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Der „Tatort“ aus Wien : Land ohne Gedächtnis

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Haben es mit einem Abgrund an Verrat zu tun: das Wiener Ermittler-Duo Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Politik der Hinterzimmer: Der Wiener „Tatort: Glück allein“ erinnert an das Ibiza-Gate und zeigt sich mit seinen Verwicklungen abermals auf der Höhe seiner Zeit.

          Alleingänge sind Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) gewohnt, aber dass sie dem persönlichen Wunsch des Innenministers Schennach (Emil de Cillia) zuwiderhandeln, kommt auch nicht alle Tage vor im Wiener „Tatort“. Was bezweckt die Weisung, sie vom Ort eines blutigen Verbrechens fernzuhalten? Statt der unkonventionellen, bewährten Ermittler wird die Kollegin Julia Soraperra (Gerti Drassl) zum Haus des Nationalratsabgeordneten Raoul Ladurner (Cornelius Obonya) geschickt, in dem scheinbar ein missglückter Raubüberfall seine Frau das Leben gekostet und seine zehnjährige Tochter schwer verletzt hat.

          Die Kollegin zeichnet sich gleich durch Überforderung aus. Eine unglückliche Figur. Oder ist das nur das Bild, das abgegeben werden soll? Sie sei gleichsam natürlich zuständig, weil doch beide Tiroler sind, die Soraperra und der Ladurner, und kennen sich auch von früher, meint der Innenminister, jovial hilfsbereit. Zumal ein Racheakt wahrscheinlich scheint. Als Vorsitzender diverser Untersuchungsausschüsse hat sich der Saubermannpolitiker einen Namen und viele Feinde gemacht. Gerade sammelt er belastendes Material über Natalia Petrenko (Dorka Gryllus), eine ukrainische Geschäftsfrau, und ihre weitverzweigten Beziehungen.

          „Versuchsstation des Weltuntergangs“

          Der Anruf aus dem Innenministerium ereilt Eisners und Fellners Vorgesetzten Ernst Rauter (Hubert Kramar) beim gemeinsamen Wiener Schnitzel und Gulasch im Beisel. Überstürzter Aufbruch: „Dann machen wir das wie immer. Du hast uns nicht erreicht.“ Gemütlichkeit ade, Schnitzel kalt, „glücklich ist, wer vergisst, was doch nicht zu ändern ist“ – i wo!: Nicht mit diesen Expediteuren der Alpenrepublikabgründe, die wieder einmal auf der Höhe der Aktualität ermitteln müssen. Bis vor kurzem hätte man ja noch gedacht, dass Österreich zwar ein Land sein mag, in dem sich Tradition auf Korruption besonders gut reimt, aber eine Bananenrepublik? Angesichts jüngster Enthüllungen könnte man ins Grübeln kommen wie weiland Karl Kraus, der schon die k. u. k. Monarchie als „Versuchsstation des Weltuntergangs“ beschrieb. Die Apokalypse, damit waren die Angelegenheiten des Geistes und der Moral gemeint.

          Nach dem „Ibiza-Video“, der Entlassung des FPÖ-Innenministers Heinz-Christian Strache und dem Sturz des Kanzlers Sebastian Kurz kann man dem „Tatort“ „Glück allein“ wahrlich keine staatsdestabilisierende Übertreibungsnummer unterstellen, sondern höchstens vorwerfen, dass er die Hinterzimmer-Strippenzieher-Zusammenhänge nicht drastisch genug darstellt.

          Was zugleich einer der Vorzüge von „Glück allein“ ist. Dieser „Tatort“ ist weder (partei-)politisches Pamphlet noch strukturell-analytische Anklage. Er ist kein klassisches Enthüllungsstück, obwohl er im sakrosankt Gefundenen schlimme Sünden aufdeckt, aber er behauptet seine Geschichte nicht, er zeigt sie in begriffsbildungswürdigen Bildern. Wenn die Putzfrau durchfeudelt, bevor der Innenminister zur Pressekonferenz ansetzt, ist das so sprechend wie das Abbild der wahren Macht im Staate, die Büroresidenz der Ukrainerin, die als Glaskasten hoch über allen anderen Gebäuden thront (Regie Catalina Molina, Kamera Klemens Hufnagl). Der Anfang montiert die schnitttechnisch präzise Zurichtung großer Fleischstücke und die Szene der Gewalt im Haus des Abgeordneten zu einer verstörenden Bildfolge. Töne der mozartschen „Nachtmusik“ lösen sich in Sounddesign auf, klingen später abstrakter wieder an (Musik Patrik Lerchmüller).

          Das ansonsten vorzügliche Buch von Uli Brée bemüht sich denn auch motivtechnisch, Eisners besondere Verbissenheit in diesem Fall nicht als Sache des politischen Odeurs anzulegen, sondern als persönliche Geschichte: Ladurners Art erinnert ihn an den eigenen, gewalttätigen Vater. Der Politiker, so schwant der besonneneren Fellner, ist dubios. Im Privaten ist dieser Mann unstet im Temperament, schaltet von Schmeichelei auf Drohung mit einem Zungenschlag. Sein Verhältnis zur offiziell ermittelnden Kommissarin scheint anrüchig. Dass bald ein angeblicher ukrainischer Auftragsmörder in der Untersuchungszelle vom Leben in den Tod befördert wird, macht den Fall noch undurchsichtiger.

          Cornelius Obonya gibt dem Nationalratsabgeordneten Ladurner shakespearsche Rollengewichtigkeit. Der abgründige Zwiespalt, die Doppelgesichtigkeit seines Charakters käme freilich auf der „Heldenplatz“-Theaterbühne eines Thomas Bernhard noch mehr zur Geltung als im „Tatort“-Format. Gerti Drassl spielt mindestens ebenbürtig. Krassnitzer und Neuhauser nimmt man inzwischen fast alles ab in diesem erfundenen Wien, in dem am Ende eine Zigarette („die letzte“) fast so willkommen ist wie die öffentliche Aufklärung des Skandals. Denn Österreich, auch das meinte der Nörgler Kraus, hat „kein Gedächtnis“.

          Tatort. Glück allein, Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten.

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