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„Tatort“ aus München : Schuld und Selbstjustiz

  • -Aktualisiert am

hre Puppe ist mit dem Internet verbunden und sagt, sie solle die Türe öffnen. Lena (Romy Seitz) gehorcht. Bild: BR/Hendrik Heiden

Die Münchner Kommissare sind einem Mörder auf der Spur, der glaubt, Gerechtigkeit zu üben. Er hat es auf Kinderschänder abgesehen. Der Fall führt Batic und Leitmayr an ihre Grenzen.

          Ein Mädchen erwacht aus dem Tiefschlaf und bekommt von seiner Spielpuppe gesagt, was zu tun ist: Die Alarmanlage muss deaktiviert und die Tür zum Garten geöffnet werden. Ein Fremder tritt aus dem Nachtschwarz, das kleine Mädchen begrüßt ihn freudig winkend. Er ist als Weihnachtsmann verkleidet. Doch er packt keine Geschenke aus, sondern ein Kampfschwert. Der Besucher betäubt das Mädchen und befördert Vater und Mutter Faber ins Jenseits. Die Polizei findet ein Blutbad vor, die Augen der Toten starren noch gespenstischer ins Leere als die der internetfähigen „Smartpuppe“, von der die kleine Lena in der Nacht geweckt worden war.

          „Wir kriegen euch alle“ ist eine „Tatort“-Folge aus München, die einen ins Sofa drückt. Sie ist in mehreren Szenen blanker Horror, ohne als Ausflug in dieses Genre angelegt zu sein, wie ihn zuletzt die Kollegen aus Hessen oder Kiel unternommen haben. Der blanke Horror ist allerdings auch, was Tausenden Kindern allein in Deutschland widerfahren ist, jahrzehntelang nachwirkt und weiterhin täglich geschieht: Sie wurden und werden sexuell missbraucht.

          „Wir kriegen euch alle“: Im „Tatort“ aus München ist es der Mörder im Nikolaus-Kostüm, der diese Botschaft in blutigen Lettern an die Wand schmiert wie in einem Schwedenkrimi. Vater Faber schnitt er die Genitalien ab. Über der Mutter kleben die Ziffern „25-II“, ein Fingerzeig aufs Strafgesetzbuch: „Begehen mehrere die Straftat gemeinschaftlich, so wird jeder als Täter bestraft.“

          Räuberleiter: Die Kommissare Batic (Miroslav Nemec, links) und Leitmayr (Franz Wachtveitl) wissen sich zu helfen.

          Die Deutung ist nicht schwer: Die langgedienten Kommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) müssen einen Mörder finden, der als Rächer missbrauchter Kinder unterwegs ist und wieder zuschlagen könnte. Bald ermitteln sie „undercover“ in einer Selbsthilfegruppe mittlerweile erwachsener Opfer, und sie suchen nach Kindern, die gerade Opfer sexuellen Missbrauchs sind. Ob der Mörder wirklich Kinderschänder auf seiner Liste hat oder auch solche, die nur er für Täter hält, ist unklar. Er scheint in einem Lieferwagen zu sitzen, in den er technisches Equipment eingebaut hat, und durchkurvt die Stadt.

          Über das Mikrofon sogenannter „Smartpuppen“, die in Deutschland aus guten Gründen verboten, in Österreich aber erhältlich sind, kann er hören, was in den Kinderzimmern passiert. Über die eingebauten Lautsprecher kann er mit den Kindern kommunizieren. Bald sei es vorbei, verspricht er einem Jungen, der seiner Puppe davon erzählt, dass sein Vater ihn anfasst. Morde aber kann all das nicht rechtfertigen. Freilich überkommt auch die Kommissare, die im unerträglichsten Moment des Films mitanhören müssen, wie ein Kind von seinem Vater sexuell missbraucht wird, beim Gedanken an das Geschehen in den Kinderzimmern ohnmächtige Wut.

          Das von Michael Comtesse und Michael Proehl geschriebene Drehbuch (Regie Sven Bohse) hält einige Winkelzüge parat. „Wir kriegen euch alle“ ist kein Problemfilm, sondern ein Thriller, zu dessen Spannungsbogen die gesamte Crew beiträgt. Der Kameramann Michael Schreitel war einst Assistent bei vielen Werbefilmen und Musikvideos; diese Erfahrung kommt nun der satten, teils mit Zeitlupe-Effekten arbeitenden Optik zugute. Die drängende, beunruhigende Musik stammt von Jessica de Rooij, die unter anderem für die Videospiel-Verfilmung „Far Cry“ gearbeitet hat. Und Nemec und Wachtveitl – die wirken in ihrem achtzigsten Fall, in dem es erstaunlicherweise auch einige lockere Wortwechsel gibt wie gewohnt, als hätten sie in den Rollen der ermittelnden Kriminalkommissare noch für mindestens zwanzig weitere Kraft.

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