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Der „Tatort“ aus Luzern : Sie sind nur Zaungäste des Systemkonflikts

  • -Aktualisiert am

Gegner: Mike (Misel Maticevic, links) und Anton Seematter (Roland Koch) Bild: ORF

Ein Liebknecht als überdeutliche Reminiszenz: Im Schweizer „Tatort – Friss oder stirb“ sieht ein Arbeiter rot und nimmt einen Gruselkapitalisten als Geisel.

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          Jeder bekommt, was er verdient. Anton Seematter (Roland Koch) beispielsweise, Vorstandsvorsitzender des Konzerns Swisscoal, fährt als Firmenwagen ein seltenes Maserati-Modell, residiert hoch über Luzern im Mies-van-der-Rohe-Glaskasten auf einem weitläufigen Seegrundstück, sammelt Kunst und spendet im Gegenzug für einen Ruf als Mäzen signifikante Summen an wirtschaftswissenschaftliche Fakultäten.

          Die Titelblätter zahlreicher Manager-Magazine schmücken die Wand seines Schlafzimmers, auf allen abgebildet: Anton Seematter in Erfolgspose, der „Deal-Maker“ of the moment, the year, the century. Reich durch außergewöhnlichen Einsatz und seltene intellektuelle Brillanz, so steht es in den einschlägigen Blättern. In kniefälligen Porträts zur Selbstvergewisserung der Meritokratie, einer Herrschaftsordnung auf Grund von Leistung. In meritokratischer Konsequenz ist der Arbeitslose selbst schuld an seiner Misere – er ist nicht flexibel, nicht schlau, nicht vorausschauend genug. Ungleichheit gehört zum System. Es kann nicht nur Reiche geben. Oder, wie es Seematters Tochter Leonie (Cecilia Steiner), Studentin der Wirtschaft, wendet: „Es kann nicht jeder mit Privilegien geboren werden, sonst wären es ja keine mehr.“

          Nicht einmal der Inflationsausgleich wird berücksichtigt

          Mike Liebknecht (Misel Maticevic), der im drittletzten Schweizer „Tatort“ aus Luzern über die deutsch-schweizerische Grenze fährt, um Seematter mit Unterstützung einer Beretta zur Rede zu stellen, hat in leistungsdiktatorischer Sicht bekommen, was er verdient. Die betriebsbedingte Kündigung durch die Muttergesellschaft Swisscoal, die seinen metallverarbeitenden Betrieb in Bremerhaven aufgekauft hat, um ihn dichtzumachen und die Aufträge nach Asien zu vergeben. Das Scheitern seiner Ehe, den Verlust seines Sohnes, die Wut im Bauch. Liebknecht – der Name ist nicht umsonst eine überdeutliche Reminiszenz an den Arbeiterführer Karl Liebknecht – kommt ins Haus, um mit Waffengewalt einzufordern, was ihm zusteht. Seematter soll ihm den Verdienstausfall bis zur Rente ersetzen. Der erklärt unbeeindruckt die Denkfehler. Zum Verständnis der Lage fehle Liebknecht „der Gesamtüberblick“. Zum Rechnen das grundlegende Finanzverständnis – nicht einmal den Inflationsausgleich habe er berücksichtigt. Arroganz oder Sarkasmus? Oder der vielbesungene Bodenhaftungsverlust der Spitzenmanager?

          In der Spielanordnung des Duells zwischen Seematter und Liebknecht kann man „Friss oder stirb“ aus der Feder von Jan Cronauer (nach einer Idee des 2016 verstorbenen Matthias Tuchmann) als neuen „Tatort“-Setzbaukastenfall des beliebten „Kapitalisten-Bashings“ im deutschsprachigen Fernsehen identifizieren. Ob Banken- oder Industriellenmilieu – für gewöhnlich begegnet man da skrupellosen Figuren, die selbst den sozialistischen Revolutionären des vergangenen Jahrhunderts ob der Borniertheit als Mittel im Klassenkampf sinnlos erscheinen würden. „Friss oder stirb“ macht aber mehr daraus, zumindest einen besseren Film, als das Drehbuch nahelegt. Dieser hat im Zentrum einen Geiselnahmefall mit mehrfacher Umkehrung der Verhältnisse, in den die Polizisten Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) durch Zufall als Zaungäste des Systemkonflikts hineingeraten.

          Flückiger und Ritschard ermitteln zunächst im Todesfall einer Wirtschaftsprofessorin, die Leonies Dozentin war. Ein Verdacht deutet auf Anton Seematter. Zur Befragung aber kommt es nicht, denn im Glashaus hält der Geiselnehmer den „Deal-Maker“, die Ehefrau Sofia (Katharina von Bock) und die Tochter in Schach. Aus drei Geiseln werden fünf, die Gewalt eskaliert. Die Verhältnisse beginnen zu tanzen, eher zu taumeln. Natürlich hängt am Ende alles mit allem systemisch zusammen.

          Regisseur Andreas Senn und insbesondere Kameramann Philipp Sichler („Tatort – Im Schmerz geboren“, „Das weiße Kaninchen“) schaffen eine dichte Atmosphäre der Bedrohung, bei der die Täter- und Opfermuster nicht klar umrissen bleiben. Zum Schluss hin scheint eine gewisse Misogynie durch. In der Szene, die über Liebknechts Verbleib entscheidet, wird Vater-Sohn-Kitsch vor grauer Seekulisse geboten. Die Bilanz ist demnach durchwachsen. Zweimal noch ermitteln die Luzerner bis Ende 2019, dann übernimmt Zürich den Schweizer „Tatort“. Um die unaufgeregten Ermittler Flückiger und Ritschard ist es schade, um Fälle wie diesen nicht unbedingt.

          Tatort – Friss oder stirb läuft am Sonntag, um 20.15 Uhr, im Ersten.

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