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FAZ.NET-Tatortsicherung : Baumhaus und Ballonseide

  • -Aktualisiert am

Wer wünschte Leo Janek (Florent Raimond) den Tod? Faber, Dalay und Bönisch ermitteln (Jörg Hartmann, Aylin Tezel, Anna Schudt). Bild: WDR/Thomas Kost

Kommissarin Bönisch sucht ihren Sohn, Faber ein neues Hobby, Kollegin Nora sich selbst. Im Dortmunder „Tatort: Schwerelos“ kämpfen die Kommissare um Bodenhaftung. Können sie im Realitätscheck überzeugen?

          4 Min.

          „Alle glücklichen Familien sind einander ähnlich, jede unglückliche Familie ist unglücklich auf ihre Weise.“ Der berühmte erste Satz aus Tolstois „Anna Karenina“ könnte als Leitspruch über diesem „Tatort“ stehen. Familienprobleme wohin man schaut. Glücklich sieht nur Nora (Aylin Tezel) aus, für einen kurzen Moment, nachdem sie einen Tandemsprung absolviert hat, um sich für ein paar Sekunden selbst zu vergessen.

          Dieses Mal ermittelt das Team aus Dortmund in der Fallschirmspringerszene. Leo Janek (Florent Raimond) wurde, tödlich verletzt, direkt vor der Notaufnahme gefunden. Während Nora dem tatverdächtigen Sprunglehrer Jules Lanke (Albrecht Schuch) näher kommt, darf Faber eine neue Seite seiner selbst zeigen. Einfühlsam kümmert er sich um den Sohn des Opfers, der sich in seinem Baumhaus verkriecht. Martina Bönisch (Anna Schudt) hat noch ganz anderes als den Fall im Kopf, und Daniel (Stefan Konarske) wirkt wie zerrissen.

          Und was passiert, wenn die Seile des Fallschirms reißen? Die Tatortsicherung ermittelt.

          ***

          In der 12. Minute heißt es: „Nachtsprünge müssen bei uns angemeldet werden.“

          Frage 1: Kann man nachts springen? Wenn ja, was muss man dabei beachten?

          Antwort von Regine, Fallschirmspringerin am Flugplatz Marl:

          Man kann nachts springen, aber das ist sehr aufwendig. Man muss den Landeplatz und die Fallschirme ausleuchten und braucht eine Sondergenehmigung wie im Film angedeutet. Überhaupt müssen alle Sprünge bei der deutschen Flugsicherung angemeldet werden.

          ***

          Die Kommissare Daniel und Nora werden am Flugplatz mit einem Paar verwechselt, das für einen Tandemsprung angemeldet war. Statt den Irrtum aufzuklären, ergreift Nora die Gelegenheit, sich mit dem Fallschirmlehrer Jules Lanke anzufreunden. Daniel bleibt zurück und wirft, während alle in der Luft sind, einen Blick in Jules Wagen. Dort findet er Blut, das er heimlich im Labor untersuchen lässt (31. Minute).

          Frage 2: Ist so ein Fund als Beweis überhaupt verwertbar? Wie würde man im normalen Polizeialltag mit einer solchen Situation umgehen?

          Daniel findet Jules verdächtig.

          Antwort von Kim Ben Freigang (Pressesprecher Polizeipräsidium Dortmund):

          Grundsätzlich gilt in Fällen von Kapital- beziehungsweise Tötungsdelikten die Strafprozessordnung und vor allem die Ermittlungshoheit und enge Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft. Über die Staatsanwaltschaft werden Durchsuchungsbeschlüsse angeregt, das heißt diese prüft nochmals die juristischen Voraussetzungen und beantragt einen solchen Beschluss beim zuständigen Gericht bzw. Richter. Demnach wäre bei der Frage von Durchsuchungen, in diesem Fall eines Autos, eine Rückkoppelung mit der zuständigen Staatsanwaltschaft immer richtig. Heimliche Sicherung von Beweisen könnte, wie hier geschildert, auch zu einem Beweisverwertungsverbot führen. Möglich wäre auch den Tatverdächtigen zu bitten, sich gemeinsam mit den Beamten den verdächtigen Wagen anzuschauen. Es kommt dabei immer auf die genauen Umstände an.

          ***

          Frage 3: Kommissarin Dalay nimmt spontan an einem Tandemsprung teil (28. Minute). Kann man das ohne Vorkenntnisse einfach so machen?

          Nach dem Sprung ist Nora Dalay glücklich und gelöst.

          Antwort von Regine, Fallschirmspringerin am Flugplatz Marl:

          Ja, einen Tandemsprung kann man tatsächlich sehr spontan mitmachen – es sei denn man ist schwanger, hat Herzprobleme, frische Knochenbrüche oder Ähnliches.

          ***

          In der 35. Minute wird das Trennsystem eines Fallschirms erklärt und entdeckt, dass der Schirm des Opfers manipuliert worden sein muss.

          Frage 4: Welche Routinen führt man vor jedem Sprung aus Sicherheitsgründen durch?

          Martina Bönisch und die Rechtsmedizinerin Greta Leitner (Sybille Schedwill, r.) suchen den Mörder.

          Antwort von Regine, Fallschirmspringerin am Flugplatz Marl:

          Da hat jeder sein eigenes System. Ist man nicht aufmerksam, können Fehler passieren. Aber falls man sich, gerade am Anfang, unsicher ist, kann man sich vor dem Sprung von einem anderen Springer checken lassen. Bei unseren Schüler geschieht das vor jedem Sprung. Da wird dann überprüft, ob die Gurte richtig verschlossen sind oder ob der Höhenmesser dabei ist.
          Man kann den Schirm allerdings so manipulieren, dass man Fehler nicht gleich merkt. Es gab in Münster tatsächlich einen Mord an einer Fallschirmspringerin: Ein abgewiesener Liebhaber hatte ihren Schirm ein paar Tage bei sich zu Hause und hat ihn so manipuliert, dass sie beim nächsten Sprung gestorben ist.

          ***

          Frage 5: In der 37. Minute sagt Jules: „Ich springe ja nicht, um zu sterben, sondern um zu leben.“ Pathetische Formulierung eines Adrenalinjunkies oder realistischer Ausdruck des Lebensgefühls eines Fallschirmspringers?

          Faber tröstet Martin, den Sohn des tödlich verletzten Leo Janek.

          Antwort von Regine, Fallschirmspringerin am Flugplatz Marl:

          Es gibt den Spruch: „Luftsportler sind glücklicher, weil sie der Sonne öfter näher sind.“ Das finde ich ganz schön und das trifft das Lebensgefühl auch gut. Ich würde nicht schon seit 20 Jahren springen, wenn ich jedes Mal Angst haben müsste, dass der Schirm nicht aufgeht. Insofern drückt das Zitat das Lebensgefühl eines Fallschirmspringers gut aus.

          ***

          Frage 6: Kommissarin Nora Dalay lässt sich auf eine Affäre mit Jules ein – ohne ihn darüber aufzuklären, dass sie Polizistin ist und ohne ihre Vorgesetzten zu verständigen. Wie unprofessionell ist das?

          Ist das Adrenalin nach dem Sprung schuld? Nora fühlt sich zu Jules hingezogen.

          Antwort von Kim Ben Freigang:

          Beweissichere Ermittlungen der Polizei erfordern sicherlich auch immer eine möglichst professionelle Distanz der Beamten zu Tatverdächtigen. Eine heimliche Affäre ist hier sicherlich schwer mit der geforderten Distanz zu vereinbaren und führt mit hoher Wahrscheinlichkeit zu deutlichen Interessenskonflikten.

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          Frage 7: Als Hauptkommissarin Bönisch von der Affäre erfährt (112. Minute), muss Nora ihren Dienstausweis abgeben. Was wären in der Realität die Folgen?

          Wer hat den Fallschirm von Leo Janek manipuliert? Wer hatte ein Motiv? Dortmund ermittelt.

          Antwort von Kim Ben Freigang:

          Das kommt darauf an und kann pauschal schwer beantwortet werden. Fraglich ist, ob eine dienstliche Verfehlung vorliegt. Die Entbindung von dem konkreten Fall wäre aber sicher erfolgt. Im Falle eines konkreten Dienstvergehens, was hier nicht auszuschließen wäre, könnte auch die Einleitung eines Disziplinarverfahrens stehen.

          ***

          Frage 8: Im Film sind die Fallschirmspringer auch Base Jumper. Ist das in der Realität auch so?

          Joana, Jules und Frank gehen regelmäßig gemeinsam zum Fallschirmspringen. Jetzt ist ihr gemeinsamer Freund Leo tot.

          Antwort von Regine, Fallschirmspringerin am Flugplatz Marl:

          Da gibt es schon einige, auch bei uns in Marl, aber das ist eher eine kleine Gruppe. Den Base Jumpern fehlt der Reserveschirm. Wenn die ein Problem haben, haben sie gleich ein richtiges. Außerdem wird der Schirm anders gepackt. Und man braucht eine gewisse Erfahrung, also eine gewisse Sprungzahl – jedenfalls wenn man verantwortungsvoll damit umgeht. Die Gefahr ist beim Base Jumpen einfach größer.

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