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„Tatort“ aus Köln : Hier kann nichts mehr entschärft werden

  • -Aktualisiert am

Maiwald senior (Ralph Herforth) und sein Sohn Joachim Maiwald (Adrian Topol) arbeiten zusammen beim Kampfmittelräumdienst. Bild: WDR/Martin Valentin Menke

Überstunden im Denken vermeiden: Der Kölner „Tatort – Bombengeschäft“ leidet an Materialermüdung und kaschiert das mit visuellen Mätzchen.

          Einen vielversprechenden Hinweis für ambitionierte Miträtsler gibt es im 75. Fall des Kölner „Tatort“-Duos Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) gleich zu Beginn. Aber es ist wahrscheinlich, dass dessen Liebesmühe an alle Zuschauer unter fünfzig Jahren verschenkt ist. Wie im Grunde die gesamte Folge „Bombengeschäft“ von Thomas Stiller (Buch und Regie), die zumindest erzählökonomisch genauso behäbig Dienst nach ARD-Vorschrift macht wie der inzwischen auch nicht mehr neue Assistent Norbert Jütte (Roland Riebeling), dem bei der Arbeit vor allem die Einhaltung der Pausenzeiten und der Brotbelag wichtig sind.

          Aufregung und Überstunden im Denken gilt es tunlichst zu vermeiden. Apropos Überstunden: Seit 22 Jahren ermitteln nun die beiden Typen Schenk und Ballauf am Rhein, sie gehören zu den beliebtesten Teams. Die Currywurst zum Schluss ist passé, vom Bierchen ganz zu schweigen, das hat wohl der Arzt verboten oder könnte Vegetarier und Abstinenzler im Publikum verstören. Wahrscheinlich schaffen sich die beiden bald Tracker zur Optimierung des persönlichen Frames an. Die Hintergrundgeschichten jedenfalls sind auserzählt, weswegen die Kommissare nun immer öfter ohne jede persönliche Beteiligung ermitteln – das Malocher-Arbeitsethos und der Wertekanon sind noch eine stabile Größe –, die Assistenten haben vielfach gewechselt, der Anspruch des WDR, im „Tatort“ gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen, ist auch geblieben.

          Im Westen nichts Neues

          Doch mittlerweile gilt vor allem die Parole: im Westen nichts Neues. Wenn nicht gerade Roeland Wiesnekker einen aus Düsseldorf versetzten durchgedrehten Polizeikollegen spielt, so wie im letzten Fall „Weiter, immer weiter“, lässt auch die Spannung immer öfter mächtig nach.

          Den Baggerfahrer, der auf einer Kölner Innenstadtbaustelle die Grube aushebt, hätte es allerdings fast erwischt, weil er bei der Arbeit laut das „Oldie but Goldie“- Radio (vermutlich eine ARD-Welle) aufdreht: Anno 1980 hatte die britische Synthie-Pop-Band „Orchestral Manoeuvres in the Dark“ (OMD) mit „Enola Gay“ einen Wahnsinnserfolg. Noch heute spielen die entsprechenden Anstalten das Antikriegslied von Andy McCluskey bei Gelegenheit rauf und runter. Enola Gay war der Name des amerikanischen Flugzeugs, das am 6. August 1945 die Atombombe über Hiroshima abwarf. OMD spielt, der Arbeiter ist abgelenkt, die Baggerschaufel senkt sich und kommt nur Zentimeter vor einem halb ausgegrabenen Blindgänger und hektisch schreienden Kollegen zum Stillstand. Womit das Thema eingeführt wäre, und die vielversprechendste Szene abgehakt.

          Die Kommissare Freddy Schenk (Dietmar Bär,) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) mit den ehemaligen Kollegen des Toten

          In Köln, wie in Frankfurt und anderen Großstädten, befinden sich immer noch zahlreiche Weltkriegsbomben unter der Erde. Schätzungsweise 675 000 Tonnen Sprengmaterial wurde allein über Nordrhein-Westfalen abgeworfen. Der Kampfmittelräumdienst, der in „Bombengeschäft“ im Zentrum steht, hat also nicht nur auf den Schauplätzen des Jugoslawienkriegs oder Minenfeldern in exotischeren Ländern zu tun. Das gefährliche Bombenentschärfen gehört auch in einigen der heimischen Großstädte zum Alltagsgeschäft. Umso erstaunlicher, dass die amerikanische Fünf-Zentner-Bombe, eigentlich unschädlich gemacht, erst beim Verbringen in den Lagerbunker des Räumunternehmers Maiwald (Ralph Herforth) explodiert und den Mann Stunden später in den Tod reißt. Pathologe Dr. Roth (Joe Bausch) findet Splitter einer modernen Granate im Unterkiefer des Toten – Mord. Verdächtig sind einige.

          Alena Krämer (Alessija Lause), die enttäuschte Ehefrau, hat in Bosnien den Krieg erlebt und ist traumatisiert, der ehemalige Sprengpartner Alexander Haug (Sascha Alexander Geršak) sitzt seit einem Entschärfungsunfall im Rollstuhl und kümmert sich gleich rührend um die Witwe. Maiwald junior (Adrian Topol) war eifersüchtig auf den besten Mitarbeiter seines Vaters und ist spielsüchtig, und schließlich führt die akribische Ermittlungsarbeit Schenk und Ballauf zum Immobilienprojekt Floraquartier in Nippes und zu weiteren Profiteuren dieses Todesfalls.

          Zur Vermittlung der zeithistorischen Zusammenhänge gibt es Luftaufnahmenschaubilder mit Bombenflugzeug-Animationen, auch die Unterschiede zwischen den Bombentypen der Alliierten werden zuschauerfreundlich besprochen. Gereizter als diese Erklärfernsehelemente aber macht die Kameraarbeit von Marc Liesendahl. Als durchgehendes bildliches Stilelement werden die Gesichter der Schauspielenden meistens senkrecht abgeschnitten halb gezeigt. Mal von rechts, öfters von links. Der Effekt hat mit der Geschichte nichts zu tun, nutzt sich schnell ab und wirkt eher wie ein lästiges Framing, mithin als Versuch, der eher uninspirierten Gestaltung dieses „Tatorts“ durch Tricks ablenkende Aha-Effekte zu verleihen. Man merkt die Absicht und ist verstimmt.

          Tatort – Bombengeschäft läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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