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„Tatort“ aus Münster : Jetzt kocht Boerne auch noch

Es ist angerichtet: Professor Boerne (Jan Josef Liefers) und seine Assistentin Silke Haller (Christine Urspruch) wechseln das Fach. Bild: WDR/Thomas Kost

Manche können sich am „Tatort“ aus Münster nicht sattsehen. Allmählich aber werden die Folgen mit Jan Josef Liefers und Axel Prahl zu gemütlich. Sie kümmern sich jetzt um blaue Kartoffeln und weiße Trüffelmousse.

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          Am Anfang wird eine Mahlzeit zubereitet, am Ende soll eine gegessen werden, was aber zum Glück scheitert, und dazwischen unternimmt der Genießer Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) einen Versuch nach dem anderen, seine Freude am Kochen und am großen Auftritt in ein Sendeformat zu überführen, das er „Boerne kocht“ nennen möchte.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Natürlich dienen der Kommissar Frank Thiel (Axel Prahl) und Boernes Mitarbeiterin Silke Haller (Christine Urspruch) ihm zugleich als Vorkoster wie als Opfer seiner Sottisen, was Thiel die Gelegenheit zu einer metaphernkritischen Replik beschert: Boerne tischt einen „Dialog von Kriminalistik und Rechtsmedizin“ auf, wobei eine blaue Kartoffel Thiels Polizeiarbeit und weiße Trüffelmousse Boernes eigene Disziplin vertreten soll, was Thiel durchaus gelungen findet, weil die Trüffel die Kartoffel ebenso erdrückt wie Boerne ihn in den Gesprächen zwischen ihnen. Das Wort „Dialog“ also passe nicht so recht, meint er, „Monolog“ treffe es besser.

          Spätestens in dieser Szene des nunmehr 33. „Tatorts“ aus Münster ahnt man, dass die Autoren Stefan Cantz und Jan Hinter, die schon 2002 für den allerersten Fall von Thiel und Boerne verantwortlich zeichneten, das einmal erfundene Rad einfach laufen lassen. Es geht um eine krebskranke Tierfreundin, die ermordet wird, um den Zoo und einen Medienproduzenten, von dem Boerne sich Fernsehruhm erhofft, um eine Fahrradwerkstatt und eine daneben angesiedelte Metzgerei mit dem Namen „Fleisch+Blut“.

          Stichwortgeberin: Silke Haller (Christine Urspruch) hat sich Notizen gemacht.
          Stichwortgeberin: Silke Haller (Christine Urspruch) hat sich Notizen gemacht. : Bild: WDR/Thomas Kost

          Man muss da nicht lange überlegen, wo das Gute angesiedelt ist und wo das Böse, aber tatsächlich bezogen die „Tatort“-Folgen aus Münster ihren Reiz im Lauf der Zeit immer weniger aus dem Mitraten, wer denn nun der Verbrecher ist, sondern daraus, zwei (oder auch drei bis vier) guten Bekannten beim Blödeln und Sich-Kabbeln zuzusehen. Und aus dem Entdecken von Verweisen auf frühere Folgen: Spielt Boerne, der sein Kochen unbedingt in den Kontext seines Wirkens als Gerichtsmediziner setzen will, mit dem Hirschsauerbraten „Mumie im Moor“ dezent auf den Mumien-Fall von 2010 an?

          Also haben die verfeindeten Staatsanwältinnen Klemm und Ungewitter – letztere, auch dies ein Wiedererkennen, gespielt von Tessa Mittelstaedt, der „Franziska“ aus dem Kölner „Tatort“ – einige Auftritte miteinander und liefern ein erlesenes Bild, Nase an Nase im Flur, der nach hinten wunderbar unscharf wird. Der Cannabiskonsum von Thiels Vater bringt sich ebenso in Erinnerung wie ein durch einige Fernsehauftritte bekannter Pinguin namens Sandy, der tatsächlich im Zoo von Münster anzutreffen ist und hier angemessen putzig hinter Thiel her wackelt, als der undercover als Tierpfleger recherchiert. Überhaupt habe Thiel etwas Pinguinhaftes, wird ihm bescheinigt.

          Neben soviel Niedlichkeit können die Fernsehmorde nur schwer bestehen, und selbst angestrengt düstere Schauplätze nimmt man nicht unbedingt ernst – der Kontrast zum Dresdner „Tatort“, der am vergangenen Wochenende gesendet wurde, könnte nicht größer sein. Wo Nebenhandlungen versanden, bröselt auch die Bereitschaft des Zuschauers, sich zu beteiligen, und wenn Boerne tatsächlich einmal in so etwas wie Gefahr gerät, bangt man keine Sekunde um ihn – der Spuk ist auch rasch vorbei. Und wenn ein toter Pinguin in der Gerichtsmedizin aufgebahrt wird wie eine menschliche Leiche, sind es genau solche Bilder, die denn Film an die Grenze zur humorigen Betulichkeit bewegen.

          Das Mordopfer, soviel zeigt sich rasch, war auch deshalb fast täglich im Zoo, weil es „Äffchen zählen“ wollte – aus Sorge um den Bestand. Zuschauer, die Spaß am Witzchenzählen haben, kommen auf ihre Kosten. Dass aber das schiere Verwalten einer guten Ermittlerkonstellation irgendwann nicht mehr reicht, zeigt sich mit jedem „Tatort“aus Münster mehr.

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