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Früherer WDR-Fernsehspielchef : „Tatort“-Erfinder Gunther Witte gestorben

Mit einem Szenefoto der ersten „Tatort“-Folge: Gunther Witte im Oktober 2010 in Hamburg Bild: dpa

Vor bald fünfzig Jahren hat er das Konzept für die berühmte Krimi-Reihe „Tatort“ der ARD entwickelt: Im Alter von 82 Jahren ist der ehemalige Fernsehspielchef des WDR, Gunther Witte, in Berlin gestorben.

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          Als Gunther Witte 2001 beim Grimme-Preis die „besondere Ehrung“ erhielt, hieß es in der Laudatio, er habe „Programmgeschichte geschrieben“. Das ist ein großes Wort, das bei zu häufigem Gebrauch zur Floskel wird, im Falle des früheren Fernsehspielchefs des Westdeutschen Rundfunks war es aber sehr angemessen. Denn der WDR-Redakteur Witte hat Programme entwickelt oder unterstützt, von denen die ARD und das deutschen Fernsehen bis heute zehren – den „Tatort“ und die „Lindenstraße“.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Von dem kreativen Kapital, das Witte, ein stiller und bescheidener Mann, anlegte, kann man sich bis heute überzeugen. Und man kann, schaut man sich den ersten „Tatort“ aus dem Jahr 1970 an, sehen, was ein Fernsehklassiker ist. Der Fall „Taxi nach Leipzig“, inszeniert von Peter Schulze-Rohr, der mit Friedhelm Werremeier das Drehbuch schrieb, hat alles, was die Krimireihe einzigartig macht. Er ist spannend, dramatisch, klug entwickelt im Szenario und in der Figurenzeichnung, und spiegelt  zugleich ein Stück Zeitgeschichte, mit einem Entführungsfall, dessen Aufklärung  den von Walter Richter gespielten Kommissar Trimmel vom Westen in den Osten des geteilten Deutschland führte. Das war unterhaltendes, modernes Fernsehen von Bedeutung, wie es bis dato nicht vorgestellt worden war. Dessen ist man sich auch bei der ARD bewusst. So war die tausendste Folge des „Tatorts“ (mit Maria Furtwängler und Axel Milberg) im Jahr 2016 eine Reminiszenz an den allerersten Film der Reihe und hieß denn auch so: „Taxi nach Leipzig“.

          Geboren 1935 in Riga, wuchs Witte in der Nähe von Berlin auf. Dort – im Ostteil der Stadt –, ging er nach dem Zweiten Weltkrieg zur Schule. Er studierte Theaterwissenschaften und Germanistik an der Humboldt-Universität, seine erste Anstellung fand er 1957 als Dramaturgie-Assistent am Theater in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz). 1961 floh er in den Westen, 1963 wurde er beim WDR als Redakteur im Fernsehspiel fest angestellt. Dort kam ihm eine Aufgabe zu, von der für die ARD viel abhing. Das ZDF hatte mit Erik Ode als „Der Kommissar“ eine überaus erfolgreiche Krimiserie auf die Beine gestellt, im ersten Programm gab es so etwas nicht, bis – der erste „Tatort“ auf Sendung ging.

          1979 wurde Witte Leiter des WDR-Fernsehspiels, das unter seiner Ägide tonangebend und eine Talentschmiede war. Witte förderte und produzierte mit Rainer Werner Fassbinder („Berlin Alexanderplatz“, 1980), Volker Schlöndorff („Die verlorene Ehre der Katharina Blum“, 1975),  Wolfgang Petersen (Die Konsequenz“, 1977) und schließlich mit Hans W. Geißendörfer, dessen „Lindenstraße“ 1985 begann. 1998 ging Gunther Witte in Ruhestand.

          1000. Tatort : Lindholm und Borowski im „Taxi nach Leipzig“

          „Mit seiner einzigartigen Erfindung der ,Tatort’-Reihe hat er den WDR und das deutsche Fernsehen so nachhaltig geprägt wie kaum ein anderer“, sagte der WDR-Intendant Tom Buhrow. Am vergangenen Donnerstag ist Gunther Witte, wie jetzt bekannt wurde, im Alter von 82 Jahren in Berlin gestorben.

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