https://www.faz.net/-gsb-9gx73

„Polizeiruf“ aus Brandenburg : Auf der Suche nach dem Beuteschema

  • -Aktualisiert am

Verfolgen unterschiedliche Ermittlungsansätze: Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz). Bild: rbb/Oliver Feist

Wie gut kennen Freunde, Eheleute, Eltern und Kinder einander wirklich? Im „Polizeiruf“ geht es um den Mord an einem jungen Mädchen. Das Thema dahinter ist die gesellschaftliche Verleugnung sexueller Gewalt und die #MeToo-Debatte.

          Ein obskures Paar mit zwei Kindern sucht sich ein scheues Au-pair-Mädchen, setzt es vor laufender Kamera monatelang schweren Misshandlungen aus, foltert es schließlich in der Badewanne zu Tode und verbrennt die Leiche auf dem Garten-Grillplatz. Nachbarn alarmieren wegen des Geruchs die Polizei. Und das alles, weil der Exfreund der Frau, ein bekannter Boyband-Popsänger, das Mädchen verhext habe.

          Das ist nicht der Plot eines irrsinnig gewordenen Fernsehkrimis, sondern die an Grausamkeit kaum zu überbietende Wirklichkeit. So geschehen vor einem Jahr in London. Dagegen geht es in Frankfurt an der Oder, wie es uns der „Polizeiruf“ präsentiert, geradezu gesittet bürgerlich zu, allerdings nicht weniger tödlich: Auch hier stirbt ein junges Au-pair-Mädchen, das tot aus der Oder gezogen wird, aber nicht ertrunken ist, sondern offenbar erstickt wurde. Außerdem hatte es kurz zuvor Geschlechtsverkehr, ob freiwillig, ist nicht mehr zu erkennen. Die Gastfamilie Heise – ein älteres Ehepaar (Götz Schubert, Lina Wendel) und ihr wieder bei den Eltern eingezogener, alleinerziehender Sohn Leo (Jan Krauter) mit seinen zwei Kindern – wirken eher genervt als erschüttert.

          Man kann es Olga Lenski (Maria Simon) also kaum verdenken, diesen Heises misstrauisch zu begegnen, zumal sich herausstellt, dass Vater Gerd, ein Arzt, in der Vergangenheit aufgefallen ist. Er soll fünfzehn Jahre zuvor eine Internatsschülerin bedrängt haben, die daraufhin verschwand. Lenskis jovialer Kollege Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) zeigt sich beeindruckt von diesen Zusammenhängen, dringt aber darauf, auch in andere Richtungen zu ermitteln und mit Verdächtigungen vorsichtig zu sein.

          Freiluftverhör: Götz Schubert und Maria Simon spielen im „Polizeiruf“.

          So kommen auch die Freunde des Opfers in den Blick, die Tochter der Putzfrau der Heises (Amanda Mincewicz) und deren Freund (Filip Januchowski). Die drei sind mehrfach gemeinsam ausgegangen. Dann verkompliziert sich der Fall, denn die einst verschwundene junge Frau erweist sich als die Tochter von Katarzyna Heise, Leos Halbschwester. Die Anschuldigungen gegen ihren Stiefvater Gerd führt die Familie auf das Betreiben von Katarzynas abgehalftertem Ex-Mann Pawel (Krzysztof Franieczek) zurück, der sich mit dem – zuvor angekündigten – Abtauchen seiner Tochter und dem Ende seiner Ehe nicht abfinde.

          Tatsächlich verfolgt der verzweifelte Pole eine eigene Agenda, wie uns die ganz auf eine Atmosphäre des wachsenden Misstrauens abstellende Regie von Stefan Kornatz beiläufig wissen lässt und damit gegenüber den Kommissaren in den Vorteil setzt. Die haben immer stärker mit sich selbst zu tun, denn Olga Lenski ist nicht davon abzubringen, an den Vorwürfen gegen den selbstgefälligen Gerd Heise müsse mehr dran sein: „Nehmen wir mal an, er steht auf Zwanzigjährige, sein Beuteschema.“ Mehrfach schlägt das Pendel in entgegengesetzte Richtungen aus.

          Ohne dass es zu aufdringlich ausgesprochen würde, geht es bei all den Dialogen von hoher Intensität also auch um das Verhältnis von habituell übersehener Schuld und Vorverurteilungen in Zeiten der #Metoo-Debatte. Das Drehbuch zu diesem klassischen, unaufgeregten, nicht den eingangs erwähnten wahren Irrsinn, sondern die Untiefen der Normalität einfangenden Whodunit, der in der Figurenpsychologie glaubwürdig bleibt, stammt von Bernd Lange und Hans-Christian Schmid, einem gut eingespielten Team. Gemeinsam haben sie bereits das Buch zu dem Film „Sturm“ (2009) verfasst, der Kriegsverbrechen in Ex-Jugoslawien thematisierte und bei dem Schmid auch Regie führte; als Buch-Regie-Doppel verantworteten sie die vielfach ausgezeichnete Exorzismus-Tragödie „Requiem“ (2006) und das ebenfalls preisgekrönte Familien-Drama „Was bleibt“ (2012).

          An diese Glanzstücke reicht der aktuelle Film nicht wirklich heran. Vor allem auf Ermittlerseite wirkt er ein wenig farblos, was allerdings nicht am wohltuenden Verzicht auf Nachrichten aus dem Privatleben der Kommissare liegt. Zu der erzählerischen Langatmigkeit passt wiederum nicht, wie umstandslos sich neue Erkenntnisse zu dem weit zurückliegenden Fall ergeben.

          Äußerst gelungen sind die ins Tragische ragenden Beziehungsskizzen. Familien und Partnerschaften zerreißt es zwischen trotzigem Wagenburg-Selbstschutz und heftiger werdenden Zweifeln an der Integrität derer, die man liebt. Wie ein Stemmeisen setzt der Film unerhörte und deshalb gemeinhin ausgeblendete Fragen an: Wie gut kennen Freunde, Eheleute, Eltern und Kinder einander wirklich? Wie weit darf Loyalität gehen? Was kann das Begehren in Menschen anrichten? Was als melancholische Tristesse beginnt und zu immer größerer Beklemmung führt, verfinstert sich zum Albtraum, in dem alles Glück versinkt. Man hat zur grausamen Realität doch noch ordentlich aufgeschlossen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Konkurrenz lauert : Herbe Enttäuschung von Netflix

          Der Videodienst gewinnt weniger Kunden als erwartet. Auf seinem Heimatmarkt schrumpfen die Abonnentenzahlen sogar. Die Aktie verliert deutlich an Wert, denn die Sorgen werden auch in Zukunft nicht weniger.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.