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FAZ.NET-Tatortsicherung : Gefährliches Aspirin?

  • -Aktualisiert am

Die Kommissare Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) bei der Schreibtischarbeit Bild: BR/Hager Moss Film GmbH/Luis Zen

Im neuen Fall aus Franken müssen Ringelhahn und Voss den Mord an zwei Libyern aufklären. Ein genauerer Blick in Beipackzettel und auf Baustellen hätte den aktuellen „Tatort“ glaubwürdiger gemacht.

          Schon mehrere Tage liegen zwei Menschen tot in einem einsam gelegenen Wohnhaus bei Nürnberg, mit großer Brutalität hat ihr Mörder auf sie eingeschlagen. Der Libyer und seine Schwester kamen vor 15 Jahren nach Deutschland und galten als gut integriert.

          Doch nicht nur dieser Fall erschüttert Kommissarin Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel). Sie muss gleichzeitig den plötzlichen und rätselhaften Unfalltod ihres früheren Kollegen Frank Leitner (Andre Hennicke) verkraften, dem sie sehr nahe stand.

          Ihr Kollege Felix Voss (Fabian Hinrichs) sorgt sich indes um den Verbleib von Ahmad, dem Ziehsohn des Ermordeten. Er wurde als vermisst gemeldet  – ist ihm seine Zeugenaussage in einem Prozess gegen drei rechtsradikale Jugendliche zum Verhängnis geworden?

          Erneut überfrachten die Autoren den bereits vierten Franken-„Tatort“ mit vielen Handlungssträngen und Details. Wir haben einige mit Fachleuten besprochen..

          ***

          Frage 1: Ein depressiver Mann kommt mit seinem Auto von der Straße ab und verunglückt tödlich. Als Grund wird eine Kombination aus Antidepressiva und Acetylsalicylsäure vermutet, die in seinem Blut gefunden wurde. Außerdem gibt die ermittelnde Kommissarin am Ende des Films an, er sei „erstickt“ (Minute 86). Ein plausibler Hergang?

          Antwort von Prof. Dr. Peter Betz (Direktor des Instituts für Rechtsmedizin an der Universität Erlangen-Nürnberg):

          Bei den handelsüblichen Antidepressiva unterscheidet man insbesondere zwischen den tryziklischen Substanzen, den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern sowie den MAO-Hemmern. Der Effekt dieser Medikamenten-Typen ist allerdings recht ähnlich: Der Spiegel von Botenstoffen wie Serotonin, Dopamin, Noradrenalin und Adrenalin, die antriebssteigernd und stimmungsaufhellend wirken, wird künstlich erhöht. Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten gibt es unzählige. In Kombination mit bestimmten Betablockern beispielsweise können sie deren blutdrucksenkende Wirkung verstärken oder den Blutdruck sogar bis zum Kreislaufkollaps rapide abfallen lassen. Auch die Wirkung von ASS kann unter Umständen durch eine gleichzeitige Einnahme von Antidepressiva verstärkt werden. Der Blutverdünner, auch bekannt unter dem Markennamen Aspirin, wird beispielsweise nach einem Herzinfarkt oder einem Schlaganfall gegeben und sorgt dafür, dass die Aggregation der Blutplättchen, also deren Verklumpung, gehemmt und somit die Gefahr einer erneuten Gerinnselbildung in einer Herzkranzschlagader oder einer Hirnarterie reduziert wird. Insbesondere in Kombination mit Serotonin-Wiederaufnahmehemmern erhöht sich jedoch das Risiko für eine Magen-Darm-Blutung. Dies ist allerdings erst bei einer längeren Einnahme zu erwarten. Von einer Wechselwirkung von ASS und einem Antidepressivum, die zum „Ersticken“ führen soll, habe ich wiederum noch nie gehört. Denkbar wäre allenfalls eine Unverträglichkeit mit ASS oder einem Antidepressivum, was im schlimmsten Fall zu einem Anschwellen der Luftwege und Atemnot führen kann oder eine extreme Überdosierung des Psychopharmakons mit atemdepressiver, also atemverlangsamender Wirkung.

          ***

          Kommissar Voss: „Wie ist das passiert?“ – Mitarbeiter der Spurensicherung: „Vermutlich schweres Eisenrohr, so circa vier Zentimeter Durchmesser. Fünfzehn bis zwanzig Schläge pro Person, nur auf Kopf und Schultern, anscheinend mit wachsender  Begeisterung.“ (Minute 5).

          Frage 2: Noch am Tatort hat ein Mitarbeiter der Mordkommission schon den Tathergang parat – klingt nach einem gewagten Schnellschuss.

          Schockiert von der grausamen Tat: Kriminalkommissarin Wanda Goldwasser (Eli Wasserscheid)

          Antwort von Prof. Dr. Peter Betz:

          Eine derart präzise Aussage bereits nach der ersten Inaugenscheinnahme eines solchen Tatortes ist in der Regel nicht möglich, da bei schweren Schädel-Hirn-Traumata infolge mehrfacher stumpfer Gewalteinwirkungen zu erwarten ist, dass das Blut am Schädel bereits stark angetrocknet ist. Deshalb können weder Anzahl noch Natur der Verletzungen ohne gründliche Reinigung der Leiche beurteilt werden. Und selbst dann werden Sie nicht definitiv feststellen können, ob es sich bei dem Tatwerkzeug, mit dem auf den Schädel eingeschlagen wurde, um ein Eisenrohr eines bestimmten Durchmessers gehandelt hat – es sei denn, Sie verfügen über hellseherische Fähigkeiten. Man kann anhand des Verletzungsmusters lediglich den Schluss ziehen, dass beispielsweise ein länglich geformter gegebenenfalls auch kantiger Gegenstand zum Einsatz kam.

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