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„Tatort“ aus München : Hilfe, Opa schmuggelt

  • -Aktualisiert am

Unschlüssig: Batic (Miroslav Nemec) und Leitmayr (Udo Wachtveitl). Bild: BR/Roxy Film/Marco Nagel

Im Münchner „Tatort“ werden Rentner Drogenkuriere. Und die beiden Kommissare ermitteln in aller Ruhe und Altersweisheit. Zum Glück gibt es den jungen Kollegen Hammermann.

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          Unternehmenspychologen mahnen an: In gemischten Teams arbeitet es sich am effizientesten. In der Praxis tun sich die meisten Arbeitgeber schwer mit der Umsetzung der Vielfalt. Am einfachsten scheint die Diversifizierung des Altersspektrums. Ältere Arbeitnehmer mit jahrzehntelang gewachsenem Knowhow werden nicht in Pension geschickt, junge sorgen für Impulse. Win-Win. Tschüs Fachkräftemangel, hallo „Oldies, but Goldies“.

          Seit fünf Jahren macht der BR-„Tatort“ vor, wie dieses Konzept zumindest gewinnbringender umgesetzt werden kann als etwa beim Ludwigshafener Lena-Odenthal-„Tatort“. Öffentlich-rechtlicher Bildungsauftrag kann sich auch im personalpolitischen Exempel zeigen.

          Seit fünf Jahren ermittelt Kalli Hammermann (Ferdinand Hofer) in München an der Seite der nach mehr als achtzig Fernseheinsätzen sichtlich gereiften Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl).

          Inzwischen scheucht der Junior die Zuarbeiter von der Spurenauswertung herum wie der eine Alte (Leitmayr) und denkt sich seinen Teil wie der andere (Batic). Geht es um die Konfrontation einer Rentnergang, wie in der neuen Folge „One Way Ticket“, zeigen die Senior-Kommissare hier und da noch früheren Ermittlungseinsatz. Ansonsten wirken beide wie die personifizierte Alterserkenntnis „Wähle deine Kämpfe weise“. Oder nicht. Und machen dies auch immer wieder zum Thema. Vielleicht ist zeitiger Ruhestand doch eine bessere Idee als Abschied auf Raten.

          Rüstiger Rentner mit Abenteurercharme

          Autor Rupert Henning, der in „One Way Ticket“ auch Regie führt, erzählt zunächst eine globale Schmugglergeschichte, die sich visuell vielversprechend anlässt (Kamera Josef Mittendorfer), um sich dann umso gründlicher auf Nebenschauplätzen zu verfasern. Bei einem Autounfall stirbt der Projektleiter einer Münchner NGO, der Hilfseinsätze in Kenia leitete. In Panik flüchtet eine Frau aus dem Gefährt, taucht unter. Schauplatzwechsel, mehrfach. Die beste Schnittsequenz folgt bald. Kontrastreich montierte Nairobi-Großstadtbilder zu afrikanischem Rap (Schnitt Dirk Göhler, Musik Verena Marisa), dazu Flughafenbilder, Koffertransportwege, Träume von einer schönen schwarzen Frau im Bikini am Strand, die ein irritierend rassistisches Gschmäckle haben, schließlich die Verhaftung eines Kuriers am kenianischen Flughafen.

          Martin Endler (Siemen Rühaak), rüstiger Rentner mit Abenteurercharme, wird in das berüchtigtste Gefängnis Nairobis gebracht. Einen Anschlag überlebt er schwer verletzt. Viel Bilderrätselhaftes, Motive und Zusammenhänge bleiben anfangs im Dunklen. Sicher scheint, dass es um Drogenschmuggel und Geldwäsche in großem Stil und um Pensionäre geht, die als Ehrenämtler in nobler Entwicklungshilfeabsicht angetreten sind, in Wirklichkeit aber bloß pekuniäre Ziele haben. Eine der älteren Herrschaften darf bei der Gruppenbefragung im Präsidium die ganze Misere der Alten lang und breit sozialkritisch entfalten. Geringe Rente von Alleinerziehenden und Selbständigen, pleite gemacht mit dem Bio-Laden, Beschämung bei der „Tafel“, endlich einmal absahnen.

          Als wenn der Überdeutlichkeit damit nicht genug getan wäre, nimmt dieser „Tatort“ einen Holzweg-Abzweig, der den ersten Teil zur bloßen Präliminarie erklärt und allem übrigen Latenten eine an den schlohweißen Haaren herbeigezogene Wendung in deutsch-deutsch Historie gibt. Eine sehr schwache Vorstellung gibt dabei Hark Bohm als hinfälliger Altkader, unterstützt von einer teuflischen Assistentin (Monika Lennartz). Hätte Autor und Regisseur Henning die Afrika-Connection der amoralischen Rentnerbande konsequent weiterverfolgt, hätte aus „One Way Ticket“ ein äußerst sehenswerter „Tatort“ werden können.

          So aber bleibt der Film weit hinter seinen eigenen Konstruktionsmöglichkeiten zurück. Wer die großen Münchner „Tatort“-Würfe erinnert, zum Beispiel „Der oide Depp“, „Die Wahrheit“ von Erol Yesilkaya oder „Nie wieder frei sein“ mit Lisa Wagner, der wendet sich gelangweilt ab. Nun sind auch Batic und Leitmayr beim altersmilden Erklärstück gelandet.

          Tatort: One Way Ticket läuft am Donnerstag, Zweiter Weihnachtstag, um 20.15 Uhr im Ersten.

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