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„Tatort“ aus Dresden : Am Ende landen sie im Graben

  • -Aktualisiert am

Möchte sein Absturzleben an den Nagel hängen, landet aber im Gefängnis: Louis Bürger (Max Riemelt) Bild: MDR/W&B Television/Michael Kotsc

Überhitztes Kammerspiel: Im Dresdner „Tatort“ wird eine Geiselnahme zur Geduldsprobe für die Polizei. Und alles nur, weil ein Familienvater das Vertrauen in den Rechtsstaat verloren hat.

          3 Min.

          Wenn in einem Krimi die Kommissare zu Statisten werden, ist das Ende gar nicht mehr so interessant. Ja, es gibt im Dresdner „Tatort: Die Zeit ist gekommen“ einen Mord. Ja, der Mörder wird zur Rechenschaft gezogen. Aber der Ermittlungsweg und alles, was von Indizien über Verhöre bis hin zu falschen Fährten dazugehört, könnte randständiger nicht sein. Was zählt, ist das Jetzt, welches sich um den von der Polizei gejagten Protagonisten so stark verdichtet, dass er immer kurz vorm Koller zu stehen scheint. Der Zuschauer befindet sich meistens an seiner Seite, um die Umgebung und den Rest des Ensembles hochaufgelöst unter die Lupe zu nehmen. Dieser „Tatort“ ist, mit anderen Worten, keine Detektivgeschichte, sondern ein Thriller.

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Louis Bürger (Max Riemelt) und seine Frau Anna (Katia Fellin) wollen ihr Absturzleben (Partys, Drogen, Vorstrafen) umkrempeln und sich eine solide Existenz aufbauen. Als die Leiche eines Polizisten und ein Baseballschläger mit dem Blut des Opfers nebst Bürgers Fingerabdrücken gefunden werden, bringen auch die besten Vorsätze nichts mehr. Bald sitzt Bürger im Gefängnis. Nun beginnt der zweite Akt des Schauspiels: Anna befreit ihn, will mit ihm ins Ausland fliehen, fährt vorher allerdings noch zum Kinderheim, wo ihr gemeinsamer Sohn Tim (Claude Heinrich) untergebracht ist. Dort wird das Pärchen von der Polizei festgesetzt, so dass sich der Film in ein Geiseldrama verwandelt, bevor er zum Roadmovie werden kann.

          Unschuldig verurteilt?

          Fortan nehmen Stefanie Veith und Michael Comtesse, die das Drehbuch geschrieben haben, peu à peu das Tempo aus der Handlung. Die Herausforderung für Regisseur Stephan Lacant besteht folglich darin, ein Kammerspiel aufzuziehen, welches das Spannungslevel eines Thrillers nicht unterläuft. Er wählt die naheliegende Lösung, die Situation im Kinderheim mit der Lage davor zu kontrastieren: hier die Kidnapper, die Heimleiterin (Anita Vulesica) und ein jugendlicher Hitzkopf (Emil Belton), dort die Oberkommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel); hier die Kriminellen, die durchs Fenster die Beamten im Blick haben, dort die Polizei, die mit Ferngläsern zurückstiert. Am Bildschirm sitzt der Zuschauer, der die Parteien beim Beobachten beobachtet.

          Bürger versteht seinen Möchtegern-Feldzug als Notwehr. Laufend beteuert er, den Mord nicht begangen zu haben, keiner glaubt ihm, also pfeift er aufs Gesetz. Max Riemelt, dessen Mimik jede emotionale Ausnahmesituation spürbar macht, sagt über seine Figur: „Er vertraut dem Rechtssystem nicht, fühlt sich der Polizeiwillkür ausgeliefert und befürchtet, unschuldig verurteilt zu werden.“ Dass er nicht im Stile eines Michael Kohlhaas brandschatzend durchs Land zieht, verdankt sich seiner labilen Psyche und dem Wunsch nach Anschluss: Bürger wäre gerne bürgerlich.

          Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) muss eine existentielle Entscheidung nach der anderen fällen – buchstäblich im Schweiße seines Angesichts. Wie in Sidney Lumets Klassiker „Hundstage“ (1975), der von der Geiselnahme in einer New Yorker Bank handelt, herrscht im „Tatort“ eine kaum auszuhaltende Hitze. Der beklemmenden Stimmung kommt das entgegen, die Dramaturgie allerdings gerät in problematische Gefilde, denn kaum etwas verlangt von einem Erzähler mehr Geschick als die Inszenierung von Ereignislosigkeit. Wo gewartet wird und sich die dahinschleppenden Minuten wie Mehltau über das Personal legen, müssen alle Perspektivwechsel und jeder Satz sitzen. Was hat Gorniak, die ihre Mitteilungen theatertypisch dahinsäuselt, angesichts der Umstände zu vermelden? „Fuck.“ Oder: „Das braucht nur einen Funken, um zu eskalieren.“ Schnabel, nicht weniger offensichtlich: „Wir müssen wissen, was da drin los ist.“ Und dann zitiert ausgerechnet der Geiselnehmer das geflügelte Kanzlerinnen-Wort: „Wir schaffen das.“

          Der Schlichtheit der Dialoge kommt entgegen, dass in diesem „Tatort“ alles eine Nummer kleiner ist als erwartet. Bürger holt seine Frau von der Arbeit nicht mit einem Motorrad ab, sondern mit einem Roller. Annas Waffe entpuppt sich als Feuerzeug. Der Showdown vollzieht sich an einem Ort, der metaphorisch einiges zu bieten hat, krimiästhetisch dafür als Totalausfall bezeichnet werden muss: der Straßengraben. Zudem wird jeder Hoffnung auf metaphysischen Beistand gleich zu Beginn der Stecker gezogen: „Glauben Sie an Gott?“, fragt Winkler. „Ich glaub nur an mich selbst“, entgegnet Gorniak. Die Antwort sitzt, fängt sie im Kleinen doch den Ton des ganzen Films ein – lakonisch, absehbar und zu selbstbewusst.

          Der Tatort: Die Zeit ist gekommen läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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