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„Polizeiruf 110“ aus München : Der Rest ist Schweigen

Zerzaust: Matthias Brandt ist als Hanns von Meuffels am Ende ziemlich von der Rolle. Bild: BR

Matthias Brandt tritt zum letzten Mal als Kommissar Hanns von Meuffels auf. Er sprach schon vor zwei Jahren davon, die Rolle zu beenden. Sein Abgang ist einer mit Würde und Melancholie.

          Melancholie – wer könnte stiller in das Schwarz der Seele eintauchen als Kommissar Hanns von Meuffels in seinem letzten Fall. Sein Abschied war einer auf Raten, angekündigt schon vor zwei Jahren. Damals sagte Matthias Brandt, er wolle sich nicht länger auf die Rolle des Fernsehkommissars festlegen lassen. Denn Fernsehkommissar, das sei schon fast eine eigene Berufsbezeichnung. Er aber sei lieber Schauspieler.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Hier irrte Matthias Brandt. Denn nie wäre man in den sieben Jahren, in denen er im „Polizeiruf 110“ aus München die tragende Rolle ausfüllte, auf die Idee verfallen, etwas anderes zu sehen als einen herausragenden Schauspieler bei der allmählichen Verfertigung einer Charakterstudie, bei der schrittweisen Erkundung einer Figur, die sich eher zufällig mit Kapitalverbrechen zu beschäftigen schien – und vielleicht auch nur, weil die beruflich erzwungene Nähe zu Mord und Totschlag ihm umso existenzieller aufs Gemüt schlagen musste. „Das ist doch kein Beruf“, sagte er öfter, hatte recht damit und säte mit solchen Sätzen auch leise Selbstzweifel im krimiversessenen Publikum. Das ist doch keine Abendunterhaltung.

          Hanns von Meuffels, der Adlige aus dem Norden, den es in die bayerische Landeshauptstadt verschlagen hatte, blieb immer ein Fremder. Als Mann mit Sinn für Form und Anstand, der gespreiztes Getue verachtet, hat ihn Brandt gezeichnet, als Schweiger mit feinnervigem kriminologischen Gespür und grobschlächtigem Hang zum Wutausbruch. Ein „Who is Who“ deutscher Top-Regisseure wurde für dieses Prestigeprojekt des BR engagiert: Dominik Graf, Hans Steinbichler, Leander Haußmann, Hermine Huntgeburth, um nur einige zu nennen, und nun zum dritten Mal Christian Petzold. Er hat, wie es seiner Arbeitsroutine entspricht, auch das Drehbuch zur Final-Episode „Tatorte“ geschrieben.

          Meuffels (Matthias Brandt) ist zu sehr mit seinem Handy beschäftigt, als dass er auf seine neue Kollegin Nadja Micoud (Maryam Zaree) achtete.

          Der Titel des Meuffels-Finales mag nebenbei augenzwinkernd Richtung Krimikonkurrenz schielen, vor allem aber beschreibt er, was wir sehen. Tatorte, als Orte und Räume des Schreckens sorgsam ins Bild gesetzt von Hans Fromm. Von der Rückbank eines Autos, dessen Scheibenwischer gegen den niederprasselnden Regen anpumpen wie ein rasendes Herz gegen die Angst, blicken wir in der Eingangsszene auf den ersten Tatort: den vormittäglich verlassenen Parkplatz eines Autokinos. Die Frau am Steuer hält, sagt der Tochter im Kindersitz, es dauere nicht lange, steigt aus und geht mit einer Mappe in der Hand auf ein parkendes Auto zu. Aus diesem steigt ein Mann, zieht eine Waffe, und erschießt die Mutter. Das fliehende Kind verfehlt er.

          Schnitt. Meuffels schwebt durch die schwermütigen Klangwolken klassischer Musik, die aus seinem Autoradio quellen. Er telefoniert. Wir erfahren, dass er zu Constanze fährt, seiner früheren Kriminalassistentin und inzwischen Ex-Lebenspartnerin. Sie will ihn nicht sehen, er taucht trotzdem an ihrem neuen Arbeitsplatz auf. In der Nürnberger LKA-Schule inszeniert sie – Tatorte. Die Fälle denke sie sich nachts im Bett aus, sagt Constanze, die, von Barbara Auer verkörpert, nicht weniger rätselhaft und hart im Nehmen wie Geben wirkt als der Kommissar. Eine Puppe liegt mit Kunstblut übergossen in einer Duschkabine, eine andere baumelt in einer Schlinge von der Decke. Die Polizeianwärter sollen ergründen: Suizid oder Mord? Liebeskummer ist es bei Meuffels, aber auch damit bleibt er vorerst allein. Der Tatort auf dem Parkplatz ruft, und dort seine neue Assistentin Nadja.

          Worum geht es in diesem „Polizeiruf“? Vordergründig um einen Mordfall, in dem alles auf einen Sorgerechtskrieg hindeutet, der mit den schmutzigen Waffen der Pornographie geführt wurde. Tatsächlich geht es um Menschen, die in sich selbst eingeschlossen sind, um gescheiterte Beziehungen, um Unfähigkeit zur Kommunikation und die daraus entstehenden Katastrophen. Meuffels wird in eine solche Katastrophe hinein traumwandeln. Danach gibt es für ihn kein Weiter-so mehr. Den Moment, der alles beendet, setzt Petzold so schnörkellos brutal in Szene, dass er wie ein Schlag in die Magengrube wirkt.

          Doch zurück auf Anfang. Da steht Meuffels auf besagtem Parkplatz und sieht sich seiner Mensch gewordenen Antithese gegenüber: Kriminalassistentin Nadja Micoud (Maryam Zaree) entstammt keinem alten deutschen Adel. Sie ist jung, weiblich und hochmotiviert, weil sie immer schon gern mit Meuffels zusammenarbeiten wollte, sie redet laut und viel, will Fälle „dialogisch“ lösen, duzt alle und zieht vorschnelle Schlüsse. Sie blickt nach vorn. In Meuffels Augen schaut sie deprimierend sympathisch aus. Vor allem ist sie nicht Constanze. Dennoch: Wäre der Kommissar nicht derart von der Rolle, die beiden könnten ein gutes Team abgeben.

          Aber es soll nicht sein. Der Geistesmensch Meuffels auf Spurensuche im Swingerclub und Klischeehaftes wie seine Unfähigkeit, eine Sim-Karte auszuwechseln oder ein Dampfbügeleisen zu bedienen (gekauft im vermutlich letzten Haushaltswaren-Einzelhandel alter Schule Münchens), machen nicht recht froh. Die Lösung des Falls kommt aus dem Nichts, will sagen aus den Akten, die von Beginn an dalagen. Gespenster der Vergangenheit tauchen auf: Plötzlich steht da Anna Burnhauser (Anna Maria Sturm), die Ex-Ex-Assistentin im Park, als weitere Figur dieses abendfüllenden Requiems auf den Kriminalhauptkommissar Hanns von Meuffels.

          Es ist ein würdiger Abschied, nuancenreich gespielt, feinsinnig inszeniert, mit anrührenden und komischen Momenten durchschossen. Metafiktionsspiele wie Nadjas Videoexperiment drängen sich nicht in den Vordergrund. Es bleibt Raum für Schweigen. Mehr als die Dialoge sprechen ohnehin Blicke, Bilder und Klänge vom Innenleben der Figuren. Und das ist denn auch die Rettung für einen seelischen Einsiedler wie Meuffels: Dass er still Tatorte lesen kann, sogar die nur für ihn konstruierten. Und so einen Menschen findet, mit dem er sich ohne Worte versteht.

          Der Polizeiruf 110. Tatorte läuft am Sonntag, 16. Dezember, um 20.15 Uhr im Ersten.

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