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„Polizeiruf 110“ wird Fünfzig : Stell dir vor, es wäre immer 1988

Hat auch schon bessere Zeiten gesehen: Kommissar Henry Koitzsch (Peter Kurth) betrinkt sich nach Dienstschluss. Bild: MDR

Fünfzig Jahre „Polizeiruf 110“: Die Jubiläumsfolge „An der Saale hellem Strande“ mit zwei neuen Kommissaren nimmt das DDR-Erbe ernst. Was war das eigentlich für eine Serie, damals vor der Wende? Was ist sie heute?

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          Und wenn die DDR gar nicht untergegangen ist? Wenn sie – hoffnungslos, bleiern und dumpf – einfach weiterlebt als ein unendliches 1988? Wenn sie sich wie Rost ins vereinigte Deutschland frisst, Licht und Lebensfreude verschluckt, Zukunft vernichtet, jeden Mut einschüchtert, weil alle Hoffnungen, die mit ihrem Untergang verbunden waren, in Enttäuschungen umgeschlagen sind, in Verbitterung aus der Erfahrung von Betrug und Erniedrigung – nur noch viel schlimmer, weil jetzt das Wissen hinzukam, dass Auflehnung sich nicht mehr lohnt und es Alternativen nicht mehr gibt?

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Der Drehbuchautor Clemens Meyer jedenfalls entwirft mit dem Regisseur Thomas Stuber in der Jubiläumsfolge zu fünfzig Jahren „Polizeiruf 110“ ein Bild von einem traumatisierten, in sich selbst versackten Land, das der Kameramann Nikolai von Gaevenitz nicht nur nachtsüber ins müde Gelb des Lichts von Natriumdampflampen taucht. Es ist eigentlich immer Nacht in diesem Film, auch am Tage, und es ist immer Herbst, auch im Frühling.

          In „An der Saale hellem Strande“ – so der Titel – geht es finster zu. Am Abend des 7. November wird der Kellner Uwe Baude vor seinem Haus in Halle erstochen. Per Funkzellenüberwachung machen die „Polizeiruf“-Neulinge Henry Koitzsch (Peter Kurth) und Michael Lehmann (Peter Schneider) alle ausfindig, die zur vermutlichen Tatzeit in der Nähe telefoniert haben. Die Protokolle der Vernehmungen und die Porträts der Vernommenen schließen sich zusammen zu einem Panorama der Verwahrlosung: zynischer Empathiemangel bei dem manipulativen Flittchen Katrin Sommer (Cordelia Wege), Versoffenheit und Erschleichung von Sozialleistungen beim Ehepaar Olaf und Silke Berger (Sebastian Weber und Tilla Kratochwill), trostlose Demenz beim greisen Ex-Reichsbahner Günter Born (Hermann Beyer).

          Dynamisch würde man ihren Einsatz nicht nennen: Kommissar Michael Lehmann (Peter Schneider, links) und Kommissar Henry Koitzsch (Peter Kurth).
          Dynamisch würde man ihren Einsatz nicht nennen: Kommissar Michael Lehmann (Peter Schneider, links) und Kommissar Henry Koitzsch (Peter Kurth). : Bild: MDR/filmpool/Felix Abraham

          Die Ermittler haben dieser Welt kaum etwas entgegenzusetzen. Koitzsch, vereinsamt und unzugänglich, besucht einen Zuhälter in der Knastbibliothek, gesteht dem Freund auf der anderen Seite des Gesetzes, dass er nur noch auf die Rente warte, und fährt danach besoffen Auto. Sein Kollege Lehmann, immerhin liebevoller Familienvater mit einem Rest von Wut auf diese Welt, beichtet derweil seinem Schwiegervater: „Bin sechsundvierzig, denk aber nur an die Rente.“ Dieser Film ist ein Ermittlerkrimi mit reicher Zeugen-Milieuschilderung und zugleich Momentaufnahme einer zukunftslosen Gesellschaft.

          Berater des MdI waren bei den Dreharbeiten zugegen

          Seismographische Qualitäten für das, was los ist im Lande, hatte der „Polizeiruf“ immer schon. Erich Honecker, der Walter Ulbricht 1971 in einer Art Palastputsch als Vorsitzenden der SED entmachtet hatte, soll sich gleich zu Beginn seiner Amtszeit entrüstet haben über die Langeweile im Fernsehen der DDR. Ein Team wurde beauftragt, ein ostdeutsches Pendant zum „Tatort“ zu entwickeln, der im Jahr zuvor auf Sendung gegangen war. Am 27. Juni 1971 konnte der erste „Polizeiruf 110“ gesendet werden: „Der Fall Lisa Murnau“. Es ging um einen Postraub über siebzigtausend Mark. Neben Peter Borgelt als Oberleutnant Peter Fuchs ermittelte auch Sigrid Göhler als Leutnant Vera Arndt – die erste Ermittlerin im deutschen Fernsehen; erst sieben Jahre später zog Nicole Heesters im Westen nach.

          Neunzig Prozent der verarbeiteten Fälle bezogen sich auf Polizeiakten, die den Drehbuchautoren vom Ministerium des Innern (MdI) zum Studium zur Verfügung gestellt wurden. Fachberater des MdI waren bei den Dreharbeiten immer zugegen. Andreas Schmidt-Schaller, der von 1986 an als Leutnant Thomas Grawe ermitteln durfte und in der Jubiläumsfolge den Schwiegervater von Michael Lehmann spielt, erinnert sich an diese Nähe: „Die Zusammenarbeit mit den Fachberatern bei den Dreharbeiten war sehr gut und hilfreich. Dadurch wurde das Filmen von Einsätzen viel authentischer. Sie korrigierten uns, wenn wir aus unerfindlichen Gründen zu viel mit der Pistole herumgefuchtelt haben. Es wurde streng darauf geachtet, dass das, was wir vor der Kamera taten, aus polizeilicher Sicht alles Hand und Fuß hatte.“ Über heutige Tschiller-Ballereien hätte man vermutlich gelacht.

          Doch im „Polizeiruf“ des DDR-Fernsehens standen ganz und gar die Täter im Mittelpunkt. Die Ermittler waren Ordnungsgaranten des Staates, ohne Privatleben. Nur behutsam wurde eines bei Vera Arndt und Thomas Grawe angedeutet. Schmidt-Schaller sieht dieses alte Modell, obwohl gerade seine Figur von der Ausgestaltung profitierte, im Gespräch mit der F.A.Z. als Vorzug: Durch die Fokussierung auf die Täter wurde früher viel mehr „Gegenwart erzählt. Es wurden Bilder eingefangen, die zeigten, wie unsere Alltagswelt aussah. Diese Aufmerksamkeit für Gegenwart und Alltagsleben scheint mir heute etwas verlorengegangen oder zumindest beliebiger geworden zu sein. Man unterschätzt ein wenig, was das für die Reihe bedeutet. Durch die Verschiebung des Fokus hin zu den Ermittlern gleichen sich die Folgen einander an. Das Ergebnis ist eine stärkere Gleichförmigkeit.“

          Der „Polizeiruf 110“ hinterließ in der DDR erschütternde Monumente der Schauspielkunst: Ulrich Thein und Annekathrin Bürger als erbarmungswürdiges Alkoholiker-Ehepaar, das den Tod des eigenen Kindes verschuldet hat in „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“, oder Günter Schubert, als Sympathieträger sonst einer der Publikumslieblinge der DDR, als Sexualmörder in „Der Mann auf dem Baum“. Die Reihe griff mit dem „Kreuzworträtselfall“ 1988 das Thema Pädophilie auf, das 1974 noch für nicht zumutbar galt, weshalb die Folge „Am hellerlichten Tag“ nie gezeigt wurde. Sogar geplante Republikflucht kam in „Per Anhalter“ zur Sprache, wo einer der Jugendlichen die Verheißungen des Westens in die Worte fasste: „Keener quatscht dir dazwischen, nich mal die Gesellschaft oder wie se dat hier nennen.“ Ganz unabhängig von den Delikten oder deren Aufklärung waren die Fernsehfilme Stimmungsbilder. „Außenseiter“ spielte 1986 in einem Sanatorium in Heiligendamm und verbreitete, wie eine zeitversetzte Erzählung Eduard von Keyserlings, die Atmosphäre von Siechtum und vergeblich aufbegehrender Lebenslust. „Eifersucht“ schließlich erzählte 1988 – am Beispiel einer Ehe – von einem falschen Leben, dem keine Ausflucht ins richtige mehr blieb. Das Titellied „Als ich fortging“ von Dirk Michaelis stand schon damals für viel mehr als nur für das zur Lüge und zum Gefängnis gewordene Privatleben des Seemanns Mario Sander (Uwe Kockisch).

          Der „Polizeiruf 110“ wurde 1991 mit dem Ende des Deutschen Fernsehfunks eingestellt und 1993 von der ARD reanimiert, mit neuem filmischem wie musikalischem Vorspann, was besonders bei der prägnanten Musik von Hartmut Behrsing ein Verlust war. Sie hätte den Vergleich mit Klaus Doldingers „Tatort“-Vorspann ausgehalten. Seitdem hat sich das Format des „Polizeirufs“ stark verändert. Die Ausgestaltung der Ermittlerprofile hat an Raum gewonnen. Das ist nicht zuletzt in der Jubiläumsfolge „An der Saale hellem Strande“ zu beobachten, die gesellschaftlichen Normverlust und polizeilichen Idealverlust ineinander spiegelt. Es ist eine Welt im Klammergriff der Resignation. Clemens Meyer und Thomas Stuber haben in den Film gleichwohl liebevolle, melancholische, immer kenntnisreiche Referenzen an die Reihe und deren Geschichte eingebaut: durch Zwischentitel wie „Der Teufel hat den Schnaps gemacht“ oder durch die Musik von Klaus Renft mit dem Titel „Wer die Rose ehrt“. Silke, die alkoholkranke Nachbarin des Mordopfers, tanzt dazu besoffen in einer Szene. Sie ist plötzlich schön. Und man sieht einen kurzen Moment lang, was aus dieser Frau hätte werden können.

          Polizeiruf 110: An der Saale hellem Strande, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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