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„Polizeiruf“ aus Rostock : Eine Kommissarin sieht rot

  • -Aktualisiert am

Gerät außer sich: Kimmissarin Katrin König (Anneke Kim Sarnau). Bild: NDR/Christine Schroeder

Schwach anfangen, stark aufhören: Der Rostocker „Polizeiruf“ weiß, wie das geht. Er handelt von einem Mord, der ungesühnt bleibt. Doch dann nimmt Kommissarin Katrin König das Heft in die Hand.

          Manchmal geht es im Fernsehkrimi zu wie in einem Fall der „Drei Fragezeichen“, die däumchendrehend in ihrem Wohnwagen auf Onkel Titus’ Schrottplatz sitzen, bis das Telefon schrillt und es losgeht. Im neuen „Polizeiruf“ aus Rostock klingelt zwar nicht das Telefon, als Kommissar Alexander Bukow (Charly Hübner) und LKA-Profilerin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) ein neuer Auftrag ereilt. Der Fall aber beginnt mit einem Revier, in dem man außer Warten wenig zu tun zu haben scheint. Und mit einer alten Frau, die sich dort hineinschleppt. „Ich will wissen, wer Janina getötet hat“, ruft sie und fällt vor Aufregung rücklings in die Vitrine, in der Polizeimaskottchen und Pokale aufbewahrt werden.

          Also geht man den Mordfall Janina Stöcker, die 1988 auf der Rückkehr vom Ost-Berliner Bruce-Springsteen-Konzert vergewaltigt und getötet wurde, nochmal durch. Der Leiter der Mordkommission, Henning Röder (Uwe Preuss), hält zunächst dagegen. Er hatte damals ermittelt und erlebt, dass der vermeintliche Täter Guido Wachs (Peter Trabner) wieder aus dem Gefängnis entlassen werden musste. Er war wohl unschuldig und der Fall nicht zu klären. LKA-Profilerin König aber, die Frau mit dem ausgeprägten Gerechtigkeitsgefühl, lässt sich vom Auftritt der verzweifelten Mutter Stöcker erweichen: „Ich mach’s!“

          Das ist kein Auftakt, der sich den Zuschauer mit einem Griff schnappt und ihn fesselt. Das gelingt dem „Polizeiruf: Für Janina“ erst später, als die Ermittler vor einem Problem stehen. Dreißig Jahre nach der Tat könnten sie Guido Wachs dank moderner DNA-Analysen und einer Speichelprobe, die auf rumpligste Weise auf ihre Wattestäbchen geriet, überführen.

          Guido Wachs (Peter Trabner, rechts) ist überführt. Doch er kann vor Gericht nicht mehr verurteilt werden. Von seiner Familie schon.

          Ein Verfahren hat der Mann allerdings nicht zu fürchten – weil er nach seinem Freispruch nicht abermals für diese Tat vor Gericht gestellt werden darf, sofern er nicht gesteht. In diesem Punkt ließen sich die Autoren Anika Wangard und Eoin Moore von einer echten Begebenheit inspirieren, dem Mord an einer Gymnasiastin in Celle 1981. Er ging vor drei Jahren durch die Presse, weil gegen einen Mann, der 1982 erst schuldig und 1983 freigesprochen worden war, trotz neuer DNA-Spuren kein neues Verfahren geführt werden durfte. Der Rest des Films ist freie Erfindung.

          Guido Wachs, ein unauffälliger Familienvater mit Eigenheim und Wandergitarre, kennt die Rechtslage natürlich auch. Trotzdem schaffen es Bukow und König, ihn zu einer inoffiziellen Aussprache auf dem Dach des Reviers zu bewegen, und danach haben sie eine Idee, wie Wachs doch hinter Gittern landen könnte: indem er eines anderen Mordes überführt wird. Profilerin König erkannte in ihm den Typus des „wütenden Vergeltungsvergewaltigers“, undenkbar scheinen weitere Verbrechen da nicht.

          Je länger sich die Ermittlungen hinziehen, umso größer wird in diesem betont nüchtern gefilmten „Polizeiruf“ die Frage, ob diese Idee trägt. Und was man, falls sie nicht trägt, mit der Gewissheit anfängt, dass Janinas Mörder frei herumläuft und das Recht nicht nur Unschuldige schützt.

          Katrin König zerreißt der Gedanke. Ausgerechnet sie beginnt, Beweismanipulationen zu erwägen. Als hätte es nicht gerade das Disziplinarverfahren gegen sie gegeben, das König selbst anstieß, weil sie die Falschaussage nicht aushielt, mit der Bukow ihren Angriff auf einen Mann deckte, der sie vergewaltigen wollte.

          Anneke Kim Sarnau spielt Katrin König so geladen und wütend, dass man jede neue Stufe dieses inneren Kampfes für selbstverständlich hält, Charly Hübner gibt seinen Bukow mit der üblichen Wucht. „Seit wann sind Sie denn ich, Frau König, Sie halten mich doch in der Spur!“, brüllt Bukow, völlig außer sich, seine Kollegin an. Es ist auch für ihre gemeinsame Geschichte ein wichtiger Fall. Vor allem aber ist es ein Fall, der zum Ende hin immer besser wird, abgeschlossen mit einem passgenau zugeschnittenen Schluss, über den man nur verraten darf, dass sich ein Rolltor wie ein Theatervorhang schließt. Da denkt man sich: Der lahme Anfang, was für ein Trick.

          Polizeiruf 110: Für Janina, Sonntag, 11. November, um 20.15 Uhr im Ersten.

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