https://www.faz.net/-gsb-9k4b7

„Tatort“ aus Franken : Giftgipfel in Bayreuth

  • -Aktualisiert am

Stehen im Regen, und zwar so richtig: Dagmar Manzel und Fabian Hinrichs als Kommissare. Bild: BR

Während die Kommissare über Ernährung plaudern, startet ein Anwalt in Bayreuth eine Mordserie, die ihn bis zum Festspielhaus führt. Sein scheinbarer Wahnsinn hat Methode, und die hat etwas mit Milch zu tun.

          Wer sich am Arbeitsplatz auf der Toilette einschließt, um zu weinen, steht in der Regel schon mit einem Bein im Burnout. Mangelnde Anerkennung, Mobbing, Frust. Anders im „Tatort“. Da hockt kein geringgeschätzter Arbeitnehmer schluchzend auf dem Abort, sondern ein Anwalt, der in Kürze zum Mörder wird (Thorsten Merten). Nicht weil er es so will, sondern weil er keine Wahl hat. Der Mann steht unter Druck. Fahrig die Bewegungen, glasig die Augen, schwer die Atmung. Er begibt sich in den Gerichtssaal, schaut auf die Uhr, zieht eine Waffe, zwingt den Richter in der Mitte des Raums auf die Knie und erschießt ihn. Anschließend verlässt er den Tatort und spricht vor der Tür mit einigen Mitarbeitern, die ihm offensichtlich zugetan sind. Sein Name: Thomas Peters. Seine Verfassung: nervös, verzweifelt, müde.

          Womit man müde Männer munter kriegt, zeigt der Vorspann von „Ein Tag wie jeder andere“: Milch, so weit die Kameralinse reicht. Kleine Wellen werden von größeren geschluckt, hier wirft die Oberfläche Blasen, dort entsteht ein Wirbel, Schaumkronen wabern hin und her. Sehr hübsch, fast meditativ. Es folgt der Kontext: Molkerei, Herstellung. Anschließend die unausweichliche Abfüllanlage. Erklärfernsehen-Ästhetik. Sterile Bottiche, polierte Rohre, Tetra Paks, auf denen zu lesen ist: „Koch. Haltbare Vollmilch“. Alles schon dutzendfach so oder so ähnlich in Infotainment-Sendungen wie „Galileo“ gesehen.

          Um den Übergang fließend zu halten, sagen die Kommissare Felix Voss (Fabian Hinrichs) und Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) beim Kaffeekränzchen in der nächsten Szene Sätze wie: „H-Milch schmeckt verkocht. Verkocht!“ Oder: „Das Wetter wird vom lieben Gott gemacht, da kann man nicht viel drüber sagen. Aber was man isst, das bestimmt ja nun jeder für sich allein, da kann man schon drüber reden.“ Damit wäre die alte Erkenntnis aufgewärmt, dass gute Dialoge (Drehbuch Erol Yesilkaya) nicht klingen sollten, als habe man sie im Häkeldecken-Café mitgehört.

          Während die Polizisten Ernährungsfragen erörtern, schickt sich Thomas Peters an, aus einem Mord eine Serie zu machen. Erst fährt er zur Uni und erschießt dort eine Laborantin. Anschließend geht es zum Festspielhaus – wir befinden uns in Bayreuth –, wo vor distinguierten Wagner-Fans gerade ein Walküre-Akt auf dem Schrottplatz gegeben wird. Das ist durchaus charmant, reichen doch wenige Bilder, um die Selbstbestätigungsgrandezza des Kulturbetriebs zu beschwören. Wenn dann noch Thorsten Merten als überforderter Killer durch die Szene stolpert, ist dieser „Tatort“ nicht nur endgültig auf dem Grünen Hügel, sondern auch auf seinem Zenit angekommen.

          Wie aber hängen Mord und Milch nun zusammen? Das erfahren wir in Rückblenden: Ein Paar in der Küche. Sie hält einen Schwangerschaftstest in der Hand, zwei Striche, beide lachen, umarmen und küssen sich. Auf dem Frühstückstisch thront eine Packung Milch. Firma: Koch. Frage: Verkocht? Das nicht, aber verseucht. Nachdem die werdende Mutter davon getrunken hat, endet die Schwangerschaft mit einer Totgeburt. Martin Kessler, der Vater des Kindes (Stephan Grossmann), verwandelt sich daraufhin in ein regelrechtes Monster. Er entführt die Tochter von Peters und lässt ihn als mordende Marionette durch die Stadt ziehen. Mit der Suche nach dem Mädchen und der Charakterzeichnung des Bösewichts füllt Regisseur Sebastian Marka die gesamte zweite Hälfte des Films.

          Er inszeniert die Geschichte vom netten Kerl, dem übel mitgespielt wird, woraufhin er Hass tankt, Rache schwört und verblendet in die Schlacht zieht, als sich steigernde Horrorshow. Kessler sieht zu Beginn vorzeigbar aus und lebt in geordneten Verhältnissen. Nach dem Tod seines Kindes jedoch hält er sich mit Wodka über Wasser und lässt seine Wohnung zum Messie-Domizil verkommen. Auch optisch geht es bergab: vernarbtes Gesicht, trübes Auge. Ihren Höhepunkt erreicht die Psychoparade, wenn Kessler als Karikatur in Ketten und Zwangsjacke ein weitgehend lichtfreies Verlies der Polizeiwache bewohnt. Ein Hannibal in Oberfranken. Was als brutales Spektakel begann, löst sich so in unfreiwilliger Komik auf.

          Der Tatort: Ein Tag wie jeder andere läuft am Sonntag, 24. Februar, um 20.15 Uhr im Ersten.

          Weitere Themen

          Direkter Demokrat

          Fergus Millar ist tot : Direkter Demokrat

          Er provozierte eine der heftigsten Debatten in der jüngeren Geschichte seines Faches: Zum Tod des englischen Althistorikers Fergus Millar.

          „Harri Pinter Drecksau“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „Harri Pinter Drecksau“

          Jürgen Maurer spielt Harri Pinter, einen Mitvierziger, der von sich und seinem Auftritt mehr als überzeugt ist. Als seine Freundin ihn jedoch betrügt, gerät sein Selbstbild ins Wanken. Der österreichische Film läuft am 19.07.2019 um 20.15 Uhr auf arte.

          Topmeldungen

          Erntete zuletzt mehrfach Kritik für seine Äußerungen auf Twitter: Uwe Junge

          Äußerungen von Uwe Junge : Kein Interesse an Mäßigung

          Für gemäßigte Aussagen ist Uwe Junge definitiv nicht bekannt. Im Gegenteil: Er nutzt die Sozialen Netzwerke regelmäßig, um unter seinen Anhängern Stimmung zu machen – mit Erfolg.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.