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„Tatort“ vom MDR : Dresden hustet, Helden sterben

  • -Aktualisiert am

Großer Auftritt: Luise Aschenbrenner spielt die Rettungssanitäterin Greta Blaschke. Bild: MDR/MadeFor/Hardy Spitz

Rettungslos verloren: Ein Aktualität antäuschender „Tatort“ aus dem Sanitätermilieu entwickelt sich zur notfallethischen Tragödie. Eine gute Lösung gibt es nicht.

          3 Min.

          „Grippesaison“, wie harmlos das einmal klang. „Saison“ ließ eher an Theater oder Gemüse denken als an den Zusammenbruch der Weltwirtschaft. Der aktuelle „Tatort“ von Christoph Busche (Buch) und Isabel Braak (Regie), gefilmt von März bis Juni 2020, bereits mit Pandemie-Unterbrechung, niest uns nun aus allen narrativen Nebenhöhlen noch einmal die unschuldige alte Saisongrippe entgegen. Dass auch selbige ordentlich zulangen kann, erkennt Kommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) durchaus: „Die halbe Stadt ist krank.“ Als Entschuldigung für das falsch verstandene Arbeitsethos von Karin Gorniak (Karin Hanczewski) – hustend zum Dienst erschienen und „die halbe Abteilung“ infiziert – ginge das freilich heute nicht mehr durch. „Sie haben uns das eingeschleppt“, schnabelt sie Kommissariatsleiter Schnabel (Martin Brambach) dafür in seiner unnachahmlich jovialen Art an.

          Noch mehr als die Virenlast mag erstaunen, dass der von Corona doch erst auf den letzten Metern überraschte Film um überarbeitete Ersthelfer kreist, die etwa für Obdachlose, wie wir sehen, den letzten Außenposten der Humanität darstellen. Von der Applaus-Wertschätzung, die sie (nur) im vergangenen Frühjahr erfuhren, sind die Einsatz-Helden im „Tatort“ allerdings weit entfernt: „Wir werden ständig beschimpft, bespuckt, bedroht“, klagt eine junge Rettungssanitäterin. Diese empathische Botschaft wird nun vielleicht ein bisschen oft wiederholt: „Wir stehen hier an vorderster Front“; „die Übergriffe gegen uns Rettungskräfte, die werden immer mehr“; „mit Waffe würde ich mich hier auf jeden Fall sicherer fühlen“; „für die Drogis sind wir doch ’ne rollende Apotheke“; „wir sind da inzwischen Blitzableiter für jedweden Frust“. Schlafen darf hier übrigens niemand, auch erkrankte Kommissarinnen nicht. Aufzuklären ist der kaltblütige Mord an einem Rettungsassistenten.

          Der Ermordete war Syrer, kam als Flüchtling nach Dresden. Schnabel, unterm Powerfrauenregime des Dresden-„Tatorts“ längst von seinen xenophoben Machoallüren geheilt, stöhnt auf: „Da müssen wir auch einen fremdenfeindlichen Hintergrund berücksichtigen.“ Man versteht ihn gut: Jetzt auch noch eine (weitere) Dresdner Pegida-Handlung? Aber keine Bange, auch diese Tagesaktualität ist hier nur angetäuscht. Kaum kommt der emotional intensive Film in Fahrt, spielt all das keine große Rolle mehr. Bereits der nächste perfide Angriff auf dieselbe Rettungswache verschiebt den Fokus deutlich, denn offenbar handelt es sich um eine persönliche Abrechnung. Die Angst macht sich breit.

          Dass Busches Buch bei den Verdächtigen nicht unbedingt mit Originalität besticht, lässt sich auch erzählerische Bescheidenheit nennen. Immerhin wird angedeutet, dass Helfer nicht zwingend Heilige sind. Wie die schniefende Ermittlertruppe unaufgeregt, aber konzentriert ihrer Arbeit nachgeht, hat Braak ebenso unaufgeregt in kammerspielintime Bilder übersetzt: viele Innenaufnahmen, viel Kunstlicht. Die beiden Kommissarinnen überzeugen inzwischen als Team, ohne dass es dafür künstliche Konflikte brauchte. Sie setzen auf kleine Gesten und lassen einander Raum.

          Die wahre Hauptfigur aber ist hier jemand anderes. Auf der Suche nach der Darstellerin für Greta Blaschke, die Einsatzkollegin des Ermordeten, hat man sich beim Theaternachwuchs bedient und dabei einen Volltreffer gelandet: Luise Aschenbrenner, Ensemblemitglied am Staatsschauspiel Dresden und in kleineren Fernsehrollen bereits geübt, hebt mit der starken Interpretation ihrer Figur (und kleiner Hilfe durch Golo Euler) diesen Film aus dem üblichen Allerlei heraus, macht ihn zu einem psychologischen Drama über jenes Dilemma, das über allen Helfern schwebt: Wer eingreift, kann Fehler machen. Wobei nicht einmal klar ist, ob es sich hier – nur oder überhaupt – um einen Fehler handelte, aber im Dunkel der Tragödie wird aus grau schnell schwarz.

          Man traut dieser nie ganz fassbaren, meist in weiches Licht getauchten und dornauszieheranmutig inszenierten Greta alles zu, das Schlimmste so sehr wie ein Martyrium. Sie wirkt wie ein aus Splittern zusammengeflicktes Porzellanwesen zwischen Traum und Trauma, selbstbewusst und versehrt, Retterin und rettungslos, halb kindlich-naiv, halb desillusioniert, wobei sie in jeder ihrer sehr divergenten Rollen glaubwürdig ist: solvente junge Medizinerin; giftige Kollegin; flirtender Single; liebende Mutter; angsterfüllte Gejagte; schuldbeladene Büßerin. Luise Aschenbrenner schenkt uns eine der Figuren, von denen es in den oft so kontraststarken Krimis gerne mehr geben dürfte: eine mit sich selbst hadernde, so starke wie schwache Person, auf die sich die Zuschauer zunächst keinen und dann zu viele Reime machen können. Sie zeigt auf sensible Weise, dass sich die Not des Notfalls abspalten und verselbständigen kann. Das ist bemerkenswert weitsichtig und tröstet auch über die dann doch etwas enttäuschende finale Wendung hinweg.

          Der Tatort: Rettung so nah läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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