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Tatort-Sicherung : Wie wahrscheinlich ist das Glück?

  • -Aktualisiert am

Zwei Ermittler beim Federlesen: Almila Bagriacik (Mila Sahin) und Axel Milberg (Klaus Borowski) Bild: NDR/Christine Schroeder

Im neuen „Tatort“ aus Kiel spielen Bonuspunkte und Lottogewinne eine große Rolle. Wie mies ist das Geschäft, das der Kunde mit diesen Glücksversprechen macht, aus wissenschaftlicher Sicht?

          5 Min.

          Zwei Frauen, die ungleicher nicht sein könnten, stehen im Mittelpunkt des neuen „Tatort“ aus Kiel: Kassiererin Peggy (Katrin Wichmann) nervt die Routine am Kassenband, Bonuspunkte-sammelnde Supermarktkunden und Kohlrouladen, die sie ihrem biertrinkenden Mann Micha (Aljoscha Stadelmann) abends auf den Tisch stellt. Peggy will mehr: Sie will Luxus, reich sein, mehr noch: glücklich sein. So wie ihre Nachbarin Victoria Dell (Sarah Hostettler), die mit ihrem Mann Thomas (Volkram Zschiesche) gegenüber in ein nobles Haus gezogen ist und teure Autos fährt.

          Durch ihr Küchenfenster beobachtet Peggy eines Abends, wie die Dells einen Freudentanz aufführen, einen kleinen Zettel in der Hand haltend, der Fernseher läuft nebenbei. Hat das ohnehin schon reiche Pärchen tatsächlich so eben den Jackpot im Lotto geknackt?

          Peggy kann nicht fassen, dass dieses Glück nicht ihr vergönnt ist. Also steigt sie am nächsten Morgen in das Nachbarhaus ein und begibt sich auf die Suche nach dem wertvollen Stück Papier. Dumm nur, dass Herr Dell offenbar etwas zuhause vergessen hat und sie dabei überrascht. Kurze Zeit später findet Frau Dell ihren leblosen Gatten blutüberströmt im gemeinsamen Schlafzimmer vor. Peggy aber gerät vorerst nicht ins Visier der Kommissare Borowski (Axel Milberg) und Sahin (Almila Bagriacik). Doch es wird zunehmend eng für Peggy.

          Der Sonntagabendkrimi im Realitätstest.

          ***

          Frage 1: Supermarktkassiererin Peggy fühlt sich beinahe persönlich angegriffen, weil ihre superreiche Nachbarin keine Bonuspunkte sammelt – scheinbar hat sie es nicht nötig. Wieso neigen wir als Verbraucher eigentlich zum Sammeln solcher Bonuspunkte, wenn doch schwer ersichtlich ist, ob sie uns wirklich etwas bringen oder bloße Taktik von Supermarktketten sind?

          Ungleicher könnten die beiden nicht sein: Kassiererin Peggy (Katrin Wichmann) und ihre Nachrbarin, die reiche Dolmetscherin Victoria Dell (Sarah Hostettler).

          Antwort von Ulrich Schmidt (Forschungsleiter am Institut für Weltwirtschaft an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel)

          Tatsächlich bringen uns Bonuspunkte gar nichts, sie schaden uns. Sie bringen nur den Supermarktketten etwas. Die bekommen ja mit den Bonuspunkte unsere ganzen Daten, die sie in der Folge analysieren und verkaufen können. In der Marketingpsychologie gibt es das Konzept der kognitiven Dissonanz: Wenn man einen Einkauf tätigt, gibt es immer Gründe, die dafür oder dagegen sprechen und oft, wenn man einen Kauf getätigt hat, ärgert man sich hinterher ein bisschen. Diese Bonuspunkte wirken dann so wie eine Art Entschuldigung, Bonuspunkte sind ein Mittel, schlechte Kaufentscheidungen zu rechtfertigen. Dass Bonuspunkte eher Personen mit niedrigerem sozialen Status ansprechen, denke ich auch. Vielleicht durchschauen sie das Prinzip nicht so leicht, und außerdem sind Bonuspunkte mit einer Verbilligung verbunden, die für diese Personen einfach mehr wert ist. Das Prinzip des Sammelns ist ja auch aufwendig; da muss man immer eine Karte bei sich haben. Einer reichen Person ist das vielleicht einfach unangenehm, sie will nicht zeigen, dass sie das nötig hat.

          ***

          Frage 2: Wie hoch ist die Chance, einen Jackpot im Lotto zu knacken und wie kann man diese errechnen?

          Endlich scheint das Glück einmal auf Peggys Seite.

          Antwort von Jan Kallsen (Professor für Mathematik an der Mathematisch-Naturwissenschaftlichen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel):

          Der Jackpot steht ja für den Höchstgewinn, es kommt darauf an, dass man die richtigen sechs Zahlen zwischen eins und neunundvierzig angekreuzt hat, und auch noch die Superzahl. Die Berechnung ist im Grunde nicht schwierig, das lernt man gewissermaßen in der Schule. Gestern habe ich meine Tochter, die in die neunte Klasse geht, gefragt, ob sie es ausrechnen könnte und sie hat es geschafft. Wahrscheinlichkeiten ergeben sich ja als günstige Fälle durch mögliche Fällen. Wenn man zum Beispiel zwei günstige Fälle aus sechs möglichen Fällen hat, ist die Wahrscheinlichkeit ein Drittel; sprich zwei durch sechs.

          Im Fall des Jackpots muss ich ein bisschen komplizierter rechnen, weil ich mehr Kugeln, nämlich 49, im Spiel habe. Wenn die erste Kugel gezogen wird, gibt es neunundvierzig Möglichkeiten, aber nur sechs davon sind gut - es müssen die sein, die ich angekreuzt habe. Sechs von neunundvierzig ist also die Wahrscheinlichkeit, dass die erste Kugel schon mal in Ordnung ist. Jetzt kommt die zweite Ziehung. Eine Kugel ist schon weg, nur mehr achtundvierzig sind im Pott. Von meinen angekreuzten Zahlen ist auch schon eine erledigt, es sind nur noch fünf übrig, also habe ich bei der zweiten Ziehung fünf von achtundvierzig Möglichkeiten, dass auch die zweite Ziffer stimmt. Jetzt kommt die dritte Kugel: Es sind noch siebenundvierzig im Topf und auf dem Lottoschein nur noch vier angekreuzte Zahlen übrig – hier habe ich also eine Wahrscheinlichkeit von vier aus siebenundvierzig. Und so geht es weiter. Wenn alles passt, habe ich schon mal sechs Zahlen auf dem Lottoschein richtig. Aber nun hat man ja noch die Superzahl eingeführt, damit nicht so viele Leute gewinnen. Diese Superzahl ist eine einzelne Ziffer, die extra gezogen wird. Auf dem Lottoschein entspricht sie einer einzigen angekreuzte Zahl. Mit der Wahrscheinlichkeit eines Zehntels wird da die richtige gezogen. Am Ende unserer Rechnung haben wir also sieben Brüche, die man miteinander multiplizieren muss.

          6/49 x 5/48 x 4/47 x 3/46 x 2/45 x 1/44 x 1/10

          Daraus ergibt sich die Wahrscheinlichkeit von circa einem 140 Millionstel. Das ist natürlich sehr sehr gering.

          ***

          Frage 3: Ganz Kiel ist im neuen Tatort aus dem Häuschen: Da gewinnt jemand den Lotto-Jackpot und holt sich seine 14 Millionen Euro einfach nicht ab. Was passiert, wenn der Jackpot geknackt, aber nicht eingelöst wird? Und wie lange im Nachhinein kann man sich seinen Gewinn abholen kommen?

          Langsam gerät Peggy ins Visier von Kommissar Borowski.

          Antwort von Florian Blömer (Leiter Recht/Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, internen Verwaltung, Einkauf/Logistik und Kontrolle Spielbetrieb der NordwestLotto Schleswig-Holstein):

          Sollte der Jackpot geknackt werden und der Gewinner sich nicht melden, würden wir das natürlich öffentlich machen und einen Aufruf über die Medien starten. Unsere Spielteilnehmer würden gebeten, sich noch einmal die Zahlen der entsprechenden Ziehung auf ihrer Spielquittung ganz genau anzuschauen. Gewinne in derartigen Größenordnungen werden in den allermeisten Fällen aber sehr schnell geltend gemacht. Im letzten Jahr haben in Schleswig-Holstein neben dem Top-Gewinn von über 16 Millionen Euro sieben weitere Spielteilnehmer mindestens eine Million Euro und mehr gewonnen. Jeder dieser Gewinner hat sich innerhalb von wenigen Tagen bei uns gemeldet. Auch ansonsten gab es in den letzten Jahren keinen Fall, in dem ein Millionengewinn nicht abgeholt wurde. Tatsächlich haben wir aber einen aktuellen Fall, in dem ein Gewinn (noch) nicht abgeholt ist: Wir warten derzeit noch auf die Geltendmachung eines BINGO-Gewinns in Höhe von 334.000 Euro, der im Mai 2017 erzielt wurde. Abgegeben wurde der Spielauftrag in einer Annahmestelle in Kiel. Dieser Gewinn muss – im Einklang mit der gesetzlichen Verjährungsfrist von drei Jahren – spätestens bis zum 31.12.2020 geltend gemacht werden, ansonsten verfällt er.

          ***

          Frage 4: Die beiden Kieler Kommissare stellen in einem Hotelzimmer eine Riesenmenge Carfentanyl sicher. Dazu Kommissarin Mila Sahin: „Das ist eine Horrordroge. Wird zur Betäubung großer Wildtiere verwendet und macht aus Junkies Zombies.“ (Minute 10) Hat die Kommissarin recht? Außerdem habe sie das Carfentanyl bereits auf dem Hotelgang gerochen – ist das möglich?

          Am Ausrasten: Peggy wollte diejenige sein, die den Jackpot im Lotto knackt.

          Antwort von Edmund Maser (Direktor des Instituts für Toxikologie und Pharmakologie an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel):

          Carfentanyl gehört zu einer Gruppe synthetischer, sehr starker Opioide. Es wirkt mindestens 5.000 Mal stärker als Heroin und 10.000 Mal so stark wie Morphin. Dabei wirkt es stark hypnosedativ, analgetisch, sedierend und auch atemdepressiv. Interessant ist, dass es sowohl über die Haut als auch über die Atmung in den Körper eines Menschen gelangen kann. Auch das macht Carfentanyl so gefährlich. Bei hohen Dosen kommt es zum Bewusstseinsverlust. Zur Aussage, Carfentanyl bewirke eine Verwandlung eines Menschen in einen Zombie, habe ich in der Literatur nichts gefunden.

          In Deutschland ist Carfentanyl in der Anlage eins des Betäubungsmittelgesetzes aufgeführt, damit ist es nicht „verkehrsfähig“. Das bedeutet, es darf nicht gehandelt und nicht verschrieben werden. In Deutschland ist auch kein Tierarzneimittel auf der Basis von Carfentanyl zugelassen. Tatsächlich wird es aber außerhalb von Deutschland zur Betäubung von großen Wildtieren wie etwa Löwen, Elchen oder Eisbären eingesetzt. Dieses Mittel heiß dann Wildnil. In der Drogenszene wird Carfentanyl besonders zum Strecken anderer Substanzen, wie etwa Heroin oder Kokain, verwendet. Da es wie gesagt zu den sehr starken Opioiden zählt, ist das sehr gefährlich. In welchem Umfang das in Deutschland passiert, ist mir nicht bekannt.

          Zu der Frage, ob man Carfentanyl riechen kann: Die Meinung meiner Kollegen auf einem Fachkongress war, dass Carfentanyl selbst wohl nicht so stark und charakteristisch riecht, dass man es alleine am Geruch erkennen würde. Wäre das der Fall, bestünde für Polizeibeamte eine sehr gefährliche Situation, weil dann die Konzentration so hoch sein müsste, dass die Beamten selbst eine Wirkung zu erwarten hätten. Eventuell ließen sich Hunde mit ihrer feinen Nase auf die Wahrnehmung von Carfentanyl trainieren. Sie könnten schon geringste Konzentrationen riechen, ohne dass das Carfentanyl gleichzeitig eine Wirkung bei ihnen erzielen würde.

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