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„Tatort“ aus Münster : So sehe ich also aus, wenn ich tot bin

Konsterniert: Das Münster-Team des „Tatorts“ sieht sich verfolgt. Bild: WDR/Thomas Kost

Im „Tatort“ aus Münster fragen sich die Ermittler, wer ihnen ans Leder will – und Menschen meuchelt, die ihre Doppelgänger sein könnten. Thiel und Boerne suchen nach alten Feinden. Sie werden fündig.

          Thiel und Boerne, porträtiert auf Fahndungsplakaten, gesucht als mutmaßlich bewaffnete Täter auf der Flucht? Und die Staatsanwältin tot im Schatten des Doms, mit einer Kugel im Herzen – ja, läuft Deutschlands beliebtester Schmunzelkrimi jetzt etwa vollends Amok? Nein, ganz so schlimm, wie es zuerst ausschaut, ist es natürlich doch nicht. Bei der Erschossenen, zu deren Leichnam Thiel (Axel Prahl) an einem frühlingshaften Montagmorgen in Sandalen stolpert, weil ihm die Schuhe vor der Wohnungstür geklaut wurden, handelt es sich zur Erleichterung des Kommissars nicht um Wilhelmine Klemm, sondern „nur“ um eine Frau, die ihr verblüffend ähnelt.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Doch als das Mordopfer auf Professor Boernes (Jan Josef Liefers) Tisch in der Pathologie liegt und vom versammelten Münsteraner „Tatort“-Team in Augenschein genommen wird, muss nicht nur die Staatsanwältin schwer schlucken. „So sehe ich also aus, wenn ich einmal tot bin“, sagt die Staatsanwältin (Mechthild Großmann) mit noch rauchigerer Stimme als sonst und fingert nach ihren Zigaretten. Als nur einen Tag später ein weiteres Mordopfer gefunden wird, das einem anderen Mitglied dieses verschworenen Verbrechensbekämpfungszirkels gleicht, muss man nicht wie Boerne neunmalklug von Säbelzahntiger-Erkennungs-Neuronen daherpalavern, um zu erkennen: Hier folgt ein Verbrecher einem simpel gestrickten Muster, um Angst und Schrecken bei denen auszulösen, die ihn jagen – und sie zu demütigen. Doch warum? Das Motiv, so viel ist klar, muss klären, wer hinter diesem perfiden Plan steckt.

          Der Zuschauer lernt in der von Benjamin Hessler geschriebenen Episode „Spieglein, Spieglein“ schon bald die mit kühler Präzision todbringende Person kennen, die Thiel und Boerne an der Nase herumführt. Was die äußerlich kreuzbrave Verwaltungsangestellte (Kathrin Angerer) antreibt, wird erst enthüllt, nachdem das in den üblichen verbalen Spiegelfechtereien gefangene Ermittlerduo im Katz-und-Maus-Spiel schon ein wenig weitergekommen ist. Dabei hilft, dass ein Neuer im Kommissariat angeheuert hat. Als Vertretung von (oder bleibenden Ersatz für?) Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) tut sich Mirko Schrader (Björn Meyer) als gemütlicher Kaffeekocher hervor, der dann doch abgebrüht genug ist, um die gegenseitigen Verhöre zwischen Boerne und Alberich, Thiel und Klemm in diesem 34. „Tatort“ aus Münster als das abzutun, was sie sind: nutzloses Geplänkel wie unter alten Ehepaaren.

          Der Kommissar und der Professor müssen ihre Wohnungen zwecks Spurensicherung räumen und verbringen eine gleichfalls nutzlose, aber ihres Slapstick-Charakters im Zeitraffer wegen schön anzusehende Nacht im Archiv auf der Suche nach alten Feinden. Man ist nun einmal ein wenig in die Jahre gekommen zusammen, da denkt man nicht gleich an digitale Volltextsuche.

          Dass der schlussendlich ausgemachte Erzfeind, der angeblich so abstoßend wirkt, dass, wie Boerne sagt, „Streptokokken vor ihm die Straßenseite wechseln“, enttäuschend harmlos gerät, ist das größte Manko in der Inszenierung von Matthias Tiefenbacher. Die Doppelgänger-Auftritte Axel Prahls und Jan Josef Liefers’ in anderen Rollen setzen „Spieglein, Spieglein“ dagegen kleine Glanzlichter auf. Und so löst sich am Ende der nächsten Runde durch „Tatort“-Münster der Spuk in lauter Wohlgefallen auf. Auch wenn man mit dem Fahrrad unterwegs war, nicht mit Boernes rasantem Sportwagen. Um heiteren Klamauk und sanfte Spannung auszubalancieren, hat der Schwung gereicht.

          Der Tatort: Spieglein, Spieglein läuft an diesem Sonntag, 17. März, um 20.15 Uhr im Ersten.

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