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„Tatort“ aus Stuttgart : Diese deutsche Vollkaskomentalität

  • -Aktualisiert am

Emotional ist bei ihm immer fünf vor zwölf: Barnaby Metschurat als Oliver Manlik Bild: SWR/Benoît Linder

Mit Sprengstoff und kurzer Zündschnur: Im Stuttgarter „Tatort“ liefern sich ein Unternehmer und sein ehemaliger Angestellter ein zahnloses Duell. Da können auch kernige Sprüche und expressives Mienenspiel nichts mehr retten.

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          Genre und Klischee vertragen sich häufig ausgesprochen gut. Ein Drama mag Freunde der Hochkultur begeistern, aber den Gefühlsexzessen des Melodrams hat es wenig entgegenzusetzen. So verhält es sich auch mit Wirtschaftskrimis, die meist reizvoller ausfallen, wenn sie sich nicht auf die Straftat konzentrieren, sondern auf deren Urheber und Folgen, kurz: wenn sie als Raubtierparade inszeniert sind. Im Stuttgarter „Tatort: Der Welten Lohn“ spielt Stephan Schad den Chef einer Firma für Autozubehör mit so viel galliger Arroganz, dass er das gesamte Ensemble in Grund und Boden ekelt. Seine Mimik gleicht einem Steinbruch, seine Sätze enden fast immer mit einem Ausrufezeichen. „Wirtschaft ist Kampf“, sagt er einmal, um kurz darauf die übelsten Gegner erfolgreichen Unternehmertums aufzuzählen: „Ineffizienz, Bequemlichkeit, staatlicher Regulierungswahn!“

          Kai Spanke

          Redakteur im Feuilleton.

          Diese Statements sind Drehbuchautor Boris Dennulat allerdings noch nicht deutlich genug. Deswegen spendiert er Joachim Bässler, so heißt der harte Hund, wenig später den nächsten denkwürdigen Aufritt. Diana Geddert (Anni Nagel), eine Kollegin aus dem Personalvorstand, ist im Wald gestorben: „Intrazerebrale Blutung mit anschließender letaler Kompression des Hirnstamms nach sturzbedingter Fraktur der Kalotte frontal, parietal“. Die Nüchternheit, mit der Rechtsmediziner Vogt (Jürgen Hartmann) seine Funde ins Diktiergerät spricht, wird von Bässler ins Absurde gesteigert, sobald er im Konzern eine Gedenkrede hält und in Eigenlob absäuft: „Lauter kompetente, hochmotivierte Menschen. So viel Qualität auf höchstem Niveau in einer hervorragenden Unternehmenskultur, dafür möchte ich Diana Geddert, dafür müssen wir alle Diana Geddert für immer ein ehrendes Andenken bewahren.“

          Zombiehafter Veitstanz

          Die Ermittler Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) wittern sofort, dass etwas an dem Laden „oberfaul“ ist. Sie recherchieren und finden sich bald bestätigt: Mehr als drei Jahre war der ehemalige Mitarbeiter Oliver Manlik (Barnaby Metschurat) in Florida inhaftiert. Die Firma hatte krumme Geschäfte gemacht und ihn als Bauernopfer ans Messer der Justiz geliefert. Grundlage des Verfahrens war der „Foreign Corrupt Practises Act“, ein Gesetz der Vereinigten Staaten, welches zur Folge haben kann, dass Konzerne in Amerika vor Gericht gezerrt werden, obwohl sie sich in einem anderen Land der Korruption schuldig gemacht haben. So erklärt es Bootz in aller Kürze, denn Regisseur Gerd Schneider interessiert sich zum Glück nicht für juristische Details, sondern für die Konsequenzen des Delikts: Nun ist Manlik zurück und pocht mit kurzer Zündschnur und Sprengstoff im Gepäck bei Bässler auf Entschädigung.

          Auch hier dominieren Stereotype. Der Ex-Knacki ist tätowiert, leicht neurotisch (Badelatschen müssen im richtigen Winkel ausgerichtet werden) und bringt sich mit Push-ups in Form. Frau und Kind? Entfremdet. Überraschungsbesuche auf dem Schulhof? Keine gute Idee. Immer wieder fängt die Kamera Manliks mal ungläubiges, mal furios verzerrtes Gesicht ein. Seine Mimik ist ein Spielfeld, auf dem sich widerstreitende Gefühle um die Vorherrschaft zoffen. Als Bässler ihm sagt, dass er sich seine Entschädigung abschminken kann, führt er einen zombiehaften Veitstanz auf: Halsmuskeln angespannt, Augen verdreht, Zähne aufeinandergepresst, Speichelfluss nicht unter Kontrolle, Hände einem Schraubstock gleich an den Kopf gelegt. Die Unschärfe der Aufnahmen, so darf man wohl übersetzen, spiegelt dabei die längst verlorene Klarsicht des Protagonisten. Dazu wummern Klangcollagen und Rückkopplungen von Gary Marlowe, die an den Sound von Industrial-Bands aus den Neunzigern erinnern.

          Das ästhetische Regime dieses „Tatorts“ ist mithin maßlos überzeichnet. Schablonenhaftigkeit trifft auf Drastik und theaterhaft durchchoreographierte Emotionsstudien. Nachdem Bässler bei einem Anschlag verletzt wurde, beschwert er sich zuerst über die „deutsche Vollkaskomentalität“, um anschließend auch noch die Bildungsbürger abzuholen: „Mit meiner Sterblichkeit möchte ich nur konfrontiert werden, wenn ich Seneca lese.“ Das dürfte sich auch Manlik wünschen, dem ein Killer mit Militärausbildung auf den Fersen ist. Die beiden Hauptfiguren, der saturierte Unternehmer und sein abgehängter Paria, liefern sich ein über weite Strecken zahnloses Duell, an dessen Ende wenigstens geklärt wird, wie Diana Geddert zu Tode gekommen ist. Dies sei verraten: Nicht so, wie man denkt – und das verleiht dem Finale eine bittere Note.

          Der Tatort: Der Welten Lohn läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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