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„Polizeiruf“ aus Magdeburg : Könnte es doch so etwas wie Liebe sein?

  • -Aktualisiert am

Sie bringen Licht ins Dunkel: Die Kommissare Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke). Bild: MDR/Stefan Erhard

Der Magdeburger „Polizeiruf 110“ wird immer besser. Umso trauriger, dass Matthias Matschke ihn verlässt. Diesmal geht es um Einsamkeit durch Zuneigung aus Einsamkeit.

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          Zehn Rosen sind ein Bekenntnis, ein Geschenk, Offenbarung einer Schwäche, vielleicht aber auch dorniges Druckmittel oder der Beginn einer Abhängigkeit. Zehn Rosen sind im vorliegenden Fall eine Art Bumerang, ein Freundschaftsangebot, das allmählich welkt, weil niemand sich seiner als würdig erweist. In dieser Wendung aber liegt sogar etwas Versöhnliches, schließlich kann Doreen Brasch (Claudia Michelsen), die einzelgängerische Kommissarin, die die Rosen durch den gesamten Film schleppt, so zuletzt nicht umhin, in Kollege Dirk Köhler (Matthias Matschke) und Chef Uwe Lemp (Felix Vörtler) eine Art Familie zu erblicken. Lange wird sie daran keine Freude haben: Zwar muss Lemp seine schon halb realisierte Versetzung überdenken, aber der Ausstieg von Matschke nach der nächsten Folge steht fest. Das ist schade, weil es für dieses Team, das sich nach gutem Einstand durch zwei mediokre Episoden kämpfen musste, seit „Crash“ deutlich aufwärtsgeht.

          „Zehn Rosen“ ist zugleich der Titel dieses verwinkelten „Polizeirufs 110“, der beweist, dass eine einigermaßen abstruse Story mit hochdramatischer Auflösung nicht gegen einen psychologisch raffinierten Krimi spricht, wenn zur erzählerischen Sicherheit im Aufblättern des Grundmotivs – Zuneigung aus Einsamkeit führt zu gesteigerter Einsamkeit – ein überzeugender Gestaltungswille kommt. Und wenn Schauspieler all die Zwischen- und Obertöne, die angeschlagen werden, ausdrücken können. Ästhetisch verantwortlich ist dasselbe Team wie in „Crash“: Autor Wolfgang Stauch, Regisseur Thorsten C. Fischer und Kameramann Theo Bierkens, eine perfekte Kombination. Suggestiv ist schon die selbstbewusst mit Formen und Farben experimentierende, unter Anspannung gern ins Monochrome wechselnde Bildsprache, mit der zu Beginn eine Fabrikruine in Szene gesetzt wird. In deren Hof wurde eine weibliche Leiche gefunden. Still, aber von höchster Intensität bleiben die Bilder bis zuletzt: eine im besten Sinne theatralische, doch nie rührselige Umsetzung des Stoffs.

          Steht unter Verdacht: Pauline Schilling (Alessija Lause).

          Die junge Frau wurde brutal erschlagen. „Nasenbluten macht auch viel Blut; vielleicht war’s ja gar nicht so schlimm“, sagt der Pathologe, aber er dürfte selbst ahnen, wie falsch er damit liegt. Die Beine des Opfers sind auf eine auffällige Art gefesselt, so auffällig, dass bald ein Vergleichsfall gefunden ist: der Mord an einer Prostituierten einige Jahre zuvor. Verdächtigt wurde damals deren Freundin (respektive Freund), eine Transfrau namens Pauline (damals noch Paul): Alessija Lause in einer starken Rolle. Die Strafverfolgung musste wegen schwerer Verfahrensfehler eingestellt werden. Der einstige Ermittler (André Jung) ist sich jedoch sicher, dass eine Eifersuchtstat vorlag. Nun ergeben sich weitere Verdachtsmomente gegen Pauline, inzwischen Blumenhändlerin, zumal sie als Täterin in Frage kommt, da sie auch mit dem zweiten Mordopfer in engem Kontakt stand.

          Dennoch verhält sich Brasch ungewöhnlich empathisch, während die Kollegen für die emotionalen und sozialen Nöte eines Menschen im falschen Körper wenig Verständnis zeigen. „Mischwesen“, heißt es einmal. „Kann sich heute ja jeder aussuchen, was er sein will: Hat die Oma eben das blaue Mützchen umsonst gestrickt“, unkt Lemp. „Sie sind das beste Opfer, das mir je begegnet ist“, geht Brasch die Resignierende an: „Jetzt wehren Sie sich doch, verdammt noch mal.“ Ist ein Diskriminierungsopfer aber gleich unschuldig? Hoch anzurechnen ist dem Buch, dass es die Frage nach der Geschlechtsidentität auf sensible Weise einbaut, ohne damit dramaturgisch hausieren zu gehen. Diese Beiläufigkeit tut wohl. Sonderlich vertrauenerweckend wirkt übrigens auch der Ex-Freund (Sven Schelker) der Toten nicht.

          Vieles geschieht in feinsinnig reduzierter Weise: mit Blicken, Gesten, tastenden Worten. Besserwisserische Erklärmonologe gibt es nicht, dafür mitunter Ratlosigkeit. Man nimmt den Protagonisten sogar die eigenen Verkorkstheiten ab, dem besonnenen Köhler die unterdrückte Aggressivität (sie bricht einmal kurz durch), der emotional verhärteten Brasch die Zweifel an der Verlässlichkeit ihrer Mitmenschen; „so was wie Liebe“ kennt sie nur in Kombination mit Scham und Schmerz. Aufgegriffen wird das in „Crash“ vorbereitete Anbandeln der Kommissarin mit dem leicht karikaturhaft mit Seelenklempnerweisheiten um sich werfenden Polizeipsychologen Wilke (Steven Scharf), aber auch das mit ruhiger Hand und – im Einander-Verfehlen – atmosphärisch stimmig.

          Vor allem aber scheinen die Kämpfe zwischen den nach Wasser-Feuer-Prinzip grundverschiedenen Kommissaren ausgestanden zu sein. Die nie allzu spannend gewesene Frage, wer hier im klassischen Sinne männlich, wer weiblich agiert, leuchtet zwar mit der Genderthematik noch einmal auf, aber nur, damit sie in der fast surreal verdichteten Schlusssequenz, einer Art psychologischem Vertrauensspiel, ad acta gelegt werden kann. Brasch hat einmal auf das Gute im Menschen setzen wollen – und sich geirrt; Köhler hätte seiner Aggressivität freien Lauf lassen können – aber er war wie gelähmt. Das schweißt zusammen, so kurz vor Schluss.

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