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„Tatort“ aus Münster : Und das soll Kunst sein?

  • -Aktualisiert am

Doppelgesichtig: Aleksandar Jovanovic spielt im „Tatort“ einen Künstler, der sich G.O.D. nennt. Bild: WDR/Wolfgang Ennenbach

Im Münster-„Tatort“ geht es diesmal um kulturelle Werte. Auf dem Kunst-Parkett fühlt sich Kommissar Thiel unwohl, Gerichtsmediziner Boerne ist in seinem Element. Beide zusammen liefern wieder große Comedy.

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          Wenn es eine „Tatort“-Ausgabe nicht schrecken muss, dass die ARD nur noch zwei „Experimente“ pro Jahr wagen will, dann ist das Münster. An das Erfolgsrezept des Publikumslieblings wird sich so schnell kein Redakteur heranwagen. Auch diesmal ermittelt der bodenständige Kommissar Thiel (Axel Prahl) wieder in einem Milieu weit außerhalb seiner Komfortzone, während sein Kollege Boerne (Jan Josef Liefers) sich etwas zu wohl darin fühlt. Der neueste Fall des ungleichen Duos ist Kunst.

          Oder doch nicht? Kommt auf die Definition an, doch für solche Feinheiten hat Thiel bekanntlich keinen Sinn. Was ihn interessiert, ist die Leiche, die ein kleines Mädchen im Inneren einer Clownsfigur auf einem öffentlichen Platz findet. Die Figur ist Teil der „Skulptur-Tage Münster“, dem internationalen Kunstereignis, das alle zehn Jahre stattfindet und welches sich die „Tatort“-Autoren als Hintergrund nicht entgehen lassen konnten.

          Das ist nicht so ganz seine Szene: Kommissar Thiel (Axel Prahl) mit der Kuratorin Nika Wenger (Gertie Honeck, Mitte) und der Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann).
          Das ist nicht so ganz seine Szene: Kommissar Thiel (Axel Prahl) mit der Kuratorin Nika Wenger (Gertie Honeck, Mitte) und der Staatsanwältin Wilhelmine Klemm (Mechthild Großmann). : Bild: WDR/Wolfgang Ennenbach

          Bei dem Toten handelt es sich um einen ehemaligen Stadtrat für Bildung, der nach Pädophilie-Vorwürfen sein Amt verlor, ein Rachemotiv drängt sich auf. Seine posthume Hülle stammt von dem „populärsten und provokantesten Künstlers unserer Zeit“ (Aleksandar Jovanovic). G.O.D. nennt der sich, gesprochen Gott, und sagt Sachen wie „Hört auf euer Gespür, nur dumme Menschen denken“, oder „Nur weil die Welt am Apfel zieht, wird er nicht schneller reif“. Was Kommissar Thiel mit den Augen rollen lässt, sorgt bei Prof. Dr. Dr. Boerne für Verzückung, und der Rechtsmediziner beschließt prompt, sich als Meisterschüler von G.O.D. zu bewerben. Bald taucht das nächste Werk mit Leichenfüllung auf und während die Ermittler den Mörder suchen, bangen die Veranstalter um ihr Prestigeprojekt.

          Die Kunstwelt bietet einen fruchtbaren Boden für die typische Münsteraner Situationskomik, und die wirkt diesmal nicht mal überspitzt, weil in der Kunstszene tatsächlich kaum etwas überraschen kann. Ein Zeuge zieht seine Aussage zurück, weil er „für ein gutes Werk der Realität etwas hinzufügen musste“ und damit versuchte, „Bedeutungsebenen zu verschieben“? Vorstellbar. Eine Verdächtige hat ein Alibi in Form einer Live-Übertragung nach Japan aus der eigenen Gebärmutter? Vollkommen plausibel. Thiels Entgeisterung ist so köstlich wie Boernes prätentiöse Begeisterung für diese Welt, in der sein eigenes Ego ausnahmsweise mal nicht das größte ist. Und hier wirkt plötzlich auch Jan Josef Liefers doch sehr entrückte Darstellung gar nicht mehr so künstlich.

          Er ist in seinem Element: Boerne (Jan Josef Liefers) gibt den Kunstsachverständigen.
          Er ist in seinem Element: Boerne (Jan Josef Liefers) gibt den Kunstsachverständigen. : Bild: WDR/Wolfgang Ennenbach

          Selbstverständlich gibt es auch wieder private Verstrickungen. Thiel wird von der Vergangenheit seines Vaters eingeholt, der seinen kleinen „Frankie“ als Kind offenbar regelmäßig mit zu seinen Besuchen in eine Kommune nahm. Dort lebte damals nicht nur Thiels Chefin Wilhelmine Klemm (Mechthild Grossmann), die ihm das mit dem süffisant durch Rauschwaden gebrummten Satz „Unsere Wege haben sich schon sehr früh gekreuzt“, bestätigt, sondern auch die Ex-Kuratorin der Skulptur-Tage. Abgelöst wurde sie von ihrer Tochter Klara (Victoria Mayer), die dem verblüfften Thiel sofort in die Arme fällt und ihn daran erinnert, wie sie als Kinder Klamotten und Geschlechterrollen tauschten. Zwischen den beiden entfaltet sich eine interessante Chemie aus Flirt und Verdacht. Fast kann man sich vorstellen, dass es für Thiel in romantischer Hinsicht noch mal Hoffnung gibt.

          Die Autoren Torsten Wettcke und Christoph Silber verweben Fall und Privates in ihrem dritten Münsteraner Tatort geschickt. Ihre Dialoge laufen flott und ungestelzt, es sei denn stelzen gehört dazu, wie bei Boerne und Klemm. Regisseur Lars Jessen inszeniert den Wahnsinn mit ruhigem Blick. Es gelingt ihm in dem komödiantischen Setting tatsächlich, aufrichtige Fragen über den Wert von Kunst und die Absurditäten des Marktes zu stellen. Und so versteht sich dieser „Tatort“ auf die Kunst guter Unterhaltung.

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