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„Tatort“ aus Frankfurt : Die nackte Gier

  • -Aktualisiert am

Sie bekommt was um die Ohren: Margarita Broich als Kommissarin Janneke Bild: HR/Degeto/Bettina Müller

Zu Weihnachten beschert uns der Hessische Rundfunk im „Tatort“ eine dunkle Parabel über den Finanzkapitalismus. Der Schluss immerhin ist konsequent.

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          „O Mensch, das Geld ist nur Chimäre!“ Was einst Karl Marx erboste und heute Ökonomen von den Dächern piepen, wusste der kindlich weise Christian Morgenstern schon vor hundert Jahren. Der Clou seines Gedichts – der eine gibt, der andere sammelt darin „Fersengeld“ – ist aber ein anderer: Es funktioniert gleichwohl. Die beiden Männer teilen das imaginäre Geld, „und kaufen sich dafür die Welt“. Was tun Trader, Makler, Hedgefondsmanager anderes? Und sie tun es gern – ob cum, ob ex – hinter obskuren Finanzproduktfassaden. Schon damit niemand den Schwindel merkt.

          Der Weihnachts-„Tatort“ nimmt die Sache mit der Fassade wörtlich – und auch wieder nicht. Ein düster-mystischer, selbst für die Polizei uneinnehmbarer Turm mitten im Finanzbabylon Frankfurt steht hier steil und mächtig für die hermetische, süchtig machende Wolkenwelt des von aller Produktivität entkoppelten großen Geldes. Selbst eine der Hohepriesterinnen (Katja Flint) in diesem Tempel des Mammon, hinter dem eine opake Turmgesellschaft „aus dem Kaukasus“ steht, gibt in einem schwachen Moment zu: „Erst will man nicht mehr raus, und dann kann man nicht mehr raus.“

          Am wenigsten geheim an dieser geheimnisvollen Welt sind noch die „geheimen Sexpartys“. Offenbar müssen Investoren bei Laune gehalten werden, obwohl die eigens entwickelten Micro-Trading-Tools ordentlich Gewinn generieren. Die Ermittlungen werden nun nicht dadurch ausgelöst, dass bei den Exzessen eine junge Frau zu Tode kam – vielleicht ein Mord, vielleicht ein Sexunfall –, sondern weil man das Opfer auch noch vom Dach des Hauses geworfen hat. Das Kapital versteckt seine Leichen nicht, sondern spuckt sie mitleidlos aus. Da Kommissar Paul Brix (Wolfram Koch), der Saubermann, nachts im Stau steht (hinter einem Straßenreiniger), wagt sich die emsig fotografierende Anna Jannecke (Margarita Broich) allein in den Turm, in dem sie eine verdächtige Person entdeckt hat.

          Der Exzess

          Brix, endlich eingetroffen, kann für seine niedergeschlagene Kollegin nur noch den Notarzt rufen. Ihr Schädel-Hirn-Trauma geht mit Wahrnehmungsstörungen einher, was uns auf dem Hospitalflur bald den „Tatort“-Schockmoment des Jahres beschert. Der wie ein wildgewordener Bulle agierende Brix stößt sich derweil die Hörner stumpf. „Ist dir mal aufgefallen, dass die keine Vorderseiten und Rückseiten haben, sondern nur Vorderseiten?“, fragt er den Kollegen Jonas (Isaak Dentler) mit Blick auf das ominöse Hochhaus. „Ja, wie eine Pyramide, oder?“

          Atmosphärisch ist das alles recht gelungen. Lars Henning (Regie und Buch) und Carol Burandt von Kameke (Kamera) haben den Film nahezu komplett ins Dunkel verlegt und alle fröhlichen Farben durch ein beklemmendes Grünbraun ersetzt. Vorherrschend ist die Mausperspektive, erschreckte Blicke von unten. Was wenigstens momentweise greifbar wirkt, entzieht sich dann stets ins Surreale. Kafkaesk darf man das wohl nennen, auch wenn K im „Prozess“ gegen einen Bürokratie-Leviathan anrennt, der noch undurchschaubarer ist. Hier scheint immerhin die Triebkraft der Götzendiener klar: nackte Gier. Geld, Macht und Sex, diese drei.

          Nur zwei kleine Zugänge zum Sanctum Sanctorum tun sich auf. Erstens sind das Jannekes dunkle Fotos, auf denen die Genesende in direkter „Blow up“-Reminiszenz ein Gesicht entdeckt (auf dem Bildschirm, nachdem sie eine Jahresration Tintenpatronen verdruckt hat). Freilich erschließt sich die leitmotivische Frage nach der Verlässlichkeit der Wahrnehmung hier nicht wirklich. Es geht ja anders als in Antonionis Film-Poem weder um optische Medien noch um eine im Drogenrausch versinkende Generation; bleibt nur die auch eher schwach beleuchtete Kafka-Spur. Und dann ist da noch, zweitens, ein Zeuge, der Brix aufsucht, ein junger Programmierer (Rauand Taleb), der aber weitgehend die „Verschwiegenheitsklausel“ einhält und zudem nun höchst gefährdet scheint.

          Da setzen sich die Probleme dieser als Thriller verkauften Parabel fort, deren Handlung doch einigermaßen zäh wird, sobald man die symbolische Ebene verlässt. Die Charakterisierung des Zeugen als schwerstbegabter Nerd und die Dauerbeobachtung der Ermittler durch einen rabenschwarz gekleideten Motorradfahrer, der mehr Zeichen als Person bleibt, wirken arg simpel, zumal sich daran über die Zeit nichts ändert. Erzählerisch stärker motiviert werden müsste hingegen, weshalb auch der Interims-Vorgesetzte, Staatsanwalt Bachmann (Werner Wölbern), nicht wirklich an einer Aufklärung der Umstände des Todes des Mädchens interessiert ist. Raunende Andeutungen (kaum ist ein gegelter Besucher aus der Tür, verkündet der Chef: „Wir sind nicht die Moralpolizei“) helfen da wenig. Der Schluss immerhin ist konsequent. Weshalb man diesen bitteren „Tatort“ aber ausgerechnet an Weihnachten programmiert, das weiß – mit Glück – der Himmel.

          Der „Tatort: Der Turm“ läuft am 2. Weihnachtstag um 20.15 Uhr im Ersten.

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