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Der „Tatort“ aus Frankfurt : Mutti ist die Bestie

Übersinnlich: Im Frankfurter „Tatort. Fürchte Dich“ kann Fanny (Zazie de Paris) tote Menschen sehen. Bild: HR/Andy Fetscher

Voll paranormal: Frankfurts „Tatort“ will mehr erzählen als nur eine böse Geistergeschichte. Das ist ein wenig zu viel des Bösen.

          Fanny (Zazie de Paris), die Hausherrin, ist alles andere als entgeistert. Sie ist vielmehr be-geistert, also besessen. Deshalb sieht sie mit ihren feuerroten Haaren und weißen Kontaktlinsen auch aus wie die böse Zwillingsschwester von Brigitte Mira in einem Marylin-Manson-Kostüm. Gerade hat sie eine Tennissocke verspeist. Ihr Hals sei „von dieser Sportsocke völlig ausgetrocknet“, sagt sie und verlangt mit tiefem Ton ein Glas Wasser. Wenig später singt sie mit einer hohen Mädchenstimme ein Kinderlied.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Es braucht Humor für diesen geistreichen „Tatort“ aus Frankfurt. Anlässlich der Nacht vor Allerheiligen, in der inzwischen nicht mehr nur in den Vereinigten Staaten „Halloween“ gefeiert wird, erzählt das Team um den Regisseur und Autor Andy Fetscher und dessen Koautor Christian Mackrodt eine echte Gruselgeschichte. Es geht um einen „paranormalen Fall“, der die Kommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) „psychisch und physisch an ihre Grenzen bringt“.

          Gut, so ernst nehmen die das wohl nicht – oh doch!

          Dabei beginnt es so schön überzogen, dass man glaubt, man habe es mit einem augenzwinkernden Abklatsch eines Edgar-Wallace-Krimis zu tun. Rauchschwaden wabern im Gegenlicht. Dann tönt die Stimme von Anna Janneke respektive Margarita Broich aus dem Off. Sie stimmt uns auf die kommenden 88 Minuten ein: „Heute Nacht erzähle ich ihnen von einem der unheimlichsten Kriminalfälle meiner bisherigen Laufbahn.“ Noch beim Blitzschlag, der pünktlich zur Mitternacht über das Haus von Kommissar Brix zuckt, als der alte Otto Schlien (Axel Werner) im Nachthemd davor steht, denkt man: Gut, so ernst nehmen die das wohl nicht. Man wird bald eines Besseren belehrt.

          Im Spukhaus wohnen der Kommissar und seine Vermieterin Fanny schon ein Weilchen. Nachdem der alte Mann im Nachthemd in besagter Nacht versucht, sich und das Haus anzuzünden, ist es dort mit der Ruhe vorbei. Der Mann fällt um, und Brix bemerkt, dass oben auf dem Dachboden mit dem Augenfenster plötzlich Licht brennt. Unter einer knarzenden Diele entdeckt er die sterblichen Überreste eines Mädchens. Später findet er die – lebendige –, junge Merle (Luise Befort), die mit dem Fall zu tun hat. Von nun an herrscht großes Rätselraten. Nur werden die falschen Fragen gestellt. Etwa: Woher nimmt ein älterer Herr von fast achtzig Jahren die Kraft, sechs Kilometer vom Pflegeheim hierher zu laufen? Und warum macht er das? Wer solchermaßen deduktiv denkt, kommt in diesem Fall nicht weit.

          Während Brixs Kollegin, Anna Janneke, im Spukhaus nach dem rechten und vor allem nach Fanny sieht, die sich immer merkwürdiger benimmt, versucht der Kommissar etwas über die Geschichte des Hauses in Erfahrung zu bringen. Wie jedes Spukhaus, das auf sich hält, ist auch dieses ein ehemaliges Waisenhaus. In dem haben die Kinder der Heimleiterin einst einen Streich gespielt, der für Letztere tödlich ausging und der nun ein paranormales Nachspiel haben soll. Das ist soweit alles ganz fein und hinreichend gruselig. Der „Tatort“ setzt mehr oder minder gekonnt etlichen Finessen des Genres ein. Doch weil ein Geheimnis in einem „Tatort“ zu wenig ist und ohnehin schon in der ersten halben Stunde klar wird, wer da sein Unheil treibt, haben die Autoren einen zweiten Handlungsstrang eingeflochten, in dem es um einen Fall von Kindesmissbrauch im Geisterhaus geht. Das verleiht der Sache einen Ernst, der zur Machart des Films leider nicht passt.

          Die Dialoge wirken häufig gestelzt („Ich denke, das wird nicht nötig sein“), die Gesichter der Darsteller werden zu oft von unten gefilmt, die magischen Symbole sehen nach Kunstunterricht in der Waldorfschule aus, auf den verschiedenen Handlungsebenen geht es in disparatem Tempo voran, und außerdem fehlen Werwolf, Mumie und Vampir. Als der Horror endet, fragt die junge Merle: „Ist es jetzt vorbei?“ Die Frage stellt sie auch für die Zuschauer. Mit dem Jugendschutz, teilte der Hessische Rundfunk mit, gebe es keine Probleme. Die Schockmomente könnten selbst Vierzehnjährige verkraften. Sie seien das aus dem Kino und dem Internet gewohnt. Na dann.

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