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„Tatort“ aus Dortmund : Im Knast ist die Hölle los

Genießt das Gefühl der Macht: Serienkiller Markus Graf (Florian Bartholomäi) Bild: WDR/Thomas Kost

Im Dortmunder „Tatort“ bricht buchstäblich die Tollwut aus. Kommissar Faber begegnet dem Serienmörder Markus Graf wieder. Da ist mit einem guten Ende nicht zu rechnen.

          Die Welt des Krimis ist voller als Zufälle getarnter Zusammenhänge. Ein Straftäter erkrankt und stirbt an Tollwut, obwohl er seit vier Jahren im Gefängnis sitzt. Zwei voneinander besessene Männer begegnen sich am Ort des Todesfalls und nehmen ihre alte Fehde wieder auf. Ein anderer, ebenfalls infiziert, macht sich in den wenigen Tagen, die ihm bleiben, auf die Suche nach der Wahrheit. Es wäre ein guter Stoff für eine Serie, die ersten Szenen deuten den großen Spannungsbogen an, man legt die Füße hoch und sich zurück. Aber daraus wird nichts, nach eineinhalb Stunden sollte alles geklärt sein. Sollte.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Das erste Opfer ist ein Mörder. Er stirbt in der Nacht, fixiert auf seinem Krankenbett, mit Schaum vor dem Mund und einem ratlosen Arzt an der Seite. Wie sich herausstellt, war er mit dem Rabies-Virus infiziert, der, wenn er nicht rechtzeitig behandelt wird, nach einer Gehirnentzündung tödlich endet. Unwahrscheinlich, dass ein solcher Erreger auf natürlichem Wege in eine Haftanstalt gerät. Um Panik unter den Inhaftierten zu verhindern, wird die Todesursache geheim gehalten.

          Sehnsucht nach der Eskalation

          Die Dämonen, mit denen der ermittelnde Hauptkommissar Faber (Jörg Hartmann) kämpft, sind Freunden des Dortmund-„Tatorts“ bekannt: Seit er Frau und Kind bei einem Autounfall verloren hat, treibt ihn die Sehnsucht nach der Eskalation. Den gerade nach Dortmund verlegten, lebenslänglich eingesperrten Serienmörder Markus Graf (Florian Bartholomäi), der womöglich für den Tod seiner Familie verantwortlich ist, bekommt Faber nicht aus dem Kopf. Mit seiner Kollegin Nora Dalay (Aylin Tezel) liegt er dauerhaft im Clinch, und Kommissarin Martina Bönisch (Anna Schudt) muss mehr vermitteln als ermitteln.

          Einig darin, uneinig zu sein: Das Ermittlerteam des Dortmunder „Tatorts“ mit der Gefängnisdirektorin (Ulrike Krumbiegel, links).

          Als Faber also am Tag nach dem Tollwut-Todesfall einen Brief aus ebenjenem Gefängnis bekommt, in dem ein gemaltes Bild von seiner sterbenden Familie steckt, glaubt er nicht an einen Zufall. Ausgerechnet ein früherer Kollege, der Gerichtsmediziner Jonas Zander (Thomas Arnold), der inzwischen als Gefängnisarzt arbeitet, hat sich auch mit dem Virus infiziert und konfrontiert die Ermittler mit seinem bevorstehenden Tod. Er erinnert sich an eine Messerstecherei im Gefängnis einige Wochen zuvor und vermutet, dass die Waffe mit dem Virus präpariert wurde.

          Zander bleiben nur noch wenige Tage, für die er sich einiges vorgenommen hat: Er will die Ermittlungen unterstützen, mit Kommissarin Bönisch ins Bett gehen und in seiner Wohnung zu Volksmusik tanzen. Das lässt sich der Kategorie „letzte Wünsche“ zuordnen. Aber warum die Ermittler, allen voran Nora Dalay, derart abgeklärt auf die Nachricht von Zanders langsamem Tod reagieren, ist schwer zu verstehen. Zander wendet sich Dalay zu, sie dreht sich weg, er sagt: „Ich bin kein Monster.“ Sie geht und lässt ihn stehen.

          Diese und andere Konfrontationen wirken in „Tollwut“ vor allem aufgesetzt. Die Gefängnisleiterin weiß zwar von Fabers Situation, bemerkt aber beim ersten Zusammentreffen mit dem Kommissar: „Kein linkes Ding, Faber, oder ich mache Sie fertig – mit allen Mitteln, die mir zur Verfügung stehen.“ Und Nora Dalay scheint für ihren Kollegen noch immer einen unerschöpflichen Fundus an schnippischen Kommentaren parat zu haben: „Sie haben keine Freunde, Faber. Sie haben nur Graf.“

          Das ist nach dem Drehbuch von Jürgen Werner alles auch ohne den genialisch-wahnsinnigen Sexualmörder Graf schon künstlich aufgeladen. Sein Charakter aber übertrumpft jede Psychologisierung der Ermittler. „Ich liebe es, Frauen zu töten und zu vergewaltigen“, erklärt er Faber bei der ersten Begegnung, als könnten sich die Zuschauer das nicht aus dem Kontext erschließen. Obwohl er in Einzelhaft sitzt, hat Graf den Kommissar von Beginn an in der Hand. Ständig steht Faber bei ihm an der Zellentür, erfüllt pflichtschuldig die Forderungen seiner Anwältin und widersteht den Provokationen mit pochender Halsschlagader, während Graf seelenruhig ein Bildnis der getöteten Tochter anfertigt und dabei verrät, wie sehr er das Gefühl der Macht genießt. Den Höhepunkt erreicht das Spiel, als Graf nach dem Tod eines weiteren Häftlings von Faber verlangt, ihn zum Grab der Familie zu bringen, was Faber umgehend akzeptiert.

          Wären da nicht der Anführer eines albanischen Clans, ein Büffett voller Ratten und eine Reihe weiterer getarnter Zufälle, hätten eineinhalb Stunden genug Klarheit gebracht. Aber Regisseur Dror Zahavi entscheidet sich gegen die abgeschlossene Handlung. Auch dank Kamera und Schnitt gelingt es ihm, die Spannung bis zum Ende zu halten. Das macht den Reiz dieser Fehde aus.

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