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Tatort-Sicherung : Wie lange speichert die Polizei Fingerabdrücke?

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Rechtsmediziner Dr. Roth: „Todesursache ist ein Genickbruch. Sie muss mit großer Wucht mit dem Kopf auf einen harten Gegenstand geknallt sein. Aus Holz und türkisfarben lackiert. Ein Balken, eine Stange, ein Gerüst. Vielleicht ein Kinderspielplatz.“ – Kommissar Schenk: „Wie kommst du denn darauf?“ – Dr. Roth: „ Ich habe in ihrer Nase und in den Ohren feinkörnigen Sand gefunden.“ (Minute 73)

Frage 3: Das Entführungsopfer wird schließlich tot in einem Waldstück am Rhein aufgefunden. Der Rechtsmediziner hat noch vor Ort den Tathergang parat. Ist das plausibel?

Charlottes Großvater, Rainer Bertram (Hansjürgen Hürrig), ist außer sich vor Sorge um das Wohl seiner Enkelin.
Charlottes Großvater, Rainer Bertram (Hansjürgen Hürrig), ist außer sich vor Sorge um das Wohl seiner Enkelin. : Bild: WDR/Thomas Kost

Antwort von Prof. Dr. Markus Rothschild:

Das Problem mit all diesen Fernsehkrimis ist ja, dass die Rechtsmediziner noch vor Ort, bevor sie überhaupt eine Obduktion durchgeführt haben, zu all diesen Schlüssen gelangen. Ich sehe ein, dass aufgrund des Zeitmangels und der Dramaturgie hier möglichst viel Inhalt in möglichst kurzen Szenen rübergebracht werden muss. Mit der Realität hat das aber einfach gar nichts zu tun. Dass die Todesursache ein Genickbruch war, das kann ich nur zweifelsfrei feststellen, wenn ich die Halswirbel und die Schädelbasis freipräpariert habe. Auch dann werde ich erst an der Bruchform erkennen können, was die mögliche Fraktur verursacht haben könnte. Der Rückschluss auf den Kinderspielplatz anhand des Sandes in Ohren und Nase, das ist ziemlich absurd. Erst durch die Obduktion könnte man genau feststellen, wie tief der Sand eingedrungen ist. Wurde er womöglich sogar eingeatmet, etwa weil das Opfer lebendig vergraben wurde? Dann wäre es vielleicht ein Indiz für den Ort, an dem das Opfer starb. Oder wurde der Sand vielleicht durch den Wind in Nase und Ohren geblasen? Außerdem atmen wir alle tagtäglich alles Mögliche ein.

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Frage 4: Die Polizei entdeckt den Entführungsfall nur, weil sie auf dem Lösegeld die Fingerabdrücke des Großvaters sicherstellt. Dieser wurde wiederum „vor ein paar Jahren wegen Steuerhinterziehung im sechsstelligen Bereich erkennungsdienstlich behandelt“ (Minute 12). Wie lange werden Fingerabdrücke gespeichert – und was hat ein Steuervergehen mit einer Entführung zu tun?

Eigentlich waren Jütte (Roland Riebeling), Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) auf der Suche nach dem Mörder von Ivo Klein. Erst durch Zufall stoßen sie auf die Entführung.
Eigentlich waren Jütte (Roland Riebeling), Schenk (Dietmar Bär) und Ballauf (Klaus J. Behrendt) auf der Suche nach dem Mörder von Ivo Klein. Erst durch Zufall stoßen sie auf die Entführung. : Bild: WDR/Thomas Kost

Antwort von Andreas Schwartmann (Rechtsanwalt in Köln):

Erkennungsdienstlich im Rahmen eines Strafverfahrens erhobene Daten, wie beispielsweise Fingerabdrücke, dürfen gemäß § 483 Abs. 2 Strafprozessordnung (StPO) auch für andere Strafsachen genutzt werden. Es ist dabei nicht relevant, ob die Fingerabdrücke im Rahmen eines Steuerverfahrens erhoben wurden und nun für die Ermittlungen in einem Entführungsfall Verwendung finden. Das ist jedenfalls nach §§ 483 StPO ff. generell zulässig. Für Zwecke künftiger Strafverfahren dürfen Personendaten und andere zur Identifizierung geeignete Merkmale eines Beschuldigten auch gespeichert werden - dies ergibt sich aus § 484 Abs. 1 Nr. 1 StPO. Fingerabdruck-Datenbanken sind demnach zulässig. Die Löschung der gespeicherten Daten richtet sich sodann nach § 489 StPO. Wurden die Daten nach § 484 StPO gespeichert, muss nach 10 Jahren geprüft werden, ob eine Löschung der Daten erforderlich ist. Wenn also der Großvater des Opfers erst "vor ein paar Jahren" erkennungsdienstlich behandelt wurde, ist es durchaus im Rahmen des Zulässigen, dass die Fingerabdrücke noch nicht gelöscht wurden und nun von den Ermittlern verwendet werden dürfen.

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