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Tatort-Sicherung : Was arbeiten die da eigentlich?

  • -Aktualisiert am

Die Kommissare Paul Brix (Wolfram Koch, li.) und Jonas (Isaak Dentler) ermitteln im Bankenturm-Milieu Bild: HR/Degeto/Bettina Müller

Im neuen „Tatort“ aus Frankfurt geht es um Hochfrequenzhandel und feucht-fröhliche Partys. Wird dabei die Grenze der Legalität überschritten? Wir haben Experten gefragt.

          Die Hauptkommissare Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) werden nachts zu einem Tatort gerufen. Zu Füßen eines Frankfurter Bankenturms liegt eine tote junge Frau. Sie ist kaum bekleidet, eine Plastiktüte ist über ihren Kopf gezogen. Janneke ist früh da, Brix hängt hinter der Straßenreinigung fest und verspätet sich, die KTU ist auch noch nicht da. Janneke geht allein in den Turm, um sich einen Eindruck vom Tatort zu verschaffen und Fotos zu machen. Sie wird niedergeschlagen, Brix findet sie später bewusstlos im Aufzug. Mit einem Schädel-Hirn-Trauma erwacht Janneke im Krankenhaus, Brix muss allein mit den Ermittlungen beginnen.

          Als Janneke aufwacht, kann sie sich kaum erinnern. Sie versucht, anhand ihrer verwackelten und überbelichteten Fotos zu rekonstruieren, was in der Nacht passiert ist. Brix findet unterdessen heraus, dass im Turm offenbar nicht alle Bankgeschäfte mit legalem Geld gemacht wurden. Für die Investoren gab es zur Belohnung Partys, bei denen auch das Opfer anwesend war.

          Der Feiertagskrimi im Realitätstest.

          ***

          Frage 1: Brix fragt den IT-Mitarbeiter Bijan, welcher Tätigkeit er im Turm eigentlich nachgeht. Bijan: „Auto-response-Instrumente. Sagt Ihnen micro-trading was? Das ist ein autarkes System, es agiert von selbst, also auf dem Task-Feld, zum Beispiel dem Aktienmarkt.“ Was sind das für Programme? 

          Gehen im neuen Fall oft getrennte Wege: Paul Brix und Anna Janneke (Margarita Broich)

          Antwort von Prof. Dr. Mirjam Minor (Professorin für Wirtschaftsinformatik an der Uni Frankfurt):

          Hier geht es um High Frequency Trading („Hochfrequenzhandel“, Abkürzung HFT). Das ist der Handel mit Wertpapieren, der mit Computern betrieben wird. Die Computerprogramme treffen dabei automatisch eine Kaufentscheidung. Häufig analysieren die HFT-Algorithmen Sequenzen von Tick-Daten, also kleinsten Kursschwankungen von Wertpapieren im Millisekunden-Bereich. An vielen Handelsplätzen werden ausgewählte Datenpunkte veröffentlicht, zum Beispiel die Eröffnungspreise zu Handelsbeginn, die Endpreise bei Handelsschluss, die Tageshöchstpreise (high-price) oder Tagestiefpreise (low-price). Das sind die Daten, die man auch in den Börsennachrichten lesen kann. Tick-Daten sind nicht frei zugänglich und würden einen menschlichen Leser auch überfordern. Für das Lesen der Daten eines einzigen Börsentages bräuchten Sie drei Monate. Der Handel ist so schnell, dass es schon einen Unterschied macht, ob man seinen Server im Gebäude neben der Börse hat oder zwei Straßen weiter.

          Aufgrund der Analysen dieser Mikrodaten führen die Programme dann selbstständig An- und Verkäufe von Wertpapieren durch. Dadurch kann ein sehr hoher Umsatz erzielt werden. Die Algorithmen benutzen meistens sogenannte Machine-Learning-Verfahren, die aus historischen Daten automatisch lernen, um für aktuelle Daten Entscheidungen treffen zu können.

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          Frage 2: Ist das legal?

          Antwort von Prof. Dr. Mirjam Minor:

          Ja, es gibt sogar eigene Börsen für den HFT-Handel. Die Firmen, die automatischen Handel betreiben, müssen aber alle Aktivitäten haarklein dokumentieren und archivieren.

          ***

          Frage 3: Der Informatiker Jonathan beschreibt seine Tätigkeit aus Sicht der Banker so: „Für die sind wir nur die IT-Nerds, die man mit dem Geld in einen Raum einsperrt, hin und wieder mal 'ne Pizza unter der Tür durchschiebt, und wenn man die Tür wieder aufmacht, ist mehr Geld da. Keiner weiß so richtig, wie es geht, aber sie finden es super.“  Läuft das tatsächlich so ab?

          Tun sich schwer mit der Beschreibung ihres Tätigkeitsprofils: die Informatiker Bijan (Rauand Taleb, li.) und Jonathan (Rouven Israel)

          Antwort von Prof. Dr. Mirjam Minor:

          Naja, die menschliche Beteiligung während des Handels ist gering bis gar nicht vorhanden, eigentlich laufen die Systeme selbständig und werden höchstens von Zeit zu Zeit neu konfiguriert. Ein Pizza-Nerd, der die Festplatten austauscht, ist vielleicht realistischer. Zur Not geht die Szene von Bijan und seinem Kollegen aber auch so durch.

          ***

          Frage 4: Das Opfer Jenny hat sich gegen viel Geld als Escort für sogenannte VIP-Partys in einer dubiosen Bank buchen lassen. Ihre Mitbewohnerin Nele sagt aus, dass Jenny dort Sex mit mehreren Männern hatte.  Ist das, was die junge Frau tut, Prostitution?

          Antwort von Prof. Dr. Klaus Günther (Professor für Rechtstheorie, Strafrecht und Strafprozessrecht an der Uni Frankfurt):

          Nach einer gängigen Definition handelt es sich bei Prostitution um die auf eine gewisse Dauer angelegte Bereitschaft, gegen Bezahlung sexuelle Handlungen an wechselnden Partnern vorzunehmen beziehungsweise von diesen an sich vornehmen zu lassen. Dabei reicht es, sich zu entsprechenden Handlungen anzubieten, entweder ausdrücklich oder schlüssig, auch wenn es nicht zu einem Kontakt kommt.

          Beim Escort oder Begleitservice wird die Gesellschaft für eine bestimmte Zeit angeboten, Sex ist nicht zwangsläufig inbegriffen. Fraglich ist allerdings, ob nicht eine grundsätzliche Bereitschaft besteht – oder ob jemand, der Escort anbietet, nicht auch sexuelle Handlungen zumindest schlüssig mit anbietet. Das wäre dann auch eine Form der Prostitution. So ist es ja auch bei Jenny der Fall.

          Ist das erlaubt?

          Antwort von Prof. Dr. Klaus Günther:

          Prostitution selbst ist nicht strafbar. Strafbar ist nach den Paragrafen 180a und 181a StGB: Das gewerbsmäßige Unterhalten eines Betriebes, in dem Personen der Prostitution nachgehen und dabei in Abhängigkeit gehalten werden, und/oder das Ausbeuten und Überwachen von Personen, die der Prostitution nachgehen. Ein noch viel höherer Strafrahmen gilt natürlich für die Zwangsprostitution (§ 232 a StGB).

          Da Jenny offenbar selbstständig arbeitet und dafür anscheinend auch gut bezahlt wird, kann man da nicht von Ausbeutung sprechen und es spricht alles dafür, dass sie es freiwillig tut. Dann ist das einfach nur eine normale Dienstleistung, die seit 2002 sogar zivilrechtlich anerkannt ist, strafrechtlich ist sie nicht problematisch. Die junge Frau könnte allerdings steuer- und ordnungsrechtliche Probleme bekommen, da sie ihre Tätigkeit wahrscheinlich nicht pflichtgemäß angemeldet hat und ihren Gewinn vermutlich auch nicht versteuert.

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