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„Tatort“ aus Dresden : Echte Kommissarinnen stehen zusammen

  • -Aktualisiert am

Erstaunlicher Gleichklang: Die Kommissarinnen Karin Gorniak (Karin Hanczewski, li.) und Leonie Winkler (Cornelia Gröschel) fischen nicht lange im Trüben. Bild: MDR/W&B Television/Daniela Incor

Ein spektakuläres Verbrechen, ein Chef, dem die Nerven durchgehen, und zwei Ermittlerinnen mit Durchblick: Das neue Team des „Tatorts“ aus Dresden wird sich so rasant einig, dass man nur staunen kann.

          Wenn es um den „Tatort“ geht, wird hierzulande fast jeder zum Kritiker. Mal erfährt man zu viel, mal zu wenig vom Privatleben oder von der Dynamik zwischen den Ermittlerinnen und Ermittlern. Mal wird zu klassisch erzählt, mal zu gewollt grenzüberschreitend, mal scheint es sozialkritisch zu betulich (Köln), mal zu angestrengt humoristisch (Weimar). Die Ludwigshafener Improvisations-„Tatorte“ von Axel Ranisch („Babbeldasch“) führten gar zu ARD-Krisensitzungen. Irgendetwas ist immer, darauf kann man sich einigen. Das ist auch kaum verwunderlich bei einem Format, das mit mehr als tausend Ausgaben auf die fünfzig zugeht und zum nationalen Kulturgut gehört wie höchstens noch der „Polizeiruf 110“.

          Seltsam, aber gleichwohl wahr war daher zuletzt die positive Resonanz auf den ersten Fall des Dresdner Neuzugangs nach dem Ausscheiden Alwara Höfels, der Oberkommissarin Leonie Winkler (Cornelia Gröschel). In „Das Nest“ (MDR), einem horrorgenreverspielten und psychologisch dichten Thriller von Alex Eslam (Regie) und Erol Yesilkaya (Buch), passierte Winkler ein folgenreicher Anfängerfehler, der ihre Kollegin Oberkommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) fast das Leben und, zumindest Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach) zufolge, vorübergehend jegliches Urteilsvermögen kostete.

          Nach so viel Lob für „Das Nest“ gilt der Anschlussfolge umso größere Aufmerksamkeit. Enttäuschend ist der zweite Fall von Winkler und Gorniak zwar nicht, aber etwas „Backstory“-Kreativität wäre reizvoll gewesen. Wie finden die Ermittlerinnen zusammen, von denen die eine zwar die Ausbildung mit Superzeugnissen abgeschlossen hat, aber in der Praxis gleich zur Premiere versagt? Was ihr zudem ihr biologischer und beruflicher Übervater, die Polizeilegende Otto Winkler (Uwe Preuss), deutlich zu verstehen gibt. Wie kann Gorniak einer Kollegin vertrauen, auf deren Kosten fast der eigene Tod geht? In „Nemesis“ ist davon nicht ansatzweise die Rede. Aus den Ermittlerinnen wird umstandslos ein Dreamteam, das sich mit gemeinsamer Frauenpower mit Chef Schnabel anlegt, der gereizt und mit Macho-Vorgesetzten-Allüren reagiert („In mein Büro, sofort“). Ob es dem Druck dieses Falls geschuldet ist, dass Schnabel mehr sächselt denn je?

          Die Ermordung seines Freundes Joachim Benda im Büro des Szenerestaurants „Palais Benda“ erscheint als brutale Hinrichtung. Viele Male wurde aus nächster Nähe auf den Gastronomen geschossen. Ein Auftragsmord der Mafia, vermutet Schnabel und tröstet die Witwe. Vermutlich gehe es um Schutzgelderpressung und Geldwäsche, legt sich Schnabel fest. Eine bekannt zwielichtige Gestalt, Levon Nazarian (Marko Dyrlich), hatte nachts die Kreditkarte im Lokal vergessen. Man fand sie unter der von Kugeln durchsiebten Leiche. Die wolle er sicher nicht wiederhaben, sagt die Polizistin, „an der Karte klebt Blut“. Das bleibt der einzige Scherz in diesem Mordfall, in dem die Familienumstände des Toten immer undurchdringlicher scheinen und bald nur noch Schnabel die Mafia-Theorie verfolgt. „Dresden ist nicht Palermo“, bemerkt Spiro (Atheer Adel), inzwischen Winklers Insiderkontakt. Warum sollte ein bestens funktionierendes Businessmodell ohne Grund gewaltsam aufgekündigt werden?

          Die Witwe Katharina (Britta Hammelstein) beharrt ebenfalls auf der Abrechnungsthese. Zwei Wochen zuvor sei man in der Villa von maskierten Männern überfallen worden. Es existiert ein Notruf des Sohnes Viktor (Juri Winkler). Katharina, aggressiv und aufgelöst, hatten die Polizisten in die psychiatrische Notaufnahme gebracht. Die Beziehung zwischen der Mutter und Viktor und seinem jüngeren Bruder Valentin (Caspar Hoffmann) erscheint seltsam, erst übertrieben fürsorglich, dann gänzlich abweisend. Hat Joachim Benda versucht, seine Frau in die Geschlossene einweisen zu lassen, um Munition für den Sorgerechtsstreit zu sammeln? War er gewalttätig und Katharina das schwer traumatisierte Opfer in dieser Familienaufstellung?

          Stephan Wagner (Regie und Buch) und Mark Monheim (Buch) gelingt besonders in der Darstellung der Brüder und ihrer Mutter große emotionale und psychologische Wahrhaftigkeit (Kamera Hendrik A. Kley). Kommissarin Winklers „Gefühl“, inzwischen weit vom Anfängerinnenunsicherheitsstatus entfernt, gibt den Takt der Aufklärung vor. Wenn auch nicht so spektakulär wie „Das Nest“, bleibt der Dresdner „Tatort“ mit „Nemesis“ sehr sehenswert. Irritierend ist allerdings die rasante Schnittfrequenz (Montage Susanne Ocklitz), welche die Szenen wirken lässt wie aus unterschiedlichsten Standbildern zusammengestückelt und den dramatischen Fluss der Bilder, wahrscheinlich mit ästhetischer Absicht, hemmt.

          Tatort: Nemesis , Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten.

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