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„Tatort“ aus Dresden : Leben nach dem Tod

  • -Aktualisiert am

Nicht nur der Kaffee ist längst kalt: Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) entdecken das „Nest“. Bild: MDR/Daniela Incoronato

Mit dieser Folge, der ersten nach dem Ausstieg von Alwara Höfels, schließen die Ermittler des „Tatort“ aus Dresden endgültig zu den besten Teams auf. In „Das Nest“ ist das Böse spießig.

          Am Anfang ist der Ton. Kein Bild. Ein Knall, Splittern, Schwärze und ein Atmen, bevor auf nächtlicher, abgelegener Landstraße eine junge Frau fast unverletzt aus ihrem auf dem Dach liegenden Auto kriecht. Im Schwadengewaber findet sie zwischen Bäumen ein verlassenes Hotel, tastet sich im Schein ihres Handylichts durch die Gänge, bis sie Musik aus einem Radio hört. Böse Menschen haben keine solchen Lieder. Hilfe ist nahe. Die Quelle beschallt einen gekachelten, erleuchteten Raum mit einem aufgebahrten Mann, dem gerade das Blut abgelassen wird. Die Zeugin sieht den Täter am Werk von hinten, flieht in Panik. Kaum später sind aus dem einen Lichtkegel viele Taschenlampen geworden, die freilich mehr Raum im Dunkel lassen, als sie erhellen. In ihrem Licht finden Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach), Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und die Neue im Team, Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) in mehreren Zimmern zu biederen Alltagsszenen arrangierte Mumien. Tote beim Teetrinken oder beim Fernsehen. Zwischen ihnen hat der Täter Platz für sich gelassen, spielt mit ihnen Familienleben unter seiner auktorialen Regie. Gorniak ist sicher, dass dieses Mal das Arrangement noch nicht stimmt und er wiederkommt. Sie will ihm eine Falle stellen.

          Fünfzehn atmosphärisch schwer erträgliche Minuten dauert der Auftakt zum exzellenten neuen „Tatort“ aus Dresden, der seine klamaukigen Anfänge längst hinter sich gelassen hat und mit dieser Folge, der ersten nach dem Ausstieg Alwara Höfels’, endgültig zu den besten Teams aufschließt. „Das Nest“, geschrieben von Erol Yesilkaya, dem auch „Tatort“-Ausnahmefolgen wie „Die Wahrheit“ (BR) oder „Meta“ (RBB) zu verdanken sind, verzichtet dabei auf vieles, was das beliebte Horrorsubgenre „Junge Menschen finden nachts verlassenes Hotel mit Killer“ üblich nahelegt. Zum einen ist die Darstellung eigentlich nicht besonders drastisch. Man sieht keine offene Gewalt. Die Zeit vergeht genau abgemessen, eher verlangsamt. Zum anderen baut sie nur ganz zu Beginn auf psychologische Überwältigung durch plötzlichen Schock, wie als einführendes Zitat, das durch die spätere Dramaturgie als filmästhetisch unzulänglich entlarvt wird. Michael Kadelbachs außerordentliche Akustikgestaltung, die einem neunzig Minuten lang immer wieder das Blut in den Adern gefrieren lässt, braucht keine unheilschwangeren Leitmotive oder Melodien. Alex Eslams Regie und Carlo Bobby Jelavics Bildgestaltung sind so souverän wie kongenial. Man streift am Klischee, um es hinter sich zu lassen.

          Gespielt wird mit Unsicherheiten. Es gibt zwei Verdächtige, Bernd Haimann (Wolfgang Menardi) und Dr. Christian Mertens (Benjamin Sadler), Pfleger und Chirurg in einer Klinik. Beide hatten mit allen Toten Kontakt. Einer muss der Täter sein. Bei einer Gegenüberstellung ist Gorniak noch unentschieden, beide kommen einstweilen frei. Haimann verschwindet, ein Schuldeingeständnis, entscheidet Schnabel. Mertens bekommt ein Alibi von Ehefrau Nadine (Anja Schneider) und Tochter Nikki (Runa Greiner), scheint aus dem Schneider.

          Das Böse hat hier seine entschieden banale, spießige Seite. Es ist als Laune der Natur absichtslos auf den bloßen Selbsterhalt gerichtet. Leonie Winkler schießt im entscheidenden Moment nicht auf den Bedroher, weil in ihrer Polizeiausbildung – „ich war Jahrgangsbeste“ – derlei Amoralisches nicht vorkam. Gorniak, die um Haaresbreite überlebt und sich, nach zwei Monaten Genesung zurückgekehrt, in die Asservatenkammer versetzen lässt, um bei den materiellen Überbleibseln der Verbrechen Sicherheit durch Begreifen zu finden, ist phantasievoller. Der Täter wird auf sie zurückkommen, wenn sie ihn nicht zuvor stellt. So weit, so viel Heraus- und Überforderung für das neue Dresdner Frauenduo in seinem ersten Zusammenspiel. Bemerkenswert: Ihre Gegensätzlichkeit, da die Überfliegerin im Theoretischen, Papatochter, dort die erfahrene Praktikerin, Muttertier, dient der Geschichte und nicht dem möglichst interessanten Eigenleben der Figuren. Anders etwa als im allzu schlicht konstruierten ersten Fall des neuen NDR-„Tatort“-„Alphafrauen“-Teams Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anais Schmitz (Florence Kasumba), der kürzlich gesendet wurde („Das verschwundene Kind“). „Das Nest“ ist ein Auftakt nach Maß.

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