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„Polizeiruf 110“ : Es gibt keine späte Gerechtigkeit

  • -Aktualisiert am

War das Opfer in Besitz wichtiger Dokumente in Zusammenhang mit Reparationsansprüchen? Kommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) und Alexandra Luschke (Gisa Flake) müssen es herausfinden. Bild: rbb/Maor Waisburd

Im Brandenburger „Polizeiruf 110“ kehrt ein hochbetagter Holocaust-Überlebender nach Deutschland zurück. Ihm widerfährt nichts Gutes. Wir indes sehen einen Krimi von besonderem Format.

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          Deutschland habe sich geändert, sagt Maya (Orit Nahmias) ihrem bewegten Vater Zvi Spielmann (Dov Glickman) zu Beginn des Kriminalfilms „Hermann“ auf Hebräisch. Am Ende wird der alte Mann auch auf Hebräisch konstatieren, dass Deutschland sich wohl nie ändere, und trotz ärztlicher Bedenken das Land, das seine Familie, seine Herkunft, auszulöschen unternahm, Richtung Heimat Israel verlassen.

          Zvi Spielmann (Dov Glickmann) und seine Tochter Maya Spielmann (Orit Nahmias) sollen befragt werden.
          Zvi Spielmann (Dov Glickmann) und seine Tochter Maya Spielmann (Orit Nahmias) sollen befragt werden. : Bild: rbb/Maor Waisburd

          Hochbetagt ist der Holocaust-Überlebende nach Cottbus gereist, um die familiären Ansprüche auf das Haus seiner Kindheit vor Gericht zu bekräftigen – und es gleichzeitig an den Immobilienentwickler Karl Winkler (Sven-Eric Bechtolf) zu verkaufen, der ein Fünfzig-Millionen-Projekt plant. Restitution ja, aber auch Abschluss. Ein Ende, das Zvi selbst bestimmen will, wie die Übersetzung seines Vornamens. Nur Elisabeth Behrend (Monika Lennartz) nennt ihn noch Hermann, und sie soll wohnen bleiben dürfen, wenn es nach Zvi geht, trotz der Eigentumsfrage. Auch sie hat ihr ganzes Leben in seinem Geburtshaus verbracht.

          Zuletzt gesehen haben sich beide im Alter von fünf Jahren. Bevor das Versteck der jüdischen Spielmanns von Mietern verraten und alle deportiert wurden. Maya soll mit dem Erlös machen, was sie möge. „Am Arsch“, so erzählt er es der Tochter, hätten die SS-Leute im Lager immer beim Auspeitschen geschrien. Er wird den Ausdruck während der Tage der Ermittlung hier in Cottbus wieder hören. In anderem Zusammenhang, aber als deutsches Wort der Verachtung. Wer „am Arsch“ ist, der hat nichts mehr zu melden.

          Sorgsam konstruiertes Drehbuch

          Vergangenheit nationalsozialistischer antisemitischer Verbrechen wird zur Gegenwart der Kinder- und Enkelgeneration in diesem überzeugenden „Polizeiruf 110“ aus Brandenburg, der seine Spannung nicht aus der Aufklärung des aktu- ellen Kriminalfalls, sondern aus der Aufdeckung zurückliegender Schuld und womöglicher Sühne bezieht und dabei die Zukunft der Stadtumgestaltung durch Investoren nicht außer Acht lässt. Im Lauf der Nachforschungen sieht sich Zvi genötigt, wieder Deutsch zu sprechen. Vor allem mit dem zuständigen Kommissar Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) von der polnischen Seite der binationalen Dienststelle in Frankfurt (Oder) – dessen Familie, das wird nur angedeutet und zu Recht als unvergleichbar bezeichnet, unter Nazideutschland auch gelitten hat. Dass die deutsche Sprache das einzige Mittel der Verständigung beider ist, ist eine der bitteren Pointen des von Mike Bäuml sorgsam konstruierten Drehbuchs.

          Eine junge Bauingenieurin ist ermordet worden, ihre Leiche wurde zwischen asbesthaltigem Bauschutt gefunden. Dass sie elend erstickte, als der Täter sie wie Müll entsorgte, finden der Kommissar und seine neue, gleichzeitig frühere Interims-Kollegin Alexandra Luschke (Gisa Flake) heraus. Spuren führen Raczek zurück nach Cottbus, zu seiner früheren Dienststelle, wo der cholerische Markus Oelßner (Bernd Hoelscher) inzwischen Vorgesetzter ist. Die tote Bauingenieurin war in den Besitz von Dokumenten gelangt, die Zvis Ansprüche auf die Immobilie bekräftigten.

          Fernsehkrimi ist nicht gleich Fernsehkrimi

          Nun sind sie verschwunden, während Elisabeth Behrends Sohn Jakob (Heiko Raulin) bei Gericht einen Schenkungsvertrag eingereicht hat und gegen Entwickler Winkler klagt. Gab es einen Zusatz, der die Rückübertragung des Wohneigentums zugunsten der Spielmanns regelte? Dass Daniela Nowak, die Ermordete, wegen der Papiere umgebracht wurde, bekräftigt ihre Mutter Karola (Gabriele Völsch), die in einer heruntergekommenen Platte lebt und vom schönen Wohnen nur träumt. In Winklers Firma war man vom Engagement der angestellten jungen Frau wenig begeistert. In Cottbus, so der Unternehmer, gestalte man Zukunft. Zvi Spielmann habe er schon großzügig bezahlt und fertig.

          In „Hermann“ geht es um späte Gerechtigkeit, um Schuld aus Unwissen und um den Wunsch nach persönlichem Frieden, wo Wiedergutmachung Illusion ist. Vergangenheit mag sich verändern, abgeschlossen ist sie nicht. Dror Zahavi (Regie) gelingt es, die Bewegungen der Geschichte behutsam zu verknüpfen. Insbesondere die schwer aussprechbaren emotionalen Aspekte, denen auch Kommissar Raczek nachspürt, werden eingefangen, ohne themenartig zu wirken. Für die handfestere Seite ist Kollegin Luschke zuständig. Dass Gisa Flakes Gastspiel wohl einmalig bleiben wird, ist schade. Überzeugend ist auch die Kamera von Gero Steffen, die die Immobilien-Hochglanzseite neuer Stadtansichten in Glas und Stahl mit intimeren Bildern bröseliger Ecken und Gebäude, mit gebauter Zeitzeugenschaft, konfrontiert.

          „Hermann“ ist ein Beispiel dafür, dass Fernsehkrimi nicht gleich Fernsehkrimi ist. Im besten Fall handelt es sich um eine Erzählform der unmittelbaren, vielschichtigen Zugänglichkeit, in der es auch um Kapitalverbrechen geht. Wie in diesem Fall.

          Der Polizeiruf 110: Hermann läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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