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FAZ.NET-Tatortsicherung : Rollenspiele bei der Polizei?

  • -Aktualisiert am

Köhler (Matthias Matschke) wurde von einem Verdächtigen überwältigt - der hat auch gleich seine Waffe mitgenommen. Bild: MDR/filmpool fiction/Conny Klein

Im „Polizeiruf“ aus Magdeburg müssen Brasch und Köhler den Brandanschlag auf einen Bauunternehmer aufklären. Dabei gehen die Ermittler unkonventionelle Wege – sind sie auch sinnvoll?

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          Mit finsterem Blick starrt Bauunternehmer René Ottmann (Thomas Loibl) in den frühen Morgenstunden auf sein rauchendes Haus, nur knapp ist er einer Katastrophe entkommen. Noch an Ort und Stelle legt sich die Spurensicherung auf einen gezielten Brandanschlag fest.

          Die Magdeburger Ermittler Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dirk Köhler (Matthias Matschke) finden rasch heraus, dass Uwe Schneider (David Korbmann) ein Motiv gehabt hätte, dem Bauunternehmer etwas anzutun. Denn bei der Übernahme seines Arbeitgebers durch Ottmann hat der Bauarbeiter seinen Job verloren und Ottmann deshalb bereits in Rage mit einem Messer attackiert.

          Obwohl sich Schneider nach kurzer Flucht freiwillig stellt und den Brandanschlag sogar gesteht, lassen die Ermittler ihn laufen – ihm fehlt eindeutig Täterwissen. Doch wer war es dann? Durch Zufall entdeckt Brasch eine seltsame Ménage à trois zwischen Ottmann, der Zwillingsschwester seiner verstorbenen Frau und deren Ehemann. Erst ein Rollenspiel im Präsidium entlarvt endgültig den Täter.

          Doch spielt die Polizei wirklich Theater, um einen Täter zu fassen? Wir haben Experten befragt.

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          Frage 1: Das Haus eines Bauunternehmers brennt ab. Die Spurensicherung findet einen Benzinkanister im Garten und wertet diesen sofort als Hinweis auf Brandstiftung. Noch vor Ort stellt sie zudem fest, dass ein Teppich mit dem Benzin getränkt und in Brand gesteckt wurde. Fehlen da nicht genauere Tests?

          Noch vor Ort ist den Ermittlern Köhler und Doreen Brasch (Claudia Michelsen) klar: Es war Brandstiftung.

          Antwort eines Brandexperten des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt:

          Ist das Haus nicht vollständig abgebrannt, kann Brandbeschleuniger auf dem Teppich tatsächlich vor Ort noch relativ einfach festgestellt werden. Und wenn bei der Tatortabsuche im Garten ein Benzinkanister gefunden wird, ist dies bereits ein eindeutiges Indiz für eine Brandstiftung. Natürlich muss ein endgültiger Beweis zum genauen Tathergang noch erbracht werden. Etwaige Einbruchsspuren am Haus müssen gesichert werden, ebenso muss der Inhalt des Kanisters mit der auf dem Teppich gefundenen Substanz verglichen werden. Auch etwaige Fingerabdrücke und DNA-Spuren am Kanister müssen gesichert werden.

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          Frage 2: Ein Verdächtiger flieht und schlägt den Kommissar, der ihn einholt, nieder. Danach entkommt er mit dessen Waffe. Der Beamte und seine Kollegin beschließen, auf Verstärkung zu verzichten und fahren erst einmal zum Haus des Anschlagsopfers. Müsste nicht eine flächendeckende Fahndung ausgerufen werden?

          Antwort von Andreas von Koß (Leiter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Landeskriminalamts Sachsen-Anhalt):

          In der Realität würde sofort eine Fahndung herausgegeben, insbesondere weil der Geflohene die Dienstwaffe eines Beamten mitgenommen hat. Dass die Ermittler jedoch ihrem Instinkt folgen und ohne Verstärkung an einen Ort fahren, an dem sie den Geflohenen vermuten, ist durchaus realistisch. Anderenfalls könnte wertvolle Zeit verstreichen. Im Polizeialltag hätten die Ermittler sich sehr wahrscheinlich mit einer Verstärkung am Haus des Opfers verabredet.

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          Frage 3: Der ehemalige Konkurrent des Anschlagsopfers liegt nach einem Schlaganfall auf der Intensivstation. Die Kommissare befragen ihn dennoch und erhalten von seinem Sohn lediglich den Hinweis, „ihn nicht aufzuregen“ (Minute 12). Einem Vorarbeiter auf einer Baustelle drohen sie wiederum damit, in seiner Truppe nach Schwarzarbeitern zu suchen, wenn er keine Informationen liefert. Zwei Krimi-Klassiker - erlaubt?

          Paul Wettiger (Hans-Heinrich Hardt), ehemals Freund, dann Konkurrent von Bauunternehmer Ottmann, hatte einen Schlaganfall. Köhler befragt ihn trotzdem.

          Antwort von Andreas von Koß:

          Bei Kranken bedarf es immer einer ärztlichen Genehmigung. Denn ähnlich wie beispielsweise bei Alkoholisierten, gilt grundsätzlich: Wer nicht vernehmungsfähig ist, kann auch nicht befragt werden. Denn wer als Zeuge fungiert, muss in der Lage sein, die Belehrung, die Ermittler vor der Vernehmung abgeben müssen, auch zu verstehen. Denn er kann von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch machen, wenn er sich selbst oder Verwandte belasten müsste. Letzteres gilt auch für den Vorarbeiter auf der Baustelle. Ganz allgemein darf die Polizei natürlich niemanden, ob Zeuge oder Verdächtigen, zu einer Aussage nötigen, schon gar nicht unter Androhung negativer Konsequenzen. Das verstößt gegen Paragraph 136 Absatz 1 der Strafprozessordnung. Denken Sie nur an den Fall des ehemaligen stellvertretenden Frankfurter Polizeipräsidenten Daschner, der wegen des Versuchs der Aussageerpressung bei Markus Gäfgen rechtskräftig verurteilt wurde. Im Zweifelsfall kann eine solche Herangehensweise in einem Strafprozess zudem zu einem Beweisverwertungsverbot führen.

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          Frage 4: Die Ermittler vermuten den Täter schließlich in der Familie des Anschlagsopfers. Beamte stellen in einem Rollenspiel die verschiedenen Familienmitglieder dar, was zum Durchbruch führt. Theater als gängige Ermittlungsmethode?

          Ermittlerin Brasch stößt bei den Ermittlungen nicht nur an physische Grenzen, etwa hier bei der Verfolgung eines Verdächtigen.

          Antwort von Andreas von Koß:

          Es gibt in der Tat die unterschiedlichsten Herangehensweisen, um eine Tat zu rekonstruieren oder die Motivation des Täters nachzuvollziehen und ihm so möglicherweise auf die Spur zu kommen. Ermittler sind durchaus angehalten, hier kreativ zu werden und neue Methoden zu versuchen, besonders bei Kapitalverbrechen und wenn die Ermittlungen stocken. Auch kann es sehr hilfreich sein, Kollegen, die bislang nicht in den Fall involviert waren, hinzuzuziehen, um neue Blickwinkel zu bekommen. So gibt es beispielsweise die sogenannte „Versionsbildung“, in der die unterschiedlichsten Sichtweisen auf Täter, Tatablauf oder Motiv durchdacht werden. Deshalb ist es, auch nicht aus der Luft gegriffen, dass Kriminalbeamte in einem Rollenspiel eine bestimmte Situation nachstellen, um neue Ansatzpunkte für die Ermittlungen zu finden.

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