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FAZ.NET-Tatortsicherung : Vierzig Tote suchen einen Schuldigen

Lächelnde Widersacher: Richard Harloff (Ulrich Matthes, links) und Felix Murot (Ulrich Tukur) Bild: HR/Philip Sichler

Der neue „Tatort“ war eine Gewaltorgie mit klassischer Musik und barocken Gemälden. Die Handlung wirkte ausgeklügelt, die Polizei machtlos. Passte das alles zusammen? Der Sonntagskrimi im Realitätstest.

          4 Min.

          Im neuen „Tatort“ aus Wiesbaden hat die Handlung gleich mehrere doppelte Böden. War am Ende alles nur eine große Illusion, vielleicht sogar ein Traum von Murot? Andererseits sind viele Details der Krimihandlung sorgfältig recherchiert worden. Der Diplomatenpass, den Richard Harloff (Ulrich Matthes) besitzt, wird zum Beispiel fachmännisch als „akkreditierter“ bezeichnet, weil er andernfalls nicht gültig wäre. Auch die Behauptung, dass das in Bolivien ausgestellte Dokument den Inhaber von der Visumpflicht befreit, ist zutreffend. Höchst fraglich ist allerdings, ob das Auswärtige Amt einen international bekannten Kriminellen wie Richard Harloff akkreditiert hätte.

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Ansonsten leistet sich der neue hessische „Tatort“ künstlerische Freiheit nach Lust und Laune. Zusammengearbeitet hat der HR mit dem Städel Museum; das hauseigene Sinfonieorchester hat eigens für diesen „Tatort“ eine Reihe von Musikstücken eingespielt, darunter Motive aus François Truffauts Filmklassiker „Jules und Jim“. Trotz der vielen Anspielungen wird man aber am Schluss den Eindruck nicht los, dass der neue „Tatort“ dann doch kein sorgfältig verrätseltes Mosaik, sondern über weite Strecken ein bombastischer Taschenspielertrick war.

          Wir haben zwecks kriminalistischer Fortbildung mal die harten Fakten herausgeschält.

          ***

          Frage 1: Wann tritt das LKA statt der örtlichen Polizeidienststelle bei Mordermittlungen in Aktion?

          Kommen sich näher: Murot und seine Assistentin Magda Wächter (Barbara Philipp)

          Antwort von Udo Bühler (Pressestelle des HLKA Wiesbaden):

          Da gibt es verschiedene Varianten. Die eine ist: Wir werden beauftragt von der Staatsanwaltschaft, weil zum Beispiel Hintergründe vermutet werden, die im Bereich der organisierten Kriminalität liegen. Außerdem kann es sein, dass die eigentlich zuständige örtliche Dienststelle einen personellen Engpass hat und uns um Hilfe bittet. Das muss dann mit dem Landespolizeipräsidium abgestimmt werden. Bei den Morden an der Eisdiele in Rüsselsheim zum Beispiel, eigentlich ein Fall für das Polizeipräsidium in Südhessen, hat man sich in der Nacht noch darauf verständigt, dass das LKA übernimmt, unterstützt von der örtlichen Dienststelle. Manchmal werden wir von der Staatsanwaltschaft auch beauftragt, um Altfälle aufzurollen.

          ***

          Frage 2: Murot muss eine Sonderkommission (Soko) leiten. Wann wird eine solche eingesetzt?

          Antwort von Udo Bühler:

          Eine Soko oder eine Arbeitsgruppe richtet man ein, wenn davon ausgegangen wird, dass die Ermittlungen komplexer sind als gewöhnlich, wenn die Ermittlungen verschiedene kriminalistische Bereiche betreffen. Wenn zum Beispiel ein Verbrechen vordergründig ein Tötungsdelikt ist, man aber vermutet, dass das Delikt im Bereich Drogen- oder Finanzkriminalität angesiedelt ist, dann nimmt man Polizisten, die in diesem Bereich arbeiten, hinzu.

          ***

          Frage 3: Wie nimmt die Polizei Personenbestimmungen aufgrund von „Videoaufnahmen“ vor? Kann eine Übereinstimmung mit Bildvorlagen in Prozentzahlen angegeben werden?

          Kommissar: „Kann sein, dass wir ihn haben. Wir haben die polierten Aufnahmen mit Interpol verglichen und eine 80-prozentige Übereinstimmung gehabt.“

          Überwachung verkehrt: Harloff observiert die Polizei

          Antwort von Udo Bühler (Pressestelle des HLKA Wiesbaden):

          Bei Fällen mit ausländischen Verdächtigen greifen wir auf Interpol zurück. Übereinstimmung wird aber nicht in Prozent gemessen, sondern mit den Begriffen „wahrscheinlich“, „höchstwahrscheinlich“, „unwahrscheinlich“ kategorisiert.

          ***

          Frage 4: Murot leitet die Ermittlungen weiter, obwohl er mit dem Verdächtigen vor 30 Jahren auf der Polizeischule befreundet war. Darf er das?

          Antwort von Udo Bühler:

          Grundsätzlich darf er das, es wäre kein absolutes No-Go. Der Ermittler muss für sich überlegen: Kann ich in dem Fall objektiv ermitteln oder nicht. Darauf zu achten, dass die Ermittlungen nicht in eine bestimmte Richtung gelenkt werden, ist Sache des Vorgesetzten. Der Ermittler muss den Vorgesetzten von seiner persönlichen Beziehung aber auf jeden Fall unterrichten.

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