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„Tatort“ aus München : Surfe nicht dein Leben

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An in den Eisbach: Die Münchner Kommissare ermitteln diesmal in der Szene der Stadt-Surfer. Bild: BR

Melancholie in Pink: Der „Tatort“ aus München ist ein herrlich bekiffter Wellenritt ins Tal der verpatzten Träume. Und wer hätte gedacht, dass Kommissar Leitmayr einmal ein Beach Boy war?

          „Vor einer Welle sind wir alle gleich“, hat Laird Hamilton einmal gesagt. Dabei steht gerade der blonde Großwellen-Surfer, der schon als James-Bond-Double übers Wasser schoss, für die Ausnahme, für den Erfolg, eben für die Ungleichheit auf der Welle. Nur für den kurzen Moment, in dem die turmhohen Wassermassen auf klitzekleine Surfer zudonnern wie Berge auf verschreckte Propheten, mögen sich alle auf dem Meer paddelnden Zweibeiner ähnlich fühlen. Manche aber schaffen es, die ungeheuren Kräfte der Elemente für sich zu nutzen, andere saufen kläglich ab.

          Der Wellenreiter-„Tatort“ aus München, der auf der Ebene des Stadtmarketings vielleicht nicht allzu originell, aber symbolisch passend die auf der Stelle reitenden Eisbach-Surfer am Haus der Kunst in Szene setzt, spielt mit einer ähnlichen Spannung zwischen auseinandergedrifteten Lebensläufen. Es geht um drei Freunde, die in den achtziger Jahren jugendlich unbekümmert der gemeinsamen Zukunft entgegensahen. Man surfte im portugiesischen Nazaré die größten Wellen, foppte spießige Polizisten, die einem die Joints wegnehmen wollten, döste bei Pink Floyd („Have a Cigar“) und liebte einander am Strand („irgendwie war man zu dritt zusammen“), aber die Bruchlinie war schon vorhanden in dieser scheinbaren Symbiose. Und dann endet man fünfunddreißig Jahre später auf entgegengesetzten Seiten: „ein windiger kleiner Amateur-Dealer“ der eine, der andere ein im Dienst ergrauter Polizist namens Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl; in den Jugendszenen trefflich ersetzt durch Sören Wunderlich). Dazwischen: das Gesetz, eine Frau (Ellen ten Damme) und alte Ideale.

          Dass man achtzig Episoden lang von Leitmayrs wilder Jugend nichts ahnte – geschenkt. Der „Tatort“ ist eben kein horizontales Format. Viel wichtiger ist, dass der von Regisseur Andreas Kleinert mit leichter Hand komödiantisch inszenierte Film nach einem wunderbar bekifften Drehbuch von Alex Buresch und Matthias Pacht, das an jeder Stelle so übermütig wie tonsicher den besemmeltsten Fortgang zu wählen scheint, so gut wie alles anders macht als sonst an dieser Stelle üblich.

          Guck mal, was da wächst: Ivo Batic (Miroslav Nemec) inspiziert die Bude von Werner Krauts (Klaus Stiglmeier).

          Es beginnt schon mit dem Mord zu Beginn, der keiner ist (und dann natürlich irgendwie doch). Der von einem Junkie niedergestochene Mikesch landet im Krankenhaus, wo ihn sein ehemals bester Freund ganz unvermutet antrifft: „Sie müssen nicht tot sein, damit wir ermitteln; Tötungsabsicht reicht.“ Glaubhaft wirkt das Wiedersehen nicht, aber wiederum: Sei’s drum. Um Authentizität geht es hier nicht, wie spätestens deutlich wird, wenn Mikeschs Kumpel in den Blick geraten: sein naiver Quasiziehsohn Robert (Justus Johanssen) und der komplett verstrahlte „Kein Stress“-Heinrich (Michael Tregor: famos). Das liebenswerte, kirchenmausarme Kleinstganoven-Trio scheint nicht einmal zu bemerken, dass die große Welle es längst unter sich begraben hat, sondern fädelt mit unzerrüttbarem Optimismus den idiotischsten Drogendeal der „Tatort“-Historie ein. Breaking Mad.

          So wie Kleinert auf skurril-heitere, gleichwohl in die Tiefe reichende Blicke auf das Amoralische abonniert scheint (zuletzt die regietechnisch überzeugenden „Tatort“-Folgen „Freies Land“ und „Borowski und das Glück der Anderen“), ist der Österreicher Andreas Lust ein Schauspieler, der tragische Grenzgänger zwischen Schuld und Würde mit vollendeter Bravour verkörpert, eben erst den nur mittelbösen Verführer einer Minderjährigen im „Tatort: Für immer und dich“.

          Auch seinem überdrehten, dem ständigen Scheitern trotzenden Mikesch kann man unmöglich böse sein. Da hätte es das leicht klischeehafte Schwungholen über eine Tochter (Luise Aschenbrenner: kein Geld für den Studientraum) kaum gebraucht. Kleine Zugeständnisse ans Genre finden sich auch sonst: Wenn etwa die Doppel-Ex-Geliebte den Leitmayr-Franzl albern „Francisco“ nennt, möchte man darauf wetten, dass Kollege Batic (Miroslav Nemec) beim Abgang ebendas amüsiert nachäfft. Und so kommt’s.

          Aber solcherlei fällt nicht weiter auf in diesem Strudel aus schrägen Momenten und noch schrägeren Dialogen, etwa über eine pinkfarbene „San Francisco“-Jacke, die, im Kreis getauscht, mit viel leerer Bedeutung aufgeladen wird. Nostalgie ohne jeden Halt. Kurios komisch ist eine Museumsszene, in der eine mit exakt gleicher Jacke bekleidete Person – Wachspuppe? Toter? Halluzination? Metadramaturgischer Gag? – in einer Vitrine liegt, während abstruse Verhandlungen ablaufen. Man weiß ja, dass das Leben oft dusseliger und kaputter ist als jedes Drehbuch, aber das von Buresch und Pacht wagt sich schon nah heran an die Absurdität und die Melancholie des Alltags.

          Beach Boy Leitmayr hat sich derweil mit einer sehr persönlichen Frage abzumühen, die weit größer ist als jene, ob die alten Ideale nun falsch oder richtig waren. Dass er sich im Angesicht des In-der-Vergangenheit-Hängengebliebenen für das Drunterwegtauchen entscheidet: „Sachen fangen an, und Sachen hören auf“, das ist so verständlich wie drückebergerisch. Der große Knall bleibt freilich aus, die mehr schwappende als tosende Handlung verläuft sich irgendwann im Ufersand der Midlife-Biographie, schmilzt einfach weg. Like Ice in the Sunshine. Und all das lässt sich ohne großen Anspruch, aber vergnügt lächelnd im Hängemattenmodus konsumieren, eine willkommene Pause vom Europawahldrama.

          Der Tatort. Die ewige Welle läuft heute, Sonntag 24. Mai, um 20.20 Uhr im Ersten.

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