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„Tatort“ aus Weimar : Der Wilde Westen fängt hinter Weimar an

  • -Aktualisiert am

Kommissarin Kira Dorn (Nora Tschirner) bei ihrem Undercover-Einsatz in der Westernstadt El Doroda Bild: MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebau

Cowboy und Gendarm: Im „Tatort – Der höllische Heinz“ kommt es zum Mord im Themenpark. Liebhaber des subtileren Witzes müssen die Zähne zusammenbeißen.

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          Ein toter Mann wird aus der Ilm gezogen, er trägt Lederkleidung und Federaccessoires. „Hippies in Thüringen? Nee!“, schnaubt Kommissar Lessing (Christian Ulmen) und er soll recht behalten: Statt als Blumenkind wird der Mann bald als „Indianer“ identifiziert. Genauer gesagt handelt es sich um Wolfgang Weber, den Eigentümer des Themenparks „El Doroda“. In „El Doroda“ sollen sich die Besucher in den Wilden Westen versetzt fühlen, unterhalten von kostümierten Mitarbeitern, für die das Ganze weit mehr als ein Beruf ist. Die meisten sind Aussteiger und leben ihre romantisierten Western-Identitäten rund um die Uhr aus. Judith Wörtche (Lina Wendel) zum Beispiel, die früher Politesse in Erfurt war – „Jeder Depp hat mich als Fußabtreter benutzt“ – und jetzt den Saloon führt. Sie sagt: „Hier fassen sich die Männer an den Hut, wenn sie mich begrüßen.“

          Doch während die einen mit ihrem Stück verklärter Heimat glücklich sind, hegen andere durchaus materielle Interessen an dem Park. Die Tiefbauunternehmerin Ellen Kircher (Marie-Lou Sellem) zum Beispiel, die dort eine geothermische Bohrung veranlasst hat, für die der getötete selbsternannte Indianer nie aufkommen wollte, bei der aber Erstaunliches zutage befördert wurde. Schlummert am Ende unter „El Doroda“ ein El Dorado?

          Für die Ermittlungen in diesem sehr speziellen Milieu trennt sich das private und berufliche Paar Dorn-Lessing. Kira Dorn (Nora Tschirner) wirft sich ins Cowgirl-Outfit und besorgt sich einen Undercover-Job als Westernreiterin, den sie selbstverständlich samt Unterkunft auf der Stelle bekommt. Lessing (Vorname weiterhin unbekannt) bleibt in seiner Polizisten-Rolle und lässt sich von Kira unterbuttern, um ihren Stand bei den „Hobbyisten“ zu stärken. Als er sich spontan einer Gang von Kajalstift und Whisky liebenden Rockern entgegenstellt, die in „El Doroda“ regelmäßig für Unruhe sorgen, schließen die Bewohner des Wilden Weimarer Westens aber auch ihn langsam ins Herz.

          Dass die eigentliche Kriminalhandlung in Weimar zweitrangig ist, sind die Zuschauer gewöhnt. So nebensächlich wie in dieser Neujahrsausgabe hat sich die Suche nach einem Mörder allerdings noch nie gestaltet und auch die Kalauer-Ambitionen der Drehbuchautoren Murmel Clausen und Andreas Pflüger können nicht verhindern, dass sich dieser „Tatort“ schon bald sehr in die Länge zieht. Man kann die Gags kaum besser vortragen als Nora Tschirner und Christian Ulmen, nur leider zünden viele nicht so recht. Der ironische Gestus, mit dem die beiden sonst glänzen, verfängt in dem ausgefallenen Setting nicht. Nur Freunde von Wort- und Namenswitzen kommen noch richtig auf ihre Kosten. Dazu gibt es diesmal mehr Slapstick, teils aber übertrieben oder deplaziert (Regie Dustin Loose). Liebhaber des subtileren Witzes müssen die Zähne zusammenbeißen: In einer Szene fällt Lessing beim Belauschen der Tiefbauunternehmerin tatsächlich in eine Kiste Teer und schreitet anschließend von Kopf bis Fuß schwarz tropfend ins Büro von Frau Kircher, um sie zu verhören.

          Referenzen ans Western-Genre gibt es zuhauf, und visuell spricht dieser Tatort durchaus an (Szenenbild Jürgen Schäfer, Kostüm Silke Sommer). Nur leider will sich zwischen Persiflage und Hommage kein rechtes Gleichgewicht einstellen. Etwas versöhnen können die Nebenfiguren. Thorsten Merten kommt als Kommissariatsleiter Kurt Stich zwar nur selten zum Zug, dafür sorgt Kollege „Lupo“ (Arndt Schwering-Sohnrey) im Training für den „Thüringer Ultraman“ und mit seiner ungebrochenen Anbetung von Kira umso häufiger für komische Ausreißer. Ein weiterer Lichtblick ist Peter Kurth als El-Doroda-Geschäftsführer Heinz Knapps – der titelgebende „Höllische Heinz“ –, der den Western-Geist am glaubhaftesten verkörpert und dessen kurze, aber intensive Szenen mit dem treuen Longhorn-Rind Eddi daran erinnern, wo die große Stärke der eingespielten Weimar-Autoren Clausen und Pflüger liegt: in ihrem Blick für das Liebenswerte im Absurden.

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