Liebe gewesen sein muss, im Leben der Opfer wie der Ermittler, nichts als Tristesse also. Das Klinikwesen erscheint als System am Rande des Zusammenbruchs. Wo Empathie walten sollte, stoßen die Kommissare auf ein Geflecht aus Macht, Abhängigkeit und Angst vor Kontrollverlust. Diese Endzeitstimmung hat wagnerische Dimensionen: Tot denn alles! Alles tot? Aber nein, nicht ganz, da ist ein Fünkchen Leben in dem geschundenen Leib, der am Ende in die Notaufnahme geschoben wird. Und ohne einen vertrauensvollen letzten Satz werden wir nicht entlassen. Schon bei Dante führte ein Gang vom Inferno in die gegenüberliegende Hemisphäre mit dem Läuterungsberg. Vielleicht beginnt nun auch hier der Wiederaufstieg.

          Der Tatort: Inferno läuft an diesem Sonntag, 14. April, um 20.15 Uhr im Ersten.

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