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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wurden da Hexen verbrannt?

Widerständig, heimatlos: Matthias Brandt als Kommissar Hanns von Meuffels Bild: Christian Schulz

Wie realistisch muss ein Sonntagabendkrimi sein? Christian Petzold sagt: so glaubhaft wie ein guter Zeuge. Ein Interview mit dem Autor und Filmregisseur anlässlich seines ersten „Polizeirufs 110“.

          4 Min.

          Bertolt Brecht, ein großer Krimi-Fan, hat bedauert, dass er selbst keine Krimis schreiben konnte, das sei zu schwierig für ihn. Woody Allen hat kürzlich bekannt, mit seiner Zusage, eine Fernsehserie zu schreiben, habe er den größten Fehler seines Lebens gemacht. Wie schwierig war es für Sie, der sie hauptsächlich Kino-Filme machen, einen Sonntagabendkrimi zu schreiben?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Christian Petzold:

          Das war überhaupt nicht schwer, es ging wahnsinnig schnell. Vier, fünf Wochen habe ich daran geschrieben, anschließend mit Harun Farocki noch die letzten dramaturgischen Feinheiten ausgeführt. Bei der Arbeit wurde uns klar, dass eigentlich alle Filme, die wir bisher gemacht haben, Verbrecherfilme sind. Eine Position, die neu für mich war, war allerdings die der Polizei. Aus der Sicht der Polizei auf das Verbrechen zu schauen, das musste ich mir erst genauer anschauen. Dafür gibt es ja Standards im deutschen Fernsehen. Ich habe mich erinnert an die siebziger Jahre, die Trenchcoats von Erich Ode oder die Tränensäcke von Horst Tappert. Die Ermittlermelancholie, die da im Raum stand, die habe ich im Kopf gehabt.

          Was macht die Ermittlerfigur des von Matthias Brandt gespielten Hanns von Meuffels so attraktiv für Regisseure wie Sie oder Dominik Graf?

          Zurück in die Siebziger: Regisseur Christian Petzold und sein Hauptdarsteller
          Zurück in die Siebziger: Regisseur Christian Petzold und sein Hauptdarsteller : Bild: Picture-Alliance

          Er ist einer, der nicht dazugehört. Wenn der Fall gelöst ist und die anderen kehren in ihr Privatleben zurück, weiß er gar nicht, wo er hingehen soll, treibt sich auf Autobahnkreuzen im Regen rum. Bei Meuffels denke ich immer an einsame Simenon-Figuren, so ein Bei-dünnem-widerlichen-Bretagne-Regen-über-die-Bahngleise-Gehen.

          Hätten sie auch für andere „Tatort“- oder „Polizeiruf“-Kommissare das Drehbuch schreiben können?

          Nein, ich hätte das nicht für einen anderen gemacht. Es gibt ja ganz viele Freunde und Bekannte, die schon Meuffels-Filme gedreht haben. Die habe ich alle angeschaut und fand die Figur in ihrer Widerständigkeit und in ihrer fehlenden Privatisiertheit einfach großartig.

          Haben Sie versucht, sich in den bisherigen Stil des Münchner „Polizeirufs“ irgendwie einzugrooven?

          Auch er ist aus Piräus: Hanns von Meuffels beim Griechen
          Auch er ist aus Piräus: Hanns von Meuffels beim Griechen : Bild: Christian Schulz

          Nein, das habe ich nicht gemacht. Ich habe aber versucht, eine Szene unterzubringen, die in fast jedem Meuffels-Krimi vorkommt: dass er in einer Imbissstube zwischen lauter Migranten sitzt, Musik läuft, und alle haben für diesen Moment ein Heim.

          Was hat Sie beim Filmen eines Sonntagabendkrimis besonders überrascht? Was mussten Sie rein technisch beachten, das Sie vorher noch nie beachtet haben?

          Ehrlich gesagt: gar nichts. Ich habe auf das Geld hingeschrieben, das vorhanden war. Einschränkungen haben auch oft etwas Gutes. Das andere haben wir eben schon angesprochen: Es gab eine Figur, die schon vor meinem Nachdenken existierte. Das war neu.

          Wie stand es mit so praktischen Dingen wie dem Schleichwerbungsverbot bei den Öffentlich-Rechtlichen?

          Unterliegen auch tschechische Plakate dem öffentlich-rechtlichen Schleichwerbungsverbot?
          Unterliegen auch tschechische Plakate dem öffentlich-rechtlichen Schleichwerbungsverbot? : Bild: BR/Screenshot uweb

          Ja, das mag ich gar nicht. Was ich grauenhaft finde, ist, dass man Alltagsgegenstände verändern muss, Zigarettenmarken zum Beispiel. Das ist ja entsetzlich, was da gerade weggeraucht wird im deutschen Fernsehen. Die Packungen sehen ja aus wie von Schokoladenzigaretten. Das zerstört das Bild. Das sollte man überdenken.

          Wie realistisch müssen Sonntagabendkrimis sein?

          Ich finde, die Gefühle, die Angst, die Verzweiflung – das alles muss realistisch sein. Ansonsten finde ich, ein Sonntagabendkrimi muss so gut sein, wie die Erinnerung eines Zeugen. Die leckt auch an manchen Stellen. Wahrscheinlichkeitskrämerei, wie man sie oft beim „Tatort“-Twittern liest, ist mir fremd.

          Finden Sie es wichtig, dass die KTU, wie es gelegentlich geschieht, in einem Fernsehkrimi nicht auch noch die Leichen seziert?

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