https://www.faz.net/-gsb-8nqvv

FAZ.NET-Tatortsicherung : Wo beginnt Verfolgungswahn?

  • -Aktualisiert am

Verfolger im Wahn: Kommissar von Meuffels (Matthias Brandt) Bild: Hendrik Heiden

Im neuen „Polizeiruf 110“ verwischen die Grenzen zwischen Einbildung und Wirklichkeit. Niemand glaubt Kommissar von Meuffels, der in Paranoia verfällt. Geht das so schnell?

          4 Min.

          Kaum hat Kommissar Hanns von Meuffels (Matthias Brandt) das Essen im Restaurant bestellt, schon wird Altes wieder hochgewürgt: Er sieht Judith Wendt (Judith Engel) in den Nachrichten, sie wurde nach fünf Jahren aus der Psychiatrie entlassen. Und er war derjenige, der sie festnehmen ließ. Kurz darauf erscheint sie in seinem Büro und wirft ihm an den Kopf, er sei an der Wahrheit nicht interessiert.

          Am Abend steht sie vor seiner Wohnungstür. Sichtlich nervös klagt sie über Verfolgung, stete Beobachtung und Morddrohungen. Als er weiterhin Zweifel an der Geschichte zeigt, läuft sie weg. Er läuft ihr hinterher - und muss mitansehen, wie sie überfahren wird.

          Judith Wendts früherer Mann soll für einige „Steuersünder“ Schwarzgeld in die Schweiz transferiert haben, und sie besaß, neben einer Kopie bei der Steuerfahndung, die einzige Auflistung aller Beteiligten. Es liegt nun an Kommissar von Meuffels, die Liste zu finden und zu prüfen, ob in dem ganzen Gewirr von Vermutungen nicht doch ein Fünkchen Wahrheit zu finden ist. Wir setzen noch einen oben drauf: Wie realistisch ist das Ganze dargestellt?

          ***

          Frage 1: Man sieht in vielen Filmen, dass die Polizei Verbrechern hinterherläuft und dabei nicht immer eine gute Figur macht. Gibt es regelmäßige Tests, die die Fitness bei Kommissaren überprüfen?

          Drogen haben kurze Beine: Norbert Böhm (Jean-Luc Bubert) hat einiges zu verstecken.
          Drogen haben kurze Beine: Norbert Böhm (Jean-Luc Bubert) hat einiges zu verstecken. : Bild: Hendrik Heiden

          Antwort von Gottfried Schlicht (Pressestelle des Polizeipräsidiums München):

          Der Realitätsbezug solcher Serien, seien sie auch noch so erfolgreich, ist gleich null. Bei der Polizei gibt es einen Einstellungstest, bei dem wird auch die Fitness festgestellt. Nach der Anstellung sind vier Stunden Sport im Monat verpflichtend. Es werden auch spezielle Prüfungen angeboten, welche allerdings freiwillig sind. Diese beinhalten verschiedenen Programme, wie Laufen oder Schwimmen. Bei Sonderdienststellen gibt es besondere Regelungen, da ist sportliche Aktivität mehrmals die Woche Pflicht.

          ***

          Frage 2: Im neuen „Polizeiruf“ wird innerhalb von 15 Minuten eine ganze Wohnung verwanzt, und rund um die Uhr beobachtet. Geht das in so kurzer Zeit? Worauf muss man bei der Verwanzung achten?

          Kommissar von Meuffels misstraut seiner Kollegin Kathrin Schulz (Katharina Behrens).
          Kommissar von Meuffels misstraut seiner Kollegin Kathrin Schulz (Katharina Behrens). : Bild: Hendrik Heiden

          Antwort von Gottfried Schlicht (Pressestelle des Polizeipräsidiums München):

          Bei der Frage kräuseln sich mir die Haare! Es herrschen sehr strenge Richtlinien, welche in der Strafprozessordnung unter dem Paragraph 100 folgende zu finden sind. Für eine komplette Verwanzung braucht man eine sehr gute Begründung, denn es handelt sich um einen Wohnungsbetritt - und ohne richterlichen Beschluss ist der hoch illegal. Eine komplette Verwanzung der Wohnung ist nicht in zehn Minuten möglich, sondern kann auch einmal drei Wochen in Anspruch nehmen – je nachdem, denn man kann die Wohnung natürlich nur verwanzen, wenn niemand zu Hause ist. Wie und wann observiert wird, liegt in der Situation des Tatbestands, wieder hängt es von einem Richterbeschluss ab.

          ***

          Frage 3: Die neue „Polizeiruf“-Folge erinnert an den Fall von Gustl Mollath, der infolge widersprechender Diagnosen, darunter auch Ferndiagnosen, zuerst für paranoid und dann wieder für gesund erklärt wurde. Wann wird Paranoia als pathologisch angesehen? Und ab wann wird man als gemeingefährlich eingestuft?

          Antwort von Martin Keck (Klinikdirektor des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, München):

          Paranoia ist ein alter medizinischer Fachbegriff und bedeutet „Wahn“. Es herrschen fließende Übergänge zwischen "krank" und "normal", denn paranoid zu sein, ist nur ein mögliches Symptom einer eventuell veränderten Wirklichkeitswahrnehmung. Das Spektrum reicht von übermäßigem Misstrauen bis zu ausgeprägtem Verfolgungswahn. Bei paranoider Schizophrenie, die selten ist, kann es der Fall sein, dass durch intensive Wahnvorstellungen die eigene Lebensführung massiv eingeschränkt wird. Eine Person leidet zum Beispiel unter Verfolgungswahn und flüchtet vor drohender Folter. Jeder zufällige Spaziergänger könnte sie in große Angst versetzten. Da es sich um tatsächliche Todesangst handeln kann, neigt die Person vielleicht bilanzierend dazu, eher Selbstmord zu begehen, als Qualen zu erleiden.

          Weitere Themen

          Mediziner gegen Mediziner

          Streit um von Schirachs „Gott“ : Mediziner gegen Mediziner

          Der Film „Gott von Ferdinand von Schirach“ beschwört eine heftige Kontroverse herauf. Palliativmediziner und Psychologen werfen ihm vor, er stelle die Frage nach dem Recht auf assistierten Suizid falsch. Andere Palliativmediziner und Juristen sagen nun, die Kritiker verzerrten alles von A bis Z.

          Topmeldungen

          Alexander Kekulé ist Professor für Medizinische Mikrobiologie und Virologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg.

          Corona und Propaganda : Chinas deutscher Kronzeuge

          Das Coronavirus stamme gar nicht aus Wuhan, verbreitet das chinesische Staatsfernsehen – und zitiert den Virologen Alexander Kekulé. Doch der hat das gar nicht gesagt. Das Verwirrspiel zeigt Wirkung.
          Intensivstation im Essener Universitätsklinikum: Unter anderem um Investitionen in das deutsche Gesundheitssystem geht es beim Bund-Länder-Ausgleich wegen der Corona-Lasten.

          Bund-Länder-Streit : Wer zahlt die Kosten der Pandemie?

          Die Länder beklagen sich über den Vorstoß von Ralph Brinkhaus, der ihnen mehr finanzielles Engagement in der Corona-Krise abverlangen will. Jeder verweist auf seine Hilfspakete – doch wer die größten Lasten trägt, ist klar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.