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„Tatort“ aus Wien : Wo das Böse döst

  • -Aktualisiert am

Gebeinsstudie: Moritz Eisner (Harald Grassnitzer, links) und Friedl Jantscher (Michael Glantschnig) untersuchen einen Knochen. Bild: ARD Degeto/ORF

Gut Holz mit Hüttenaroma: Die Kommissare Eisner und Fellner machen in einem Feld-, Wald- und Wiesen-Fall im „Tatort: Baum fällt“ Urlaub vom echten Verbrechen.

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          Hermann Dunzendorfer ist entschuldigt. Obwohl man Kameraverantwortliche für massiven Drohnen-Einsatz sonst gern der Einfallslosigkeit schilt: In Kärnten auf die Vogelperspektive zu setzen ist einfach zu verführerisch. Aber nicht nur das erhabene Alpenpanorama rechtfertigt die vielen Flüge, sondern auch die Story dieses Provinz-Krimis. Im Buch von Agnes Pluch nämlich erwischt es einen süßholzraspelnden Sägewerksbetreiber. Der firmeneigene Kraftwerksofen hat zwar ganze Arbeit geleistet, aber ein Schulterimplantat aus Metall verrät, wer hier, zum Verdruss mehrerer Damen, verfeuert wurde. Die Aufzeichnung der Überwachungskamera zeigt auch eine verdächtige Person mit Arbeitsweste.

          Warum zur Ermittlung des Täters – Regisseur Nikolaus Leytner macht es zumindest dem Publikum nicht allzu schwer – zwei Wiener Top-Ermittler von ihrem epischen Dauerkampf gegen die organisierte Kriminalität abkommandiert werden, erklärt sich, wenngleich nicht eben originell, durch die Freundschaft des reichen Firmenseniors (Johannes Seilern) mit dem Polizeipräsidenten der Hauptstadt. Aber schließlich brauchen auch Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) einmal Urlaub.

          Ü-50-Party-Therapie mit Schmäh

          Außerdem trifft der anfangs dauergrantelnde Eisner so einen früheren Kollegen wieder, den mit buddhistischem Kokolores um sich werfenden Dorfbullen Alois, den der vielen wohl als Brunetti-Gefährte erinnerliche Karl Fischer mit brummbäriger Melancholie gibt. Es gelingt ihm nicht ganz, Eisner für das Leben im Einklang mit der Natur zu begeistern, aber das Schwelgen in Erinnerungen unter Absingen allerbekanntester Rolling-Stones-Refrains (mit Schmäh) scheint dem urlaubsreifen Städter gutzutun: Ü-50-Party-Therapie.

          Ermittelt werden muss nun leider auch noch. Zeitfenster werden eingegrenzt, Videobänder ausgewertet, wieder und wieder. Die Verdächtigen sind erwartbar: ein übergangener und auch noch gedemütigter Bruder (Alexander Linhardt); Vater und Schwester eines Arbeitsunfallopfers (Wolf Bachofner; Elisabeth Wabitsch); ein offenbar gehörnter Ehemann (Christopher Ammann); tatsächlich alles exakt so, wie es ein sämtliche 1110 „Tatort“-Folgen auswertender Algorithmus ausspucken würde. Natürlich gesellt sich auch der übliche „Naturschützer“ (David Oberkogler) zu den suspekten Subjekten, ein verbohrter Holzkopf, der auch noch Holzer heißen muss, sein Zimmer mit Waldbildern tapeziert hat und erklärt, dass das Sägewerk geschützte Forste zu Pellets verarbeitet. Der als Figur von Wurzel bis Krone unglaubwürdige Bursche hat jedenfalls ein astreines Motiv.

          In gemächlichem Tempo schaukelt die Handlung nun zwischen diesen Figuren hin und her, bis sie den unplausibelsten Twist findet. Überraschen kann auch die Erkenntnis nicht, dass im Dorfkosmos alles mit allem zusammenhängt, weil: „Ein Baum ist noch kein Wald.“ Um die Enge und das Ineinander zu betonen, sind die Beteiligten zugleich die Betreiber der Gasthöfe, in denen die Kommissare nächtigen, was Leytner die Möglichkeit gibt, noch mehr Holz unterzubringen: Vor Dielenböden und Vollvertäfelungen sieht man bald das dösende Böse nicht mehr. Aber es knarzt so gemütlich.

          Gegen das Schauspiel lässt sich nichts sagen. Aber auch wenig dafür. Als ewig unerlöstes Liebespaar knötern Fellner und Krassnitzer routiniert durch das Handlungsgeäst, machen kein großes Aufheben um den Telekolleg-Mehrwert (leidende Waldbauern) und genießen es sichtlich, hier und da doch eine amüsante Dialogszene zu haben. Als der verfressenen Bibi durch Eisners Gemecker ein Gulasch entgeht, hören wir etwa: „Gratuliere. Was hat das jetzt gebracht? Genau gar nichts.“ „Bibi, das ist a Oarschloch.“ „Ja. Aber sicher kocht das Oarschloch gut.“

          Dass die Spuren mehr ausgelegt als aufgefunden scheinen (Jacke in Tonne), soll offenbar auffallen. Dass zudem einige alte Rechnungen zu begleichen sind und die sonst als „Polizeiruf“-Kommissarin tätige Verena Altenberger als putzig untreues Chef-Gspusi sicher unterschätzt ist, wird auch schnell klar. Die Auflösung wirkt dann noch eine Spur weniger kreativ als gedacht, enthält sogar ritterlich falsche Geständnisse. Das passt zur verholzten Dramaturgie, in der echte Beiläufigkeiten nicht erlaubt sind, nur solche, die mit mammutbaumdicken Zaunpfählen winken. Trotzdem bietet dieser klassische Whodunit ein wenig Mitrate-Potential und sieht zumindest in den postkartulösen Außenaufnahmen „Bergdoktor“-gut aus (im Hintergrund das schmucke Heiligenblut am Großglockner, das gerade im Schneechaos versunken ist). Dass sich der Fall von oben so klein ausnimmt, ein Pellet, wo eigentlich ein Wald sein sollte, das ist im Urlaub halt eben so.

          Der Tatort: Baum fällt läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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