https://www.faz.net/-gsb-aahn1

„Tatort“ aus Ludwigshafen : Geht es noch langweiliger?

Auch irgendwie dabei: Peter Becker (Peter Espeloer), Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter, rechts) rekonsturieren den Tathergang. Bild: SWR

Der „Tatort: Der böse König“ psychologisiert und stirbt in Schönheit. Ulrike Folkerts als Kommissarin Lena Odenthal glaubt man anzusehen das Ganze gehe sie ohnehin nichts mehr an.

          2 Min.

          Es geht uns mit diesem „Tatort“ wie der altgedienten Kommissarin Lena Odenthal (Ulrike Folkerts): die Hand am Hals eines Toten, Aufblicken, Kopfschütteln und dann dieses betroffene Schweigen, das sagen soll: Er ist tot. Etwas für tot zu erklären ist ein – so bleibt zu hoffen – irgendwann aussterbender, grässlicher Sport unter Journalisten und Kritikern. Was ist nicht schon alles gestorben, damit dieselben Leute, die dessen Tod verkündeten, es wenig später fröhlich wieder auferstehen lassen konnten.

          Axel Weidemann
          (wei), Feuilleton

          Statt tot soll es hier deshalb heißen: egal. Kurz kommt einem Dr. McCoy aus der Serie „Star Trek“ in derart abgewandelter Form in den Sinn: „Er ist egal Jim.“ Denn das ließe sich mit einigem Recht über diesen „Tatort“ aus Ludwigshafen sagen, der auch deshalb egal ist, weil dem filmischen Konstrukt (Regie und Buch Martin Eigler), aber auch dem handelnden Personal vieles gleichgültig zu sein scheint. Zum Beispiel das Milieu, in dem „Der böse König“ spielt: Es ist Sommer, später Abend, es läuft Weltmusik, Menschen spielen Boule, die Kommissarin schlendert durchs Bild. Ziellos oder zur richtigen Zeit am richtigen Ort? Man weiß es nicht. Jedenfalls wird verzweifelt versucht, das Wort Kiez in Bildern zu buchstabieren.

          Auch deshalb findet der erste Mord wohl in einem Spätkauf statt. Eine Frau mittleren Alters, die das Kiez-Milieu noch mal durch ihr flippig-derangiertes Jeans-Outfit und das wilde graue Haar unterstreichen soll, schreit Zeter und Mordio. Das Opfer liegt erschlagen hinterm Tresen. Menschen kommen, gaffen, gehen wieder. Alle sind verdächtig, aber irgendwie auch nicht zwingend. Später wird Geld in der Luftröhre des Opfers gefunden, die eigentliche Todesursache. Der Zuschauer soll glauben, dass dieses Verbrechen nicht reicht; dass sich doch irgendwo in diesen neunzig Minuten so etwas wie ein Geheimnis verbirgt. Doch es hätte dreimal gereicht.

          Hier verpuffen alle Fragen im üblichen Standardablauf-Daumenkino: Auto fahren, ins Büro kommen, telefonieren, vom Schreibtisch aus kesse Dinge in den Raum werfen, Sachen vermuten, Zeugen befragen, überrascht sein und wider besseres Wissen handeln. Auch Privates darf nicht zu kurz kommen: Kommissarin Johanna Sterns (Lisa Bitter) Tochter Liv hat Mundfäule. Und Lena Odenthal scheint sich in Sachen Mundfaulheit irgendwie angesteckt zu haben, oder es ist die allgemeine Dienstmüdigkeit. Jedenfalls glaubt man ihr nicht, dass sie auch nur das geringste Interesse an der Lösung des Falls hat. Wieso auch. Sie ist halt eben da, in dem behaupteten Kiez, der der ihre sein soll, und muss sich mit irgendwelchen zwielichtigen Gestalten rumschlagen, die vermutlich einfach aus einem anderen, beliebigen „Tatort“ in diesen hineingestolpert sind.

          Eine solche ist Anton Maler (Christopher Schärf), der sich selbst Antoine nennt und als Nervensäge vor dem Herrn auftritt, die versucht, einen Hauch von Johnny Depp zu versprühen, dabei aber nicht nur bei Stern allenfalls rüberkommt wie Kapitän Lambada. Stern: „Wenn Sie versuchen, mit mir zu flirten, ist das nicht die optimale Situation.“ Doch er ist, zum Leidwesen aller, der Einzige, der nicht auf den Mund, dafür aber auf den Kopf gefallen zu sein scheint.

          Nach einer Stunde traut man Odenthal zu, sie selbst habe den Kioskbesitzer erschlagen und mit Geld gefüttert, damit in ihrem Kiez oder diesem Film endlich mal was von Bedeutung passiert. Da haben die großzügig eingesetzte Musik-Saucen-Kelle (Musik Jens Grötzschel), unvermittelte Rückblenden und eine überengagierte Beleuchtung den Täter aber längst eingekreist. Letztere fragmentiert in vielen Szenen das Gesicht des Verdächtigen – Obacht, Schattenseiten –, oder sie leuchtet in so aggressiv-pinkfarbenen Filtern durchs Fenster, dass man kurz hofft, es landeten vielleicht doch noch Außerirdische, die Stern in eine bessere Welt entführen: ohne Mundfäule, die passive Gereiztheit aller und die ebenfalls ansteckende Teilnahmslosigkeit. Eine kohärente Geschichte wird in dem Hin- und Herschieben der Figuren nicht erkennbar. Allenfalls eine Diagnose. Und die trifft aktuell so ziemlich auf jeden zu.

          Der Tatort: Der böse König läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Annalena Baerbock am Montag im ZDF

          Annalena Baerbock : Masterstudium ohne Bachelorabschluss

          Sie wird als Völkerrechtlerin bezeichnet, ist aber keine Volljuristin. Einen Bachelorabschluss hat Annalena Baerbock nicht, aber Vordiplom und Master. Dennoch: Alles ging mit rechten Dingen zu.
          Polizisten 2005 während Unruhen in der Banlieue Clichy-sous-Bois nördlich von Paris. Vorausgegangen war der Tod zweier Jugendlicher, die auf der Flucht vor der Polizei durch einen Stromschlag in einer Trafostation ums Leben kamen.

          Verrohung in Frankreich : „Die Republik zerlegt sich“

          Ehemalige französische Generäle warnen vor islamischen „Horden in der Banlieue“ und einem Bürgerkrieg. Der Politikwissenschaftler Jérôme Fourquet erklärt im Interview, was in seinem Land im Argen liegt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.