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Meret Beckers letzter „Tatort“ : Liebe, was ist das?

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Showdown am Flughafen BER: Meret Becker ist am Sonntag zum letzten Mal in der Rolle der „Tatort“-Kommissarin Nina Rubin zu sehen. Bild: dpa

Im „Tatort“ aus Berlin hat Meret Becker als Kommissarin Nina Rubin ihren letzten Auftritt. Ihr Abgang ist dramatisch. Und wir sehen einen der besten „Tatorte“ seit langer Zeit.

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          Es ist fast dunkel, als die Kommissare Nina Rubin (Meret Becker) und Robert Karow (Mark Waschke) die kopflose Leiche begutachten, die gerade aus der Spree geborgen wurde. Kein schöner Anblick, und auch der graue Abend verspricht Berlin-Tristesse und schlechte Laune – die Sinfonie der Großstadt, wie man sie vom RBB-„Tatort“ kennt. Keinen gemeinsamen Theaterbesuch, wie Rubin vorschlägt, wird es nach dieser letzten Folge für sie geben. Stattdessen ein zögernder Moment des Wartens am Auto.

          Worauf sie warte? Gefühle seien „für hässliche Menschen“, meint Karow: „Willste irgendwas mit Liebe hören?“ „Wat soll dat sein? Wer keine eigenen Kinder hat, der bleibt in Sachen Liebe doch immer Amateur, hat mein Vater jesacht“, erwidert sie, deren Mann und Söhne sich vor langer Zeit von ihr getrennt haben, vorsichtig. Also nichts mit Liebe. Lieber burschikos berlinern und arbeiten.

          Nachts sieht man Karow in der Pathologie, wie er seine Hand zur Verfügung stellt, um mit der abgezogenen Haut des Toten eine Art Handschuh zu erstellen. Am nächsten Tag wirft Karow ein totes Schwein in die Spree, genau 95 Kilo schwer wie der Tote, den Kopf rechnerisch ergänzt, um mithilfe von Fließgeschwindigkeit und Stadtplan die Einwurfstelle des Körpers zu ermitteln. Mit abgelebter Kreatürlichkeit kann Karow umgehen. Nachtschwärmerin Rubin kümmert sich um die Lebenden, mit gleicher Professionalität, später mit geradezu geschmolzenem Herz, herzzerreißend.

          Fünfzehn Fälle in sieben Jahren, zwei Ermittler als sprichwörtliche „Königskinder“, nun ist Schluss. Schon im ersten Fall beider, „Das Muli“, ging es um Vertrauen. Die Ruine des BER war ein Spielort, hier, in „Das Mädchen, das allein nach Haus’ geht“, wird er mit labyrinthischen Fluchtwegen zur Bühne des Finales. Vereinzelung, Verrohung und die Abwesenheit von Gemeinsinn waren Themen dieses „Tatorts“. Zu den Höhepunkten gehörte der Fall „Meta“, in dem Rubin und Karow sich in einem Spiel von fiktiver Fiktion und fiktiver Wirklichkeit wiederfanden. Am melancholischsten war der zehnte Fall, „Das Leben nach dem Tod“, in dem Karow erfährt, wochenlang Wand an Wand mit einem Toten gelebt zu haben. Rubin zerreißt ihr T-Shirt, er tut es ihr gleich, es sei ein jüdisches Ritual für die Seele zwischen Tod und Begräbnis. „Machen Sie das dann auch für mich, wenn ich nicht mehr da bin?“ „Du bist nicht alleine, Karow“. Dann siezt man sich wieder.

          Sie waren füreinander nicht bestimmt

          Sie hatten einander, waren aber nicht füreinander bestimmt, so sagt es Kameramann Ngo The Chau, der mit Meret Beckers letztem Auftritt seinen ersten Polizeifilm inszeniert: einen cineastisch perfekten „Tatort“, der in die Ruhmeshalle der Reihe gehört. Im Vorübersehen fällt der Zuschauerblick im Präsidium auf eine Wand mit den Fotos der im Dienst getöteten Polizisten, bevor der neue Kollege Malik Aslan (Tan Caglar) mit Glasmurmeln demonstriert, dass in Berliner Gebäuden viele Böden schief sind – Murmeln wie Kristallkugeln, aus denen man die Zukunft liest. Schauplätze, Handlungen, Dialoge, Thrillerwendungen schwingen sich miteinander ein zu einem „Tatort“, dessen letztes Drittel vor Adrenalin fast platzt. Bevor zum Schluss ein Kinozitat Platz für das Kinozitat machen muss.

          Abschied genommen wird am Flughafen BER auf dem Rollfeld. Den Kreis zur ersten Folge von Stefan Kolditz schließt sich das exzellente Drehbuch von Günter Schütter. Zu sehen ist ein doppelter Abschied zweier Liebespaare. Nina Rubin verabschiedet sich von Julie Bolschakow (Bella Dayne), der schaufensterpuppenschönen Ehefrau des „Bratwa“-Anführers (Bruderschaft) Yasha (Oleg Tikhomirov). Nachts hatte Julie die heimgehende Rubin in einem Souvenirladen um Zeugenschutz gebeten und im Gegenzug eine kopierte Festplatte versprochen. Rubin und Julie treffen sich in einem Tanzlokal für einsame Frauen, tanzen, erzählen, küssen sich. Meret Becker kreiert in diesem Ambiente mit Ngo The Chau Sehnsuchtsbilder, die alles über ihre verletzliche, starke, herzensreine Figur sagen. Und Karow verabschiedet sich von Rubin. Karow, der die Identität des Toten, eines verdeckten Ermittlers bei den Bolschakows, aufdeckt. Es kommt zum Showdown.

          Mit Nina Rubin in Berlin, Martina Bönisch in Dortmund und Sascha Bukow vom Rostocker „Polizeiruf“ sind die drei Ermittlerfiguren gegangen, deren Geschichten am plausibelsten erzählt wurden. Alle drei hinterlassen Partner, neue Konstellationen sind gefragt. Mark Waschke gibt Karow im nächsten „Tatort“ ein Solo, bevor Corinna Harfouch als neue Kommissarin dazustößt.

          Tatort: Das Mädchen, das allein nach Haus’ geht, an diesem Sonntag, 20.15 Uhr, ARD

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