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Frauenmangel beim „Tatort“ : Nutzt unsere kriminelle Energie!

  • -Aktualisiert am

Meira Durand als Emily in „Tatort: Für immer und dich“ – ein seltenes Beispiel für die Vorzüge des weiblichen Blicks im Krimi. Bild: SWR/Benoit Linder

Hinter der Kamera und für den Ton war bei den „Tatort“-Krimis im vergangenen Jahr nicht eine Frau beschäftigt. Auch insgesamt ist der Anteil weiblicher Kreativer bei dem Format gering. Jetzt reden sie.

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          Vergangenen März veröffentlichte Belinde Ruth Stieve auf ihrem Blog eine erschreckende Analyse des Lieblingsfernsehkrimis der Deutschen. Die Schauspielerin, die sich selbst als „unabhängige Empirikerin“ bezeichnet, hatte die Geschlechterverteilung in sechs Gewerken bei „Tatort“-Filmen aus den Jahren 2011 bis 2018 näher betrachtet. Die Zahl der Regisseurinnen lag 2018 so hoch wie nie: bei 18,9 Prozent. Hinter der Kamera und für den Ton war bei den „Tatort“-Krimis im vergangenen Jahr nicht eine Frau beschäftigt. Nur bei den Editorinnen lag der Anteil von Frauen konsequent über 50 Prozent.

          Die Drehbuchautorinnen stehen kaum besser da. In den letzten sieben Jahren lag ihr Anteil einmal bei knapp 30 Prozent (der Höchstwert, 2016), viermal unter 20 und dreimal unter zehn Prozent. 2018 hatte er mit 5,5 Prozent einen Tiefpunkt erreicht, der das vermeintlich gestiegene gesellschaftliche Bewusstsein in Sachen Gleichstellung dementiert. Selbst wenn man die „Polizeiruf“-Episoden des Jahres dazurechnet, steigt der Anteil lediglich auf 6,1 Prozent.

          Ein strukturelles Problem

          Die alarmierenden Zahlen führten dazu, dass sich binnen kürzester Zeit Drehbuchautorinnen in der Initiative „Tatort Drehbuch“ vernetzten. Am Samstag ist das Bündnis mit einem offenen Brief an die Öffentlichkeit gegangen. Das Schreiben zielt auf mehr Diversität beim populären Klassiker des ARD-Fernsehfilms, den Filmen der „Tatort“- beziehungsweise „Polizeiruf“-Reihe. 83 Autorinnen und Autoren haben den Brief unterzeichnet, der an den WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn sowie die Leitungen der betreffenden Programmbereiche und Redaktionen adressiert ist.

          Die Initiative will „die strukturelle Benachteiligung von Frauen bei der Auftragsvergabe von Tatort- und Polizeiruf-Drehbuchverträgen“ zum Thema innerhalb der verantwortlichen Sender machen. Die Geschlechterverteilung sei eine „schreiende Ungerechtigkeit“, sagt eine der beiden Initiatorinnen im Gespräch mit dieser Zeitung. Dass die beiden Sprecherinnen nicht mit ihrem Klarnamen erwähnt werden wollen, begründen sie damit, dass es den 83 Unterzeichnenden um ein strukturelles Problem ginge, nicht um ein persönliches.

          Dass die Initiative mit dem Brief nun an die Öffentlichkeit geht, hat mit den Reaktionen auf ein erstes Schreiben zu tun. Das wurde bereits im Frühjahr an die Intendantinnen und Rundfunkräte, Programmverantwortlichen und Gleichstellungsbeauftragten der ARD mit der Forderung nach einer 50/50-Quote bis 2021 verschickt. Darin erklären die Autorinnen auch, warum die Initiative bei „Tatort“ und „Polizeiruf“ ansetzt, den populärsten Fernsehfilmen der ARD: „Der Tatort und der Polizeiruf 110 gehören zu den bestbezahlten Formaten in der ARD. Für diese Formate nicht zu arbeiten, vergrößert den ,Gender Pay Gap‘.“

          Diversität vor und hinter der Kamera

          Der damalige „Brandbrief“ war als Gesprächsangebot gedacht („Wir hoffen auf Sie als Mitstreiter/in, freuen uns auf einen konstruktiven Dialog“), an dem die ARD aber kein Interesse zeigte. Die „Gleichstellungskonferenz von ARD, ZDF, Deutschlandradio und DW“ sandte eine Art Eingangsbestätigung zurück: Man habe den Brief erhalten und melde sich zeitnah zurück. Bis heute ist das nicht geschehen.

          Ähnlich verhielt es sich mit der Mitteilung des WDR-Rundfunkrats, in der es hieß, dass man über eine Antwort der ARD informiert werde und dass sich der Vorsitzende dann „ggf.“ bei den Unterzeichnenden melden würde. Eingetreten ist der Fall nicht. Dafür meldete sich ein Journalist bei der Initiative, der den „Brandbrief“ in einem Interview mit dem ARD-Programmdirektor Volker Herres zur Sprache gebracht hatte, was nicht so gut gelaufen sei – Herres habe das Gespräch abgebrochen.

          Anfang Mai schickte schließlich Jörg Schönenborn in seiner Funktion als „ARD-Koordinator Fernsehfilm“ eine Stellungnahme des Senders, die der F.A.Z. vorliegt. Darin hieß es: „Diversität vor und hinter der Kamera ist ein wichtiges Ziel für unsere Programmarbeit in der ARD“. Um diese zu erreichen, scheide das im Schreiben der Initiative geforderte Mittel allerdings aus: „In dieser Debatte, die wir in den letzten Jahren sehr intensiv geführt haben, waren sich die Verantwortlichen in einem Punkt einig: Kreativität lässt sich nicht quotieren. Gutes Programm braucht am Ende immer eine Qualitätsentscheidung.“

          Das Bilder der weiblichen Hauptfigur akzentuiert

          In dem offenen Brief geht die Initiative auf diesen Vorbehalt ein: „Nun lassen sich rund 6 Prozent Drehbuchautorinnen im Verhältnis zu 94 Prozent Drehbuchautoren im Jahr 2018 wohl kaum dadurch begründen, dass allein nach künstlerischer Qualität entschieden wurde. Die skandalös niedrige Zahl repräsentiert nicht im Geringsten die Vielzahl talentierter und hervorragend ausgebildeter Kolleginnen, die es auf dem Markt gibt.“

          Man kann sich durchaus wundern, wie diskursfern ein Hierarch wie Schönenborn im Jahr 2019 argumentiert. Dabei müsste er noch nicht einmal die zahlreichen Studien gelesen haben, die die strukturelle, das heißt zumeist eben nicht einmal absichtsvolle Benachteiligung von Frauen im Film- und Fernsehbetrieb zu fassen versuchen. Es reichte der Blick auf die Realität der Produktion. Wenn der ARD-Koordinator Fernsehfilm die starken künstlerischen Schwankungen der „Tatort“- und „Polizeiruf“-Reihe ernsthaft als Resultate von „Qualitätsentscheidungen“ erklären will, ließe das Zweifel am filmischen Sachverstand zu.

          Wie die Monokultur der männlich dominierten Geschichten beim ARD-Sonntagabendkrimi aussieht, hatte etwa Anna Prizkau in diesem Feuilleton 2014 aufgezeigt mit einem Text, der über die einseitige und zugleich häufige Darstellung von Gewalt gegen Frauen im ARD-Sonntagabendkrimi reflektierte. Was Diversität daran ändern kann, deutete wiederum der aufregende und viel diskutierte „Tatort: Für immer und dich“ aus diesem Frühjahr an, der gerade beim Fernsehfilm-Festival in Baden-Baden mit dem Fernsehfilmpreis ausgezeichnet wurde.

          Regisseurin Julia von Heinz hatte in der Missbrauchsgeschichte ihres Drehbuchautors Nebenrollen, die eigentlich Männern zugedacht waren, mit Frauen besetzt und unter anderem dadurch das Bild der weiblichen Hauptfigur anders akzentuiert. Statt ein hilfloses Opfer zu zeigen, erzählte der Film von einer Teenagerin, die sich am Ende selbst aus ihrer Abhängigkeit von einem älteren Mann befreien kann – und dafür keine romantische Liebe zu einem Gleichaltrigen braucht, sondern auch durch die Freundschaft zu einer Gleichaltrigen (eine der Umbesetzungen) ermutigt wird. „Ganz nebenbei und selbstverständlich“, so sahen es jedenfalls die Juroren des Fernsehfilmpreises, gelang es dem Film, zu zeigen, „dass wir in einer multiethnischen Gesellschaft leben.“

          „Risikoaversion“ könnte der ARD zu denken geben

          Die Standardablehnung der Quote durch das vermeintlich geschlechterunabhängige Primat der Qualität wirkt aber noch aus einer anderen Perspektive unsinnig. Die Quote, so sehr sie eine Krücke sein mag, hätte nämlich den Vorteil, einen Wettbewerb zu simulieren, den es im deutschen Film als Subventionsbetrieb nicht gibt. Wenn der Anteil für männliche Autoren dadurch verknappt würde, entstünde eine Konkurrenz, bei der im Idealfall die unausgegorenen und schematischen Filme, die heute immer wieder durchgehen, nicht mehr produziert würden.

          Dafür müsste sich im System aber grundsätzlich etwas ändern. Dass ein solcher Kulturwandel dauert, ist den Unterzeichnenden klar: „Es ist ein langwieriger Prozess, Vorurteile zu überwinden, Stereotype aufzubrechen und strukturelle Benachteiligungen auszuräumen“, heißt es im Brief. Zu den eingefahrenen Vorstellungen, die verhindern, dass Frauen mit „Tatort“-Drehbüchern beauftragt werden, gehört, dass man ihnen nicht zutraut, den großen, wichtigen Film zu stemmen. So finden sich Namen von Frauen hinter dem Drehbuch-Credit bislang nicht selten neben dem eines Mannes, der sie um Mitarbeit gefragt hat.

          Als zentralen Faktor benennt der offene Brief folglich die „Risikoaversion“ der Verantwortlichen: „Indem Sie einer imaginären Erfolgsquote nachjagen, beauftragen Verantwortliche immer die gleichen Kreativen. In traditionell männlich dominierten Formaten wie dem ,Tatort‘ und ,Polizeiruf‘ werden Frauen so meistens gar nicht erst angefragt.“ Der Begriff der „Risikoaversion“ könnte der ARD zu denken geben. Denn die Konkurrenz von Streamingdienstleistern kriegt selbst das ARD-Flagschiff am Sonntagabend zu spüren. Die Mittelmäßigkeit vieler Filme lässt einst treue Gucker am Sonntagabend zu Anbietern wie Netflix abwandern.

          Wie dort mitunter gearbeitet wird, war am Dienstag im Berliner Wissenschaftszentrum zu erfahren. In einem Gespräch mit Gordon Smith und Jenn Carrol, die für die Serie „Better Call Saul“ arbeiten, das Prequel zum Serienklassiker „Breaking Bad“; Smith als Drehbuchautor, Carroll als Producerin. Mit auf dem Podium saß Anna Winger, die Drehbuchautorin von „Deutschland 83“ und „Deutschland 86“, die die in diesem Zusammenhang sehr interessante Frage aufwarf, wie wichtig eigentlich die Frage der gesellschaftlichen Repräsentanz sei. Angesichts der Diskussionen um cultural appropriation, die Frage, wer für wen sprechen kann, herrsche ein Druck zur Authentizität. Wie aber könne sie sich dann als Amerikanerin, die nie in der DDR gewesen ist, Personal für ihre Serie ausdenken?

          Gordon Smith wollte in die Klage nicht einstimmen. Vielmehr wies er darauf hin, dass hier eine Stärke des Writers’ Rooms liege gegenüber dem einzelnen Drehbuchautor, der alles allein erfinden müsse. Der Writers’ Room, in dem auch für „Better Call Saul“ mehrere Autoren Ideen entwerfen und diskutieren, böte, wenn man offen dafür sei, die Chance, die eigenen Ideen mit denen der anderen abzugleichen und so genauere Figuren entwerfen zu können. Ohne das Wort in den Mund zu nehmen, hatte Smith dargelegt, warum Diversität bei der Kunstproduktion ein Gewinn sein kann.

          Im Writers’ Room von „Better Call Saul“ arbeiten übrigens zwei Männer. Und vier Frauen.

          Der offene Brief der Initiative „Tatort Drehbuch“ ist hier zu finden.

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