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„Tatort“ über die AfD? : Diese Rechtspartei kommt uns bekannt vor

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Ihren Ausweis, bitte: Für die LKA-Beamten Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) gibt es ein Durchkommen. Bild: NDR/Christine Schroeder

Der Regisseur Niki Stein stellt uns einen „Tatort“ vor, der wie ein Schlüsselfilm über die AfD wirkt, und die Hauptfigur erinnert stark an Frauke Petry: „Dunkle Zeit“ ist ein Polit-Krimi ganz besonderer Art.

          Hassposts, Morddrohungen und nachgestellte Tötungsvideos im Netz: Es sind zwei Wochen bis zur Wahl, als Thorsten Falke (Wotan Wilke Möhring) und Julia Grosz (Franziska Weisz) vom LKA zum Personenschutz der Spitzenkandidatin der „Neuen Patrioten“ („Wir sind das wahre Deutschland“) abgestellt werden. Ein Auftrag, der ihnen gegen den Strich geht. Nicht nur, weil Nina Schramm (Anja Kling) das Sicherheitskonzept der Beamten zurückgewiesen und die Polizei für unfähig erklärt hat. Das weitläufige Anwesen dient ihr und ihrem Mann Richard (Udo Schenk), einem früheren Generalmajor der Bundeswehr, als Organisationszentrale, Umzug ausgeschlossen, man schütze sich selbst.

          Andere in der Partei würden den Ort als „Zentrum der Bewegung“ bezeichnen, eine Wortwahl, die Nina Schramm meidet. Sie, so sagt sie, holt die Enttäuschten im Land da ab, wo sie stehen, bei der Angst vor „Überfremdung“ und sexuellen Übergriffen, bei der Klage über die „Systemparteien“ und die „Mediendiktatur“ des „gleichgeschalteten Meinungsmainstreams“.

          Während Schramm sich drinnen bei einer Parteiveranstaltung als Retterin Deutschlands vor dem muslimischen Mob („Wir verteidigen die Freiheit, weil es sonst niemand tut“) und „wahre Volksvertreterin“ von ihren Anhängern feiern lässt, kommt es vor der Halle zu tumultartigen Szenen, die an die Ausschreitungen beim G-20-Gipfel in Hamburg erinnern. Der „Schwarze Block“ greift die Polizisten an, die den Auftritt der Rechtspopulistin schützen. Wenig später explodiert Schramms Fahrzeug. Ums Leben kommt ihr Mann. Sie ist auf dem Weg nach Hamburg zu einem Essen mit Wirtschaftsvertretern in der Handelskammer, zusammen mit Benjamin Reinders (Ben Braun), ihrem Liebhaber und Parteisekretär. Kurz vor der Explosion hat Richard Schramm dem wirtschaftsliberalen Professor Gerhard Schneider (Patrick von Blume), der von Extremen wie Reinders aus der Partei gedrängt wird, telefonisch Enthüllungen angedroht. Falke und Grosz stehen da wie unfähige Trottel.

          Die Fraktionschefin spricht: Nina Schramm (Anja Kling) muss sich den Fragen der Presse stellen.

          Jetzt hat Frauke Petry auch noch ihren eigenen „Tatort“: Als im Sommer, noch vor der Bundestagswahl, die Dreharbeiten zu der Episode „Dunkle Zeit“ stattfanden, war Petry noch Spitzenpolitikerin der AfD, aber der Ruck nach weit rechts außen, der den Gründer Bernd Lucke und andere aus der Partei austreten ließ, war längst deutlich. Inzwischen ist auch Petrys AfD-Verbindung Vergangenheit.

          Niki Steins „Tatort“ – der Regisseur zeichnet auch für das Drehbuch verantwortlich – ist damit nicht obsolet. Die „Neuen Patrioten“ sind in Grundzügen der AfD nachgebildet, das politische Personal ähnelt den realen Akteuren. Damit stellt sich die Frage, die nach der Bundestagswahl besonders von Parteien mit großen Stimmenverlusten im bürgerlichen Lager gestellt wurde: Welchen Anteil haben „die Medien“, hat die Präsenz der AfD in der Berichterstattung, an ihrem Wahlerfolg? Soll man sie verschweigen, ihnen keine Plattformen bieten, auch keine fiktionalen, oder sie ernst nehmen und ihre Strategien zu entlarven suchen? „Mit Rechten reden“ – ja oder nein?

          Nach dem Autobomben-Attentat hat die Presse noch mehr Fragen: Nach Falkes (Wotan Wilke Möhring, links) Geschmack ist das nicht unbedingt.

          Über Rechte reden, indem man sie durch fiktionale Erfindung kenntlich macht, dafür entscheidet sich dieser „Tatort“, der zu Recht kontrovers diskutiert werden wird. Niki Stein macht es – zumindest zu Beginn – dem Zuschauer nicht übermäßig leicht. Anja Kling, eine ausgewiesene Sympathieträgerin, spielt Nina Schramm vortrefflich. Ihre Demagogin mit dem Kürzel „NS“ definiert sich durch die Ich-sage-was-andere-nur-denken-Haltung, hier und da konterkariert durch gezielt eingesetzte Anflüge von Verständnisbereitschaft. Erst spät lässt Stein sie richtig krudes Zeug von sich geben. Sie wünsche sich, dass Hitler beim Attentat ums Leben gekommen wäre, „„dann wäre uns das schlechte historische Gewissen, mithin die Flüchtlingswelle erspart geblieben“.

          Ein wahnwitziger Kurzschluss, der tief blicken lässt. Beim Politpersonal rund um Schramm bleibt es bei Ansichtenträgern. Wenig subtil ist auch das Antifa-Bonnie-and-Clyde-Paar Vincent (Jordan Dwyer) und Paula (Sophie Pfennigstorf), das sich den Weg freischießt. Ein russischer Strippenzieher darf nicht fehlen. Peter Roman (Wilfried Hochholdinger), Betreiber einer Art Alt-Right-Website, der Verschwörungstheorien gegen das „Establishment“ verbreitet, bringt eine Prise Politdämonie mit. Auf die Gegenseite setzt Niki Stein den hilflosen Staatsschutzvertreter Rutemöller (Nils Dörgeloh). Als Plus ist zu verbuchen, dass Stein Falke und Grosz stoisch ermitteln lässt. Falke, dem hier und da unpassende Eva-Braun-Joseph-Goebbels-Vergleiche entschlüpfen, wird von der Kollegin Grosz zurückgepfiffen.

          „Dunkle Zeit“ ist kein Seminar in rhetorisch-analytischer Widerlegung, aber beileibe nicht ohne Haltung. Er nimmt die Parolen der nun demokratisch gewählten Rechten auf und stellt sie dar. Dass der „Tatort“ sich des Themas annimmt, ist richtig und wichtig. Affirmation vermeidet er wie wohlfeile Entrüstung. Gänzlich gelungen ist sein Figurentableau nicht. Dass am Ende, Krimikonventionen geschuldet, Verschwörungstheorien bekräftigt werden, wenn auch anders als gedacht, ist schade.

          Der Tatort. Dunkle Zeit läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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