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Der „Tatort“ aus Frankfurt : Schwächlinge müssen aussortiert werden

  • -Aktualisiert am

Einsam und vom Ehrgeiz zerfressen: Der Adoptivsohn Felix Voss (Juri Winkler). Bild: HR

Der zweite Platz heißt verloren: Der „Tatort: Unter Kriegern“ bebildert den Horror entfesselter Leistungsideologien.

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          Wie kam es, dass der amerikanische Teamarzt Larry Nassar Hunderte junger Turnerinnen über zwei Jahrzehnte missbrauchen konnte, ohne dass es zu Konsequenzen kam? Nassar, nun zu langjähriger Haft verurteilt, profitierte von seiner besonderen Vertrauensstellung innerhalb des amerikanischen Turnverbands. Doch auch die Systeme Sportförderung und Leistungssport, die den Nachwuchs in Sieger und auszusortierende Verlierer einteilen, spielten wohl eine entscheidende Rolle. Vereinzelte Elternbeschwerden wurden unter den Tisch gekehrt. Nun stehen Korrekturen an. Gerade hat der Weltverband FIG beschlossen, eine Ethik-Stiftung zu gründen, die mit den jeweiligen Justizbehörden kooperieren soll. Das mag helfen. Aber die Gefahr des Übergriffs auf Schutzbefohlene wird es kaum beseitigen können. Der „Tatort“ aus Frankfurt macht mit „Unter Kriegern“ daraus einen Film, dessen amoralischer Horror am Ende das Blut in den Adern gefrieren lässt.

          Der unter dem Deckmantel der Mitarbeitermotivation faschistoid agierende Funktionär, Ex-Judostar Joachim Voss (Golo Euler), führt die Geschäfte im hessischen Sportleistungszentrum mit absolutem Herrscherwillen. Es gelten das Recht des Stärkeren und der Primat der Übermenschenideologie im Dienst der „Performancesteigerung“. Vor versammelter Mannschaft werden von Voss, dem gelernten Finanzexperten, Teammitglieder der Verwaltung erniedrigt. Schwächlinge müssen aussortiert werden, das ist eine quasi naturgesetzliche Maßnahme, meint er. Der Aufsichtsrat macht Druck. Voss’ Berufung ins Olympische Komitee steht auf der Kippe. Malte Rahmani (Ilyes Raoul Moutaoukkil), ein Junge aus der Judofördergruppe, den mit dem Hausmeister Sven Brunner (Stefan Konarske) eine enge Freundschaft verband, ist tot im stillgelegten Heizungskessel des Zentrums aufgefunden worden, qualvoll verdurstet. Doch der Aufsichtsrat sieht das als Chance zur Bewährung für Voss: „Du stehst nun mal für das Leistungszentrum.“ Jetzt geht es um „den Beweis deiner Krisentauglichkeit“.

          Faszinierend-abstoßende Begegnung mit dem Bösen

          Ein weiterer Junge, Felix Voss (beeindruckend: Juri Winkler, Oskar aus „Rico, Oskar und die Tieferschatten“), der Adoptivsohn von Joachim Voss, faltet in einer Eingangsszene seinen Lehrer zusammen: Er? Zweitplazierter im Klassenvergleich? Eloquent unterstellt er Vorurteile und pädagogisches Unvermögen, er kündigt Konsequenzen beim Elternabend an. Der Lehrer gibt nach. Das hindert Felix nicht daran, die Klassenbeste Louisa (Josefine Keller) zu verfolgen. Er notiert ihr Bewegungsprofil in einem Buch voller Listen, das noch andere Geheimnisse birgt.

          Die Leistungsobsession, Skrupellosigkeit und Kälte des Kindes wirken anfangs dick aufgetragen (Buch Volker Einrauch), der Eindruck des Übertriebenen verschwindet aber mehr und mehr und macht dem Verdacht einer faszinierend-abstoßenden Begegnung mit dem Bösen Platz (Regie Hermine Huntgeburth). Felix lebt zusammen mit seinem Adoptivvater Joachim in einer Villa, deren Bauweise an die Ästhetik des Reichsparteitagsfilms von Leni Riefenstahl erinnert. Hinter den Mauern wird Körperkult praktiziert. Schwächere werden zum Vergnügen erniedrigt. In Voss’ Haushalt lebt eine unscheinbare Frau von unterdurchschnittlicher Intelligenz, Meike Voss (Lina Beckmann). Ihr einziges Glück ist ihr Pferd. Dass sie auch Joachim Voss’ Ehefrau ist, mutet völlig unwahrscheinlich an.

          Hier sind auch die Verlierer nicht sympathisch

          Brix (Wolfram Koch) und Janneke (Margarita Broich) ermitteln in ihrem siebten Fall in vergleichsweise experimentfreier, klug fragender Weise. Jeder von ihnen hat eine zentrale Szene, Brix mit Frau Voss, Janneke mit Felix Voss, in der die Ermittler ihre Empathie gegen den hier entfalteten Horror der Instrumentalisierung setzen. Es sind beides Szenen, die ganz über das versuchte Gespräch wirken. Der Verlust der Menschlichkeit, sieht man, geht einher mit dem Verlust oder Entzug berührender Sprache.

          Neben die Krieger mit gestählten Körpern und bedingungslosem Ehrgeiz plaziert dieser „Tatort“ ihre systemerhaltend Versehrten, wirksam vor allem den ehemals gewalttätigen Hausmeister Brunner, der in der Konfrontationsgruppe des Sozialpädagogen Waldner (Marek Harloff) Lebensneuausrichtung unternimmt. Als Brunner unter Mordverdacht gerät, berät ihn ein stark schwitzender, dicklicher Winkeladvokat, Maurice Zefarelli (Rainer Reimers). Auch die Verlierer sind in „Unter Kriegern“ nicht sympathisch, und als Mörder kommen viele in Betracht, nicht nur die Adepten der Riefenstahl-Nietzsche-Jünger-Fraktion.

          Die bildliche Gestaltung von „Unter Kriegern“ ist durchweg herausragend (Kamera Sebastian Edschmid). Stimmungen erzeugen Farbflashs, kaltes Licht zeugt von der emotionalen Verwahrlosung auf Verdrängung gedrillter, fanatisierter Kinder. Wer immer über die Abschaffung der Torzählerei in Fußballspielen von Kindern als sozialpädagogische Verweichlichung geschmunzelt hat, könnte das am Ende dieses „Tatorts“ doch für eine respektable Idee halten.

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