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„Tatort“ aus Köln : Zu tief ins Glas geschaut

  • -Aktualisiert am

Na dann, Prost: Anke Sabrina Beermann und Simon Böer spielen im Kölner „Tatort“ ein Treffen von erheblicher Bedeutung durch. Bild: WDR/Thomas Kost

Im Kölner „Tatort“ endet ein Junggesellenabschied fatal. Und Kommissar Schenks private Probleme passen zu dem Fall, den er mit dem Kollegen Ballauf lösen muss: Alles bleibt in der Familie.

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          Ob Freddy in einem „Erdbeerkörbchen“ putzig aussieht oder nicht. Ob er den Hochzeitstag seiner Gattin vergaß oder nicht. Ob er zur Wiedergutmachung einen Tisch beim Italiener bestellen sollte oder lieber das Detox-Programm mit Ayurveda – das ist als Drehbuch-Element dermaßen abgetragen, dass „Familien“, der neue „Tatort“ mit den Kommissaren Freddy Schenk (Dietmar Bär) und Max Ballauf (Klaus J. Behrendt), eigentlich keinen Zuschauer hinter dem Ofen hervorlocken sollte. Und da haben wir noch nicht über Norbert Jütte gesprochen (Robert Riebeling), den neuen Assistenten, der zum zweiten Mal auftritt und dank des obelixhaft durchs die Kulissen schlurfenden Freddy so viel schuften muss, dass bald ein Klappbett im Büro steht. Drehbuchautor Christoph Wortberg fällt auch zu Jütte nichts ein, was zwingend vertieft werden müsste.

          Den Fall an sich zieht Wortberg versiert auf: Am Bonner Wall, in der Nähe einer Bushaltestelle, liegt die Leiche eines jungen Vaters auf dem Asphalt. Der Mann trägt Blumen im Haar, einen Rock über der Hose, „Ivo lost forever“ steht auf seinem Shirt – ein Spruch, den die Freunde, mit denen Ivo in der Nacht seinen Junggesellenabschied feierte, natürlich ganz anders gedacht hatten.

          Die Todesursache ist in Windeseile geklärt

          Die Todesursache haben Schenk, Ballauf und Gerichtsmediziner Roth (Joe Bausch) in Windeseile geklärt: Ivo wurde von einem Auto überrollt. Rätselhafter ist ihnen die Tasche, die neben ihm liegt. Sie enthält eine halbe Million Euro, und auf den Scheinen finden sich Fingerabdrücke des Wirtschaftsanwalts Rainer Bertram (Hansjürgen Hürrig), der wegen Steuerbetrugs einmal erkennungsdienstlich behandelt worden ist und die Ruppigkeit mitbringt, die unter seinesgleichen geschätzt wird: „Ich kann mit meinem Geld machen, was ich will“, schleudert er den Ermittlern als Erklärung entgegen. Das ist wohl wahr. Jeder kann seine Kröten in einem Papierkorb versenken, wenn er welche hat und ihm danach ist. Beunruhigt durch die Nachricht von dem Todesfall, wird Bertram trotzdem konkreter: Die halbe Million sei sinnvoll investiert gewesen. Gedacht war sie für einen Erpresser, der seine Enkeltochter Charlotte entführt habe. Ivo scheint das Geld zufällig am vereinbarten Übergabeort gefunden und die Übergabe gestört zu haben.

          Die Polizeiarbeit konzentriert sich deshalb nicht auf Ivos Partnerin, die ihrem Geliebten an der Bahre den Ring ansteckt, sondern auf die Umstände der Entführung und die Suche nach Charlotte (Anke Sabrina Beermann). Auch die Abiturientin hatte am Abend ihres Verschwindens das Ende eines Lebensabschnitts und den Beginn eines neuen gefeiert: Der Zulassungsbescheid der amerikanischen Elite-Uni war in der Post.

          Suspekt erscheinen nicht nur ihr Freund Kasper (Anton von Lucke), ein Pizza-Kurier, der in Sehnsuchtsmomenten eher nicht bis nach Amerika radeln könnte, sondern auch ihr Bruder Paul (Johannes Franke), der nachts ebenfalls mit von der Partie war. Oder auch der zwanzig Jahre ältere Schönling, der Charlotte am Tresen Avancen gemacht hatte (Simon Böer). Selbst ihre Eltern (Nicole Marischka, Harald Schrott) oder Kaspers alkoholkranke Mutter (Claudia Geisler-Bading) könnten in das Verschwinden des Mädchens involviert und für Ivos Tod verantwortlich sein.

          Der Tatort „Familien“ wartet also unter der Regie von Christine Hartmann mit zahlreichen Verdächtigen auf. Das ist ein bewährtes Rezept, obgleich es stets auf Kosten der psychologischen Feinzeichnung geht, und sorgt trotz der biederen Buddy-Szenen mit Schenk und Ballauf, die Bär und Behrendt locker herunterspielen, für Unterhaltung ohne Aufreger. Selbst ein gesellschaftskritisches Anliegen schiebt uns „Familien“ unter: Diesmal sollen wir nach dem Abspann über die Volksdroge Alkohol reden. Über dem Toten schwebt eine Alkoholwolke, auch bei Charlottes Partytruppe wurde gebechert, und Kaspers Mutter hängt an der Flasche, seit sie alleinerziehend ist. Gegen ein Kölsch zum Durchschnittstatort ist trotzdem nichts zu sagen.

          Tatort: Familien, Sonntag, 6. Mai, um 20.15 Uhr im Ersten.

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