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„Tatort“ aus Wien : Still ruht der See nun wirklich nicht

  • -Aktualisiert am

Ertrunken ist die Frau am Steuer nicht: Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) am Anfang der Ermittlungen. Bild: ARD Degeto/ORF/Cult Film/Petro D

Die Wiener „Tatort“-Kommissare verschlägt es an den Wolfgangsee. Dort ist alles zu schön, um wahr zu sein. Nach der Wahrheit suchte die ermordete Journalistin, deren Leiche aus dem Wasser gezogen wird. Ein vertrackter Fall.

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          Der Wolfgangsee: unendliche Weiten. Oder wie es im „Tatort“ heißt: „Es muss unglaublich schön sein, in der Gegend Urlaub zu machen.“ So sagt es Bibi Fellner (Adele Neuhauser), als sie mit dem Kollegen Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) im Auto nach St. Gilgen fährt. Eisner erwidert mit dem ihm eigenen Grimm: „Ja, und unglaublich teuer“.

          Aber von vorn: Im Wolfgangsee finden Taucher ein Auto. Als uns die Kamera den Wagen zum Auftakt zeigt, unter Wasser, sieht es aus wie ein U-Boot, dessen Scheinwerfer das Dunkel der Tiefe durchschneiden. Aber es handelt sich um einen in den See gerutschten Leihwagen mit erstaunlich langlebiger Batterie; am Steuer eine Tote, deren Hand eine Pistole umklammert.

          Aus dem Off dazu Philosophisches von Eisner: „Ich trage eine Waffe am Gürtel, aber Waffen können nicht darüber entscheiden, was richtig und was falsch ist auf dieser Welt“. Das versonnene Gemurmel verbindet die triste Unterwasser- mit einer Schießkellerszene. Dort umklammert er eine Waffe. Er feuert sie sogar ab. Das obligatorische Training. Die Nachricht von der Leiche im Wolfgangsee erspart ihm den Rest einer Übung, die er nicht ausstehen kann.

          Die Feuerwehr von St. Gilgen hievt Auto und Leiche aus dem Wasser. Die Ermittler schließen anhand einer Wunde: Die junge Fahrerin ertrank nicht, sie starb an einer Kugel. Auf dem Handy der Toten, einer Journalistin, finden sich Fotos alter Zeitungsartikel über den ehemaligen Verteidigungsminister Karl Lütgendorf (Peter Appiano), der über dunkle Waffenexporte stolperte und sich im Oktober 1981 selbst das Leben nahm.

          Bereits das war keineswegs Suizid, glaubt ein rüstiger Rentner mit Polizei-Vergangenheit (Peter Matic), der unweit der Fundstelle mit Hund, Kanarienvogel und museumsreifem Fernseher lebt und der Journalistin kurz vor ihrem Tod einen Hinweis gab. Sie fiel womöglich denselben Tätern zum Opfer wie einst der Politiker Lütgendorf.

          Sybille Wildering (Emily Cox) will herausfinden, wer ihre Freundin auf dem Gewissen hat. Ob sie bei dem Geschäftsmann David Weimann (Robert Hunger-Bühler) an der richtigen Adresse ist?

          Prompt bekommen es Fellner, die eine Wodkaflasche anstarrt, und Eisner, der bei mitternächtlichen Recherchen am Rechner auf Miles Davis im Hintergrund schwört, nach gemächlichen ersten Erkundungen mit Beamten der „Generaldirektion für innere Sicherheit“ zu tun, die den „alten, modrigen, uninteressanten Staub“ der Minister-Geschichte nicht weiter aufzuwirbeln bitten. Mal schauen, wie lange das gutgeht.

          Auch Sibylle Wildering (Emily Cox), die untröstliche Geliebte der Toten, beginnt auf eigene Faust zu ermitteln. Sie kontaktiert einen schwerreichen, im Hotel vorzugsweise mit Frauen an Hundeleinen beschäftigten Geschäftsmann David Weimann (Robert Hunger-Bühler), der in den Unterlagen der Toten erwähnt wird. Die Story dreht endlich auf.

          Ein Politthriller? Naja. Die „Generaldirektion für inneren Sicherheit“ wird durch ein gelecktes Aufsteigerpärchen verkörpert (Franziska Hackl, Sebastian Wendelin), das man sich nicht einmal in Österreich als Vertreter einer mächtigen Behörde oder gar Handlager höherer Mächte vorstellen kann.

          Der E-Zigarette nuckelnde Vorgesetzte Ernst Rauter (Hubert Kramar), der mit den Einschüchterungsversuchen umzugehen weiß und den Druck sicherheitshalber doch an Fellner und Eisner weiterreicht („Ihr müsst’s leisertreten“), müsste bei einem Fall wie diesem, der politische Kreise ziehen könnte, eigentlich noch viel umtriebiger sein. Und die Figur von Emily Cox weiß niemand so richtig in Szene zu setzen. Neuhauser und Krassnitzer spielen routiniert, wirken aber mit Ausnahme einer befreienden Buddy-Szene unterfordert.

          Kühn wäre die Behauptung, der „Tatort: Wahre Lügen“ sei atmosphärisch ein Film aus einem Guss. Bezeichnenderweise wechselt das Wetter gleich in der ersten Sequenz, auf dem Weg der Ermittler zum und vom Tatort, hin und her, wie es will. Man verlässt sich alleine auf die von Lothar Scherpe komponierte Musik, deren dunkler Groove einiges rettet, aber nicht alles. Der Witz ist: Thomas Roth, der das Buch schrieb und Regie führte, hat doch noch ein Ass im Ärmel. Kann man sich nicht vorstellen, ist aber so.

          Der Tatort: Wahre Lügen läuft am Sonntag, 13. Januar, um 20.15 Uhr im Ersten.

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          Unser Autor: Bastian Benrath

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